Weltreligionen Ungläubige DemutSeite 4/4
Der Atheist beispielsweise, der leise lächelnd seinen Gibbon, Ranke oder andere Klassiker liest und die Ausbreitungsgeschichte des Christentums als rein irdischen Vorgang begreifen lernt, sollte daraus lieber Demut ziehen und auch die Wissenschaft als Überzeugungsbildung, Machtkampf und Ideologiestreit betrachten, anstatt sie anzuhimmeln. Schon gar nicht sollte er auf die Idee verfallen, von der Wissenschaft zu verlangen, dem Leben einen Sinn zu geben. Sie handelt vom Sein, nicht vom Sollen.
Eine bizarre Form dieses Denkfehlers kursiert heutzutage als Vorstellung, der Mensch könne sich durch biologische Lebensverlängerung, biotechnischen Umbau oder Zusammenschalten mit technischen Systemen selbst transzendieren. Dass Homo sapiens den Weg für seinen eigenen Nachfolger bahnt, das mag zwar sein, aber ein Übermensch bliebe ebenso irdisch wie sein Wegbereiter. Ein Schritt auf der Karriereleiter der Arten ist eben kein Schritt auf der Himmelsleiter.
Nein, der konsequente Atheist kennt keine Hebebühne ins Transzendente, ebenso wenig wie den Deus ex Machina. Das muss sein Seelenleben indes nicht trüben. Zwar ist der Anteil der Selbstmörder unter den Ungläubigen größer als unter den Gläubigen. Das heißt aber nicht, dass ihnen die Gottlosigkeit Seelenpein bereite oder die heilsame Wirkung des Glaubens abgehe. Denn unter den Atheisten sind signifikant mehr Männer als unter den Gläubigen, und Männer bringen sich nun einmal häufiger um als Frauen. Ansonsten geht’s den Ungläubigen so weit ganz gut, niemand muss sich um ihre seelische Gesundheit Sorgen machen. Die Befunde der Sozialpsychologie lassen sich in den Worten des israelischen Religionspsychologen Benjamin Beit-Hallami zusammenfassen: »Man hätte sie gern als Nachbarn.« Atheisten seien tendenziell weniger autoritär, pflegten weniger Vorurteile und übten mehr Toleranz als andere. Was nicht an ihrem Atheismus liegen muss, vielleicht sind dies alles nur Nebenwirkungen des Bildungsfortschritts.
Freilich ist nicht anzunehmen, mit zunehmender Bildung nähme die Gottlosigkeit überhand. Es mag weltweit 500 Millionen Atheisten geben oder auch eine Milliarde, die Schätzungen schwanken, in jedem Fall aber verringert sich derzeit ihre Zahl, denn die Bevölkerung der stark religiösen Länder wächst schnell, die der nichtreligiösen nimmt ab. Und selbst in den westlichen Ländern ist der Atheismus eine Lebensform, die eher des Schutzes bedarf. Sie ist fast wie Aussätzigkeit ins Private verbannt; kaum ein Politiker findet sich, der sich öffentlich demonstrativ zu ihr bekennte, wie es seine Berufskollegen mit ihrem Gottesglauben tun. Jedenfalls kann es nicht schaden, hin und wieder in Erinnerung zu rufen, dass die Religionsfreiheit auch für die Religionsfreien gilt. Diese bringen zwar keine Gefühle in Stellung, die wie rohe Eier behandelt werden müssten, sie halten keine Symbole hoch, deren Entheiligung eine Kollektivbeleidigung wäre, sie fordern weder speziellen Unterricht für ihre Kinder in der Schule noch Subventionen, aber ihnen steht der gleiche Achtungsanspruch zu wie den Religiösen.
Atheisten haben Anteil an der Kultur, und keinen geringen an der europäischen zumal. Ohne sie würde etwas fehlen, etwa die rückhaltlose Religionskritik, aber nicht zuletzt die Option einer metaphysisch abgerüsteten Humanität. Den Menschen nicht als Geschöpf eines Höheren zu lieben, sondern so, wie er ist, ohne Vollendungshoffnung, stattdessen mit Nachsicht, Mitgefühl, freundlichem Spott, darin besteht das humanistische Versprechen der Gottlosigkeit. Eine Haltung, die übrigens auch von erfahrenen Seelsorgern bekannt ist. Die wirklich großen Überzeugungen treffen einander nicht im Unendlichen, sondern im Menschlichen.
Zum Thema
Rituale der Ungläubigen
-
Auch im Alltag desjenigen, der nicht glaubt, gibt es rituelle Handlungen »
Religionen
-
Ein Schwerpunkt über Fluch und Segen der Weltreligionen - und weshalb sie die Menschen bis heute faszinieren »
Jesus und Amen
Lesen Sie den Artikel aus der Serie "Weltreligionen" exklusiv in der aktuellen Ausgabe 13/2007 der ZEIT:
Die Deutschen, ein Volk von Ungläubigen? Von wegen.
Von Thomas E. Schmidt
- Datum 11.04.2007 - 05:26 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
- Kommentare 69
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









... dann lesen Sie mal Platinga und die anderen zeitgenössischen christlichen Religionsphilosophen - Sie werden erstaunt sein.
'die größten Heiligen der Geschichte haben gezweifelt,...'
Vielleicht, weil sie nicht selten die größten Verbrecher waren?
Das ist aber platteste Dualität und die kann wohl nur einem Gläubigen einfallen.
Man muss schon für möglich halten, dass es zwischen auf einer Skala von Plus und Minus noch die Nullposition geben kann oder bei einer nur aufsteigenden Skala eben auch die Null.
Oder eben so, wie die Menschen, die zwischen Freiheit und Gleichheit einen unauflösbaren Widerspruch sehen, wo doch das reale Leben nicht das Entweder-Oder ist, sondern die Schwingung dazwischen.
Ich trete Ihnen zu Seite :-).
Mit Moral habe ich auch nichts am Hut. Dafür zeiht man mich der Warmherzigkeit ;-).
Das gefällt manchem Gläubigen nicht.
Heut mach ich mir kein Abendbrot, heut mach ich mir Gedanken ;-).
daß dieser Artikel wieder einmal eines dieser unsäglich flauen und platten ZEIT-Produkte ist....
Theologie als Denkverbot - der Mann hat einfach keine Ahnung!
'Der Glaubende hätte den Vorteil, nicht zweifeln zu müssen'...'der Glaube setze einen Reflexionsstopp'...
Unglaublich dumm und uninformiert, wie offensichtlich nur Atheisten sein können - die größten Heiligen der Geschichte haben gezweifelt, die größten Geistesheroen, die großen Religionsstifter haben gezweifelt.... der einzige, der in seinem Dünkel nicht zweifelt ist der Atheist .
Doch auch Alltagserfahrung lehrt: die wirklich wagemutigsten, innovativsten, witzigsten, unkonventionellsten Denker sind Leute, die (nicht marktschreierisch - aber diskret zurückhaltend) sich zu einem Glauben bekennen....
...wie alle Glaubensvertreter argumentieren, wenn sie ihren Glauben verteidigen...
vielen dank, herr randow,
ein schöneres geburtstagsgeschenk konnten sie mir nicht machen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren