Ein Rausch des Verbietens hat die Republik erfasst. Wer derzeit das Treiben der gesetzgebenden Körperschaften in diesem Lande verfolgt, muss zu dem Schluss kommen, dass sich deutsche Politik, Medien und Mehrheitsgesellschaft zu einem einzigen gemeinsamen Ziel verschworen haben: Das Leben soll ungemütlicher werden. Alkohol und Tabak , Hunde und schnelle Autos, Flugreisen und Computerspiele, Fernsehen und Fast Food – alles, was Spaß, ein wenig Wärme und Abwechslung und Komfort verspricht, das Selbstbewusstsein stärkt oder Fluchten aus dem Alltag organisiert, die preiswerten Vergnügungen des kleinen Mannes zumal, soll eingeschränkt, reglementiert, verteuert, wenn nicht gar verunmöglicht werden. Es ist bestürzend und in seiner Systematik nahezu grotesk. Woher der Furor der Disziplinierung, die Lust an der Einschränkung ausgerechnet jetzt, in einer Zeit, von der man gewiss nicht sagen kann, dass sie an Überfluss und bedrohlich wachsendem Wohlstand leide? Überall sollen unsere Freiheiten eingeschränkt werden. BILD

Die offiziellen Erklärungen der verbietenden Elite nennen zwar den Klimawandel, die Volksgesundheit, die gefühlte oder tatsächliche Bedrohungslage auf unseren Straßen, sie können bissige Hunde und prügelnde Computerkids anführen. Den Zeitpunkt aber und die Auswahl begründen können sie nicht. Alkohol und Tabak sind in ihrer Schädlichkeit seit Jahrhunderten bekannt, die Abgase von Autos und Flugzeugen seit Jahrzehnten berechnet, aber niemals zureichend besteuert worden; warum also jetzt? Über den Einfluss verderblicher Medien wird seit Erfindung des Buchdrucks gestritten; zum Schutz vor Verführung hat die Kirche seinerzeit den Index Romanus eingeführt und wegen Vergeblichkeit wieder abgeschafft.

Ebenso ist gesundes und ungesundes Essen seit Menschengedenken in der Welt; und immer galt die traurige Wahrheit: dass es die Armen sind, die sich schlecht ernähren. Nirgendwo aber werden die Willkür und die populistische Irrationalität der Verbote deutlicher als in den ständig verschärften Hundeverordnungen, auf denen sich der gefährlichste Hund nicht findet, weil er der beliebteste in Deutschland ist: der Schäferhund. Stattdessen findet sich neben einigen zu Recht indizierten Kampfhunden ein Dutzend Rassen, von denen, ihrer Seltenheit halber, gar keine Vorfälle bekannt sind. Sie haben aber unheimliche ausländische Namen. Sie sind keine realen Bedrohungen, sie sind die Projektionen unserer Amtsstubenängste vor dem, was sich womöglich nicht kontrollieren lässt.

Eine solche Hundeverordnung, freilich ungeschrieben, gibt es auch für die menschliche Gesellschaft. Auf ihr stehen die Freizeitgebräuche der potenziell gefährlichen sozialen Klassen, Milieus und Altersgruppen, die von der bürgerlichen Bildungspädagogik nicht erreicht und von der grünen Propaganda zu ökologischem Verhalten nicht gebracht werden konnten. Nehmen wir uns die Liste der geplanten Verbotsgesetze noch einmal vor. Der Klassencharakter lacht einen geradezu schamlos an: Alkohol und Tabak, Hunde und Autos, billige Fernreisen und Computerspiele, Fernsehen und Fast Food.

Alle diese angeblich wegen ihrer medizinischen oder ökologischen Bedenklichkeit indizierten Freizeitspäße entsprechen aufs Haar genau den Klischees proletarischer Lebensführung. Suff und Qualm: die Proletenkneipe. Hunde und Autos: der Proletensport. Mallorcaflüge: der Proletenurlaub. Fernsehen, Videospiele und Fast Food: alles, was dumm, brutal und dick macht. Nur einer Frage weichen die Politiker aus, die zum Wohle des Volkes solcherlei Freizeitgestaltung verbieten wollen: ob es sich dabei nicht um eine logische Wahl von Menschen handelt, die ohne berufliche Aussichten und berechtigten Ehrgeiz sind.

Nach den letzten Hartz-IV-Kürzungen wird niemand mehr behaupten können, dass den Arbeitslosen und alimentierten Unterschichten noch immer zu viel Geld für billige Amüsements zur Verfügung stünde. Die Sozialreformen und Arbeitsmarktveränderungen der letzten Jahre haben ihnen nacheinander und systematisch die Hoffnung genommen: auf Beschäftigung, auf Förderung, auf sozialen Wiederaufstieg, auf Anerkennung und Respekt der Gesellschaft. Und nun? Warum sollen ihnen nun ausgerechnet auch die Vergnügungen gestrichen werden, die noch in ihrer finanziellen Reichweite liegen oder den Üblichkeiten ihrer Milieus entsprechen?