Buchstadt Leipzig Der Puls der WeltSeite 2/2

Wo in Leipzig Japaner auftauchen, sind Musikergedenkstätten nicht fern, und der Spaziergänger sollte den Besuchern ruhig folgen. In dem vornehmen spätklassizistischen Wohnhaus in der Inselstraße 18 lebten von 1840 bis 1844 Robert und Clara Schumann, hier entstanden die Frühlingssinfonie und ein großer Teil der Schumannschen Liedkompositionen. Gut zwanzig Jahre später wohnte gleich um die Ecke (in der heutigen Scherlstraße) ein Student und Pfarrerssohn namens Friedrich Nietzsche. 1865 entdeckte er in einem Antiquariat Schopenhauers Werk Die Welt als Wille und Vorstellung und erwarb es: einer der folgenreichsten Buchkäufe des 19. Jahrhunderts.

An Brandstetters Druckereipalast geht es vorbei zum Johannis-Friedhof mit den Brockhaus-Gräbern. Und von dort ist es nicht weit zum Haus des Buches und dem Seemann Verlag. Hier am Gutenbergplatz, dem einstigen Zentrum des Graphischen Viertels, arbeiten noch einige Büchermenschen, die Leipzig nicht verlassen haben. Es werden Bücher gemacht, es gibt Ausstellungen und Lesungen, es wird ausgebildet. Gegenüber stehen Ruinen und Kriegslücken neben sanierten Gründerzeithäusern, an deren Wänden die Werbung ruft: »Mieten Sie bei uns, und wir zahlen Ihren nächsten Urlaub.« Ein schwacher Trost für die, die blieben.

In einem weiten Bogen nähert man sich dann dem Stadtzentrum, und nach einem Abstecher zum einstigen Stammsitz des Musikverlags Edition Peters mit der neuen Edvard-Grieg-Gedenkstätte – auch die Baedeker-Reiseführer entstanden einst gleich um die Ecke – erreicht er das Mendelssohn-Haus in der Goldschmidtstraße 12. Japaner weisen wieder den Weg: Der Bach-Verehrer, Komponist und Gewandhausdirigent Felix Mendelssohn Bartholdy lebte von 1845 bis zu seinem Tode 1847 in der ersten Etage dieses klassizistischen Bürgerhauses. Das Oratorium Elias ist hier entstanden. Nach dem Krieg war das Haus so heruntergekommen, dass kaum noch ein Leipziger wusste, dass hier bei den Mendelssohns die Schumanns und Richard Wagner zu Gast waren. Nebenan, auch da riss der Krieg eine Lücke, gründete übrigens 1908 ein junger Mann seinen Verlag. Er hieß Ernst Rowohlt.

Vom Mendelssohn-Haus aus blickt der Spaziergänger dann zurück ins Graphische Viertel. Vor ihm liegt wieder der Augustusplatz mit dem Gewandhaus und der Oper, dahinter erheben sich die Nikolai- und die Thomaskirche. So kehrt der Spaziergänger vom Gräberfeld der einstigen Verlagsstadt ins Herz der lebendigen Musikstadt Leipzig zurück. Und fährt dann vielleicht ja doch noch, mit dem Strom der Besucher, zur Messe, mit der Straßenbahnlinie 16.

Zum Thema
Leipziger Buchmesse - Das Lesefest ist eröffnet »

Bücherfrühling - Rezensionen zur Leipziger Buchmese »

Der Leipziger Gutenbergweg, Geschichte und Topographie einer BuchstadtSabine Knopf und Volker TitelBelletristikBuchSax Verlag2001Beucha18,-200; 150 Abb.
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service