Buchstadt Leipzig Der Puls der Welt
Wer die Buchmesse besucht, sollte auch einmal einen Spaziergang durch das Graphische Viertel der alten Verlagsstadt machen
Der Menschenstrom hat jedes Jahr im März eine Richtung: Aus dem Leipziger Hauptbahnhof strömen die Gäste der Buchmesse zur Straßenbahnlinie 16 mit der Aufschrift »Neue Messe«. Zu dieser Neuen Messe aber gehört, fast vergessen, eine alte Verlagsstadt, und um sie kennenzulernen, könnte man einmal einen anderen Weg einschlagen als der Tross der Messebesucher. Die Innenstadt überließe man fürs Erste den Bach-Touristen und liefe vom Bahnhof aus den sogenannten Ring entlang, jenen Weg, auf dem am 9. Oktober 1989 einhunderttausend Menschen demonstrierten, bis bald darauf die Diktatur in die Knie ging.
Vor dem Spaziergänger liegt der Augustusplatz. 1968 rückten hier Walter Ulbrichts Zerstörungskommandos an: Sie sprengten die spätgotische Universitätskirche, eine Predigtstätte Luthers, das Augusteum, das Hauptgebäude der Universität, und das äußerlich nur wenig versehrte Gewandhaus im Musikviertel. Der Spaziergänger indes, der dieses Zerstörungswerk vielleicht nur aus Büchern kannte, verlässt den Augustusplatz, über den schon die Professoren Hans Mayer und Ernst Bloch zur Universität schritten, ehe sie, wie so viele, Leipzig in Richtung Westen verließen, und schlüpft durch eine schmale Zufahrt in eine andere Welt – in das Graphische Viertel, in die Vorkriegsgeschichte der Stadt.
Am 16. April 1945 rückten die Amerikaner in Leipzig ein. Vor dem Krieg, 1930, verzeichnet das Leipziger Adressbuch noch 1096 Buchhandlungen, Buchbindereien und -druckereien und 436 Verlage, darunter Baedeker, das Bibliographische Institut, Brockhaus, Dieterich, Hirzel, Gustav Kiepenheuer, den Insel Verlag Anton Kippenbergs, Koehler & Amelang, Alfred Kröner, Paul List, Felix Meiner, Quelle & Meyer, Reclam, Seemann, Teubner, Georg Thieme, Velhagen & Klasing und bedeutende Musikverlage wie Breitkopf & Härtel, Friedrich Hofmeister und Edition Peters.
Bereits im 19. Jahrhundert hatte der Aufstieg des Graphischen Viertels zum größten Verlagsstandort Deutschlands begonnen. »Du fühltest den Puls der Welt dir im eigenen Leibe schlagen«, lässt Thomas Mann im Doktor Faustus seinen Adrian Leverkühn über die Messe- und Verlagsstadt Leipzig sagen. Gäbe es eine Frankfurter Buchmesse, wenn die Amerikaner in Leipzig geblieben wären? Aber Deutschland war an den Konferenztischen der Alliierten längst aufgeteilt worden. Am 12. Juni verfrachteten die Amerikaner die Inhaber der Verlage Brockhaus, Thieme, Dieterich, Insel und andere in einem Konvoi nach Wiesbaden. Später folgte Ernst Reclam. Am 2. Juli 1945 nahmen die russischen Truppen Besitz von Leipzig. Sie fühlten sich wohl, auch Russen lieben ja Bach, demontierten aber zahlreiche Druckereien als Reparationsleistung und hielten bis 1990 die Stellung. Die Verleger und Leipziger Verlagsangestellten wanderten nach Westen, die noch funktionstüchtigen Maschinen nach Osten. »Im Buchgewerbe trafen Sie nach 1945 bei uns überall auf Leipziger«, hat unlängst ein freundlicher Verleger aus Tübingen bemerkt.
In den Jahrzehnten der DDR erlebte das Graphische Viertel nochmals einen bescheidenen Aufschwung. In den noch bestehenden Verlagen und Druckereien – die meisten waren zu volkseigenen Betrieben geworden – wurden wieder Bücher lektoriert, übersetzt, illustriert, gedruckt und verkauft, die gefragten Titel nur als »Bückware« unter dem Ladentisch. Dann versetzten die Rückübertragungen, die Treuhand-Aktivitäten der neunziger Jahre, aber auch der Hunger nach allem, was aus dem Westen kam, der Verlagsstadt den Todesstoß. Im Graphischen Viertel gingen die Lichter aus. Zwar leben in Leipzig heute eine halbe Million Menschen, aber das sind 200000 weniger als im Jahr 1930. Damals war die Messestadt mit etwa 720000 Einwohnern die viert- oder fünftgrößte Stadt Deutschlands.
Geblieben sind die stummen Zeugen der einstigen Buchstadt, die der Spaziergänger noch auffinden kann, zum Beispiel die Brockhaus-Büste im Brockhaus-Zentrum, in dem heute wenigstens noch die Lektoren und Redakteure von Brockhaus und Meyer arbeiten. Ein paar Schritte weiter fallen die Strahlen der Märzsonne auf das Reclam-Carree, ein stattliches Verlags- und Druckereigebäude aus dem Jahre 1905 mit Goethe-und-Schiller-Medaillon und Reliefs mit Motiven aus dem Buchgewerbe. Bücher entstehen hier keine mehr. Schräg gegenüber in einem prächtigen Gründerzeithaus hatte Kurt Wolff von 1914 bis 1919 seinen Verlagssitz. Er verlegte »die Autoren der expressionistischen Generation«, wie eine Gedenktafel verkündet: Benn, Hasenclever, Kafka, Trakl, Werfel und andere. Gleich, in welche Richtung man weitergeht, überall befanden sich Verlage, Druckereien, Buchbindereien. Von der einstigen Betriebsamkeit dieses Viertels ist heute nichts mehr zu spüren.
Wo in Leipzig Japaner auftauchen, sind Musikergedenkstätten nicht fern, und der Spaziergänger sollte den Besuchern ruhig folgen. In dem vornehmen spätklassizistischen Wohnhaus in der Inselstraße 18 lebten von 1840 bis 1844 Robert und Clara Schumann, hier entstanden die Frühlingssinfonie und ein großer Teil der Schumannschen Liedkompositionen. Gut zwanzig Jahre später wohnte gleich um die Ecke (in der heutigen Scherlstraße) ein Student und Pfarrerssohn namens Friedrich Nietzsche. 1865 entdeckte er in einem Antiquariat Schopenhauers Werk Die Welt als Wille und Vorstellung und erwarb es: einer der folgenreichsten Buchkäufe des 19. Jahrhunderts.
An Brandstetters Druckereipalast geht es vorbei zum Johannis-Friedhof mit den Brockhaus-Gräbern. Und von dort ist es nicht weit zum Haus des Buches und dem Seemann Verlag. Hier am Gutenbergplatz, dem einstigen Zentrum des Graphischen Viertels, arbeiten noch einige Büchermenschen, die Leipzig nicht verlassen haben. Es werden Bücher gemacht, es gibt Ausstellungen und Lesungen, es wird ausgebildet. Gegenüber stehen Ruinen und Kriegslücken neben sanierten Gründerzeithäusern, an deren Wänden die Werbung ruft: »Mieten Sie bei uns, und wir zahlen Ihren nächsten Urlaub.« Ein schwacher Trost für die, die blieben.
In einem weiten Bogen nähert man sich dann dem Stadtzentrum, und nach einem Abstecher zum einstigen Stammsitz des Musikverlags Edition Peters mit der neuen Edvard-Grieg-Gedenkstätte – auch die Baedeker-Reiseführer entstanden einst gleich um die Ecke – erreicht er das Mendelssohn-Haus in der Goldschmidtstraße 12. Japaner weisen wieder den Weg: Der Bach-Verehrer, Komponist und Gewandhausdirigent Felix Mendelssohn Bartholdy lebte von 1845 bis zu seinem Tode 1847 in der ersten Etage dieses klassizistischen Bürgerhauses. Das Oratorium Elias ist hier entstanden. Nach dem Krieg war das Haus so heruntergekommen, dass kaum noch ein Leipziger wusste, dass hier bei den Mendelssohns die Schumanns und Richard Wagner zu Gast waren. Nebenan, auch da riss der Krieg eine Lücke, gründete übrigens 1908 ein junger Mann seinen Verlag. Er hieß Ernst Rowohlt.
Vom Mendelssohn-Haus aus blickt der Spaziergänger dann zurück ins Graphische Viertel. Vor ihm liegt wieder der Augustusplatz mit dem Gewandhaus und der Oper, dahinter erheben sich die Nikolai- und die Thomaskirche. So kehrt der Spaziergänger vom Gräberfeld der einstigen Verlagsstadt ins Herz der lebendigen Musikstadt Leipzig zurück. Und fährt dann vielleicht ja doch noch, mit dem Strom der Besucher, zur Messe, mit der Straßenbahnlinie 16.
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- Datum 10.03.2009 - 12:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
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