Zwangsarbeiter Ein wenig Versöhnung
Die Entschädigung der Zwangsarbeiter ist nach langem Ringen zu einem würdigen Abschluss gekommen.
Zum Beispiel Xavier Hays. Der 80-jährige Franzose erinnert sich nicht gern. Aber dann erzählt er doch mit gebrochener Stimme, wie er als junger Mann mit einer Gruppe von zwölf Kameraden Widerstand gegen die deutschen Besatzer leistete. Er brach in Waffendepots ein, verübte Sabotageakte gegen die Wehrmacht. Im September 1943, er ist gerade 17, wird er von der Gestapo geschnappt. Ein Leidensweg durch deutsche Gefängnisse und Lager beginnt, der Alltag besteht aus Folter, Hunger, Krankheit. Und aus Zwangsarbeit: Beseitigung von Trümmern, Entschärfen von Minen, Bauarbeiten. Immer unter primitivsten Bedingungen, oft lebensgefährlich. Im März 1945, als Hays von den Amerikanern befreit wird, ist seine Jugend zerstört. Und seine Gesundheit für den Rest des Lebens ruiniert.
Hays ist eines von 1,66 Millionen Opfern der Nazidiktatur, denen in den vergangenen fünf Jahren für das erlittene Leid wenigstens eine symbolische Summe zugesprochen wurde. Schicksale wie seins hat die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« zu Tausenden und Abertausenden dokumentiert. Jedes anders – und doch in einem Punkt gleich: Nie hat Deutschland eine Schuld gegenüber den Zwangsarbeitern anerkannt, stets hat es eine Entschädigung verweigert. Jetzt erhielt Hays 7669 Euro.
»Wenn Sie glauben, ich würde die Bundeskasse noch einmal aufmachen, dann ist die Antwort nein.« Das war die Reaktion von Bundeskanzler Helmut Kohl, als er im August 1998 nach einer Entschädigung für NS-Zwangsarbeiter gefragt wurde. Deutschland habe genug gezahlt, hieß das, die Bundesregierung habe kein Interesse daran, dass eine neuerliche Debatte um die Entschädigung von Naziopfern hochkommt. Bis dahin waren lediglich pauschale Zahlungen für die KZ-Toten an den Staat Israel und verschiedene osteuropäische Länder geflossen, die überlebenden Zwangsarbeiter waren leer ausgegangen. Was 1998 nicht ausgesprochen wurde: Warum eine peinliche Auseinandersetzung, wenn sich das Problem auf biologische Weise von selbst löst?
Ein paar Monate später machte die rot-grüne Regierung die Entschädigungsfrage zu ihrem Anliegen. Es galt, so Gerhard Schröder in seinen Erinnerungen, »den Millionen von Zwangs- und Sklavenarbeitern Nazi-Deutschlands wenigstens mit einer materiellen Geste zu zeigen, dass ihr Leiden nicht länger verdrängt oder vergessen war«. Nach zähem Ringen kamen fünf Milliarden Euro zusammen, je zur Hälfte beigesteuert von der deutschen Wirtschaft – die während des Krieges entschieden von der Zwangsarbeit profitiert hatte – und vom Bund. Inzwischen sind die letzten Raten überwiesen. Die einmalige Aktion ist unter schwierigen Bedingungen ein beachtlicher Erfolg geworden und hat so manchen mit Deutschland versöhnt. Der Vertreter der Jewish Claims Conference in Deutschland, Georg Heuberger, wertet sie als einen »wichtigen zivilisatorischen Fortschritt – auch wenn es nur Millimeter sind«.
Gleich nach der Bundestagswahl vereinbarte die rot-grüne Koalition 1998, »unter Beteiligung der deutschen Industrie eine Bundesstiftung ›Entschädigung für NS-Zwangsarbeit‹ auf den Weg zu bringen«. Damals kam bereits beträchtlicher Druck aus den USA. Amerikanische Anwälte hatten 60 Sammelklagen gegen deutsche Unternehmen eingebracht, um sie zur Zahlung von Entschädigung zu zwingen. In den Chefetagen wurde das als hohes Risiko empfunden: fürs Ansehen und fürs Geschäft.
Während 16 Unternehmen eine Stiftungsinitiative gründeten, verhandelte Otto Graf Lambsdorff im Auftrag der Bundesregierung in Washington. Das Ziel: ein deutsch-amerikanisches Regierungsabkommen, mit dem die Sammelklagen als schädlich für amerikanische Interessen abgewiesen werden könnten. Nur wenn alle diese Klagen abgeschmettert würden, war die deutsche Wirtschaft bereit zu zahlen. Ihre Devise: Ohne Rechtssicherheit kein Geld. Gleichzeitig mussten die finanziellen Forderungen der Opfervertreter aus den osteuropäischen Ländern und Israel auf realistische Vorstellungen gestutzt werden. Laute Proteste waren die Folge.
Im Juli 2000 wurde das deutsch-amerikanische Regierungsabkommen schließlich unterzeichnet. Das Gesetz über die Errichtung der Stiftung mit einem Volumen von fünf Milliarden Euro trat am 12. August 2000 in Kraft. Es legte die Höhe der Entschädigung für Zwangsarbeit fest, dazu konkrete Summen für die einzelnen Länder, in denen die Opfer ihren Wohnsitz hatten. Außerdem sollte der Fonds »Erinnerung und Zukunft« finanziert werden, der die Auseinandersetzung der nachfolgenden Generationen mit der NS-Zeit fördert.
- Datum 12.06.2007 - 11:32 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren