Medienschelte Dichter am Leser
Günter Grass beschimpft die Medien, das Publikum applaudiert. Warum es sich lohnt, genau hinzuhören.
Medienkritiker Grass
Je mehr Günter Grass seine Kritiker (die sich über das späte Geständnis seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS wunderten) beschimpft, umso heftiger applaudiert das Publikum. Ist es blöde? Aus der Stärke des Beifalls folgt nicht die Richtigkeit des Gesagten, das ist wahr. Aber auch nicht seine Falschheit. Was Grass in seinem eben erschienenen Gedichtband Dummer August sowie in Gesprächen und bei Lesungen den Medien vorwirft, mag noch so ungereimt klingen; Tatsache ist, dass die große Schar seiner Leser und Hörer ihn sympathisierend versteht und auf Händen der Zustimmung trägt.
Auch wenn es nicht ganz klar ist, worauf diese Zustimmung sich gründet, so ist sie doch für den Berufsstand des Journalisten beunruhigend. Der Journalist ist schlecht beraten, wenn er Stimmungslagen gänzlich ignoriert. Natürlich könnte er Grass, der von »Kampagne«, von »Wolfsrudelgeheul«, von »Schnellgerichten« spricht, üble Übertreibung vorhalten; und leicht wäre es, seinen Vorwurf der Selbstgerechtigkeit an ihn selbst zurückzugeben. Das ist ja auch ausgiebig passiert. Aber solche Retourkutscherei führt zu nichts.
Also wird man aus dem Beifall für Grass zunächst Folgendes schließen dürfen: erstens, dass sich die Medien wachsender Unbeliebtheit erfreuen. Ihre Glaubwürdigkeit hat abgenommen. Zweitens, dass Grass in einigen Punkten recht hat. Und dass all dies, drittens, damit zu tun hat, dass sich die Landschaft der Medien und das Gewerbe der Journalisten verändert haben, was insofern nicht überrascht, als sie von der Beschleunigung der Lebensverhältnisse zuerst und am stärksten ergriffen wurden.
Schnelligkeit ist eine Tugend des Journalisten, keine Frage. Die jetzige Schnelligkeit aber ist nicht Ausdruck einer sportlichen Gestimmtheit, sondern auch eines wachsenden Konkurrenzdrucks. Der Verdrängungswettbewerb auf dem Markt der Medien verführt diese dazu, nicht allein auf Qualität und Ausdauer zu vertrauen, sondern Sensationen zu produzieren und sich selbst marktschreierisch anzupreisen. Einer großartigen, in Verfassungsgerichtsurteilen nachzulesenden Interpretation zufolge sind Presse, Funk und Fernsehen die vierte Gewalt. Diese Sonderstellung schließt ein die Pflicht zu objektiver, unbestechlicher, desinteressierter Berichterstattung. Sie schließt aus (sollte ausschließen), dass sich die Medien selbst zum Gegenstand der Berichterstattung machen. Sie sollte ausschließen, dass sie Ereignisse herstellen, um ihre Folgen zu inszenieren und daran ökonomisch zu partizipieren. Dies aber ist, von Big Brother bis zu Germanys Next Topmodel, längst Usus, und auch die Inszenierung des Geständnisses von Grass, an welcher der Autor und sein Verlag nicht unschuldig waren, gehört in diesen Zusammenhang. Es ist ein Unterschied, ob man schlechte Gedichte schlecht nennt oder ob man ihrem Verfasser nachstellt.
Journalisten sollten sich nicht täuschen: Massenhafter Konsum verträgt sich durchaus mit Verachtung. Je scheinbar beliebter und erfolgreicher der inszenatorische Journalismus wird, umso näher liegt die Gefahr seines Untergangs. Die Intelligenz des Publikums zu unterschätzen ist ein Fehler. Peter Weir erzählt in seinem prophetischen Film Die Truman Show (1998) von einer universalen Fernsehinszenierung, die den alten Unterschied zwischen dem Urheber eines Berichts und seinem Gegenstand, zwischen dem Betrachter und dem Betrachteten annulliert. Der Einzige, der das nicht kapiert, ist der arme Held des Films. Er ist Darsteller einer Show, die sein Leben ist. Als er den Betrug merkt, ergreift er die Flucht – und uns ergreift das Mitleid.
Je innovativer, je fantasievoller die Medien sich bei dem Versuch verhalten, die Grenzen ihres ursprünglichen Auftrags auszuweiten, je bedenkenloser sie die Aufmerksamkeit des Publikums durch Scheinsensationen und Selbstinszenierungen fesseln wollen, umso mehr droht ihnen die stille Verachtung der Umworbenen.
Vielleicht liegt darin der Grund für den Beifall, den Grass allerorten erzielt. Allzu großes Mitleid verdient er jedoch nicht. Denn Grass – wie auf andere Weise Martin Walser – ist ein gutes Beispiel dafür, dass für den Erfolg des Schriftstellers nicht allein die Qualität seiner Bücher ursächlich ist, sondern auch seine Fähigkeit, auf der Klaviatur des medialen Betriebs zu spielen. Kein Zweifel: Das kann Grass.
Wer immer jetzt einwendet, der Autor vorliegender Zeilen sitze im Glashaus, hat recht. Aber wer im Glashaus sitzt, kann den guten Rundumblick nutzen.
Der Schriftsteller Günter Grass auf der Frankfurter Buchmesse 2006 im Gespräch mit dem Chefredakteur der ZEIT, Giovanni di Lorenzo.
Hören Sie hier das Gespräch
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- Datum 31.03.2007 - 03:48 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.03.2007 Nr. 14
- Kommentare 16
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zu lesen. Und das klingt jetzt schon ganz anders. Sie müssen doch auch zugeben, dass diese Professionalität eines @RSch viel entspannter und leichter zu lesen ist als Polarisierungen und Denk-Schemata.
Es wird ständig zurzeit nur noch eines gegen das andere ausgespielt, wobei wenig Sachlichkeit oder Information vermittelt wird als viel mehr Aggressionen und Feindbilder geschürt werden. - Und dieses nervt.
Sich professionell mit einem Grass oder auch - ganz auf der anderen Seite - einem Achmadinedschad auseinanderzusetzen abverlangt eine Menge an geistiger Arbeit von dem, der verstehen will. Mit Hauruck- und Schnell-Schnell-Denke sollte man sich zumindest in der Literatur nicht abspeisen lassen. - Also das mal so in Kürze gesagt.
[das haben wir gelöscht, da ein ernstgemeinter Gesprächsansatz nicht zu erkennen war/ Redaktion]
ist treffend beschrieben. Aber muss man dies unbedingt am Beispiel eines vor Selbstmitleid zerfließenden Schriftstellers beschreiben, der sich selbst ins Abseits gestellt hat?
Die Beobachtung des Autors, der betreffende Schriftsteller, erfahre allseits große Sympathie, kann ich nicht nachvollziehen. Die große Mehrheit hat spätestens aufgrund seines - später zurückgenommenen - Hinweises auf eine angebliche 'Entartung' der Presse sein wahres Wesen erkannt und mag nichts mehr über ihn lesen.
So wichtig, wie er sich selbst nimmt, ist er nämlich nicht.
In der Tat: Ich kenne niemanden, den Grass' pompöse Einlassungen noch interessiert. Seine Bücher mag man mit Gewinn lesen, manche jedenfalls, aber seine Kommentare hat er durch sin eigenes Verhalten relativiert. Wie so viele Celebreties, Manager, Politiker hat er doch schon längst den Bezug zur Wirklichkeit der normalen Menschen verloren.
Und die Journalisten? Genau, d i e Journalisten? Naja, warum sollten die besser sein als das ganze Volk, das gerne mit 160 über die Autobahn brezelt und dabei beklagt, dass die Welt tatenlos der Klimaerwärmung entgegen fährt?
daß dieses Problem, das mich schon seit einiger Zeit beschäftigt, auch von Presseleuten gesehen wird. Pressearbeit hatte aber seit Urzeiten auch eine wirtschaftliche Komponente und wird sie auch immer haben. Hier liegt die Verantwortung dann eben wieder bei uns 'Konsumenten' (schreckliches Wort in diesem Zusammenhang. Wer will schon, daß Nachrichten konsumiert werden?!). Wir könnten, und das passiert hier bei den Kommentaren ja schon gar nicht selten, eine bessere Presse einfordern. Dazu müsste man nur wissen, wie man kritisch an Medien herangeht. Im Moment haben wir da eine PISA-ähnliche Bildungskatastrophe zu beklagen.
Von Hanna Arendt stammt die Behauptung, dass man vom Dichter die Wahrheit erwarte – nur was ist die Wahrheit? Und eben dieser Beitrag könnte zeigen, was die Wahrheit auf jeden Fall nicht ist! Denn vor allem glänzt er (neben geschliffenen Worten) durch eine absolute Unkonkretheit! Warum wird Grass von so scheinbar vielen (und darunter nicht wenigen, die ihn wahrscheinlich nie gelesen haben!) jetzt „verstanden“ und warum wird er von den (linken) Intellektuellen (der „Gesinnungsjournaille“, um einen Leser zu zitieren) jetzt abgelehnt? Darauf eine Antwort zu geben, bedeutet sich mit beiden „Typen“ anzulegen. Ich tue es, denn ich bin kein Journalist, will heißen: ich muss davon nicht leben, was ich schreibe!
Also: Die „Massen“, die jetzt Grass verstehen, haben ihn garantiert nie gelesen (so wenig wie „zuvor“ den Walser), denn da hätten sie ihn garantiert nicht verstanden (bzw. verstehen wollen). Der große Zeigefinger zeigte nämlich genau auf sie. Und das ist auch Grass Hauptsünde, dass er sich jetzt genau von diesen Massen über die Kritik tragen lässt. Das ist unseriös bis ekelhaft, um nicht zu sagen, im schlechtesten Sinne: eben populistisch. Und sein „Dummer August“ wird nun zur Allegorie jener aktuell so gefährlichen ideologischen Strömung, nämlich einer jenen durch all die, die da schon immer der Meinung waren, dass die Kritik an den vielen „Mitläufern“ und an den „immer-von-nichts-Wissern“ eine undeutsche Tugend sei - und die jetzt an ihre Stunde glauben. Grass badet sich genau in jenem Patriotismus (der beinahe völlig identisch ist mit kleinbürgerlicher Selbstgerechtigkeit), der ihm eigentlich Säure sein müsste! Und warum wird er von den (linken) Intellektuellen angegriffen? Zum Teil mit dieser Kritik eben, zum Teil aber auch, weil er der sozialdemokratischen Vergangenheitsverdrängung (wofür er bisher auch stand, wie es sich jetzt zeigt!) einen bösen Streich spielt. Grass als Galionsfigur eines jeden sozialdemokratischen Schwenks, hat oft Mehrheiten gebracht, trotz oder auch wegen seines immer erhobenen Zeigefingers (denn dieser machte jene „frei“ – von jeglicher Schuld, bzw. Verantwortung), leitet nun wieder mal einen solchen ein, aber diesmal wird die Sozialdemokratie dadurch ultimativ blamiert. Er spaltet sie ein weiteres Mal: Die Patrioten zieht er hinter sich ins Lager der vor allem (auch) noch außer der Partei stehenden (kleinbürgerlichen) Rechten und die anderen treibt er ins linke Abseits, bzw. in ein sozialdemokratisches Nirwana! Wenn er das mit Absicht gemacht hätte, dann wäre er gar ein genialer Provokateur – der Rechten!? Ein Gespür für das Geschäft (weil für die Massen) hat er allemal – und auch dafür wird er kritisiert - von Rechts bis Links: Von den Rechten, weil er was davon versteht - als 'Linker' (vgl. die Angriffe der FAZ gegen ihn) -, und von den Linken, da er was davon versteht, ohne dabei für sie von der Beute (dem nicht nur sozialdemokratischen „Mitläufer“) was übrig lassen zu wollen.
aber man weiß gar nicht, was Sie da eigentlich so alles haben sagen wollen oder gar gesagt. Denn Ihre Kategorisierung von Links-Rechts kann man überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Schön wäre es, wenn sich die Welt denkender Menschen so einfach in Schubladen pressen ließe.
Und das zeigt es: Ihr Grass-Kritiker könnt nur und niemals eben anders als einzig und alleine in Schemata zu denken. Das Gesamtbild zu erfassen seid ihr nicht in der Lage und wundert euch dann, wenn ihr mal wieder nicht verstanden worden seid.
Wer ist 'man'? Sie, ?
Ist es wirklich Ihnen, liebe kluge erzogene unterrichtete Lebeding, klar, dass Sie sich besser als ausdruecken [oder ueberhaupt], re: 'was so alles Sie eigentlich sagen wollen oder gar' sagen?
??????????????
Er, denkt 'einzig und alleine' (hm!!!!) in Schemata?
Frl Lebeding, was soll das denn heissen?
Spaeter gehen Sie ueber ihn hinaus, jemandem der Ihnen oft aehnlicher ist in seinen Gedanken als andere, und Sie sprechen 'andere' an, mit diesen Worten:
a. 'ihr' wundert Euch, und
b. 'ihr' habt mal wieder nichts verstanden.
Geben Sie 'uns' Raetsel auf?
erklaert warum er schreibt, was er schreibt. Das ist ein ausgezeichneter Anfang, Unfug und Irrsinn zu vermeiden.
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