Naturkatastrophe Rettet den Himmel!

Ein Gespräch mit der Dichterin Margaret Atwood über die Zukunft der Natur

Was wäre, wenn ein genialer Wissenschaftler beschlösse, die Erde zu retten, indem er die Menschheit vernichtet? Margaret Atwood hat die aktuellen Umweltdebatten bereits vor vier Jahren zu Ende fantasiert. Ihr Zukunftsroman »Oryx und Crake« (Berlin Verlag) über die ultimative Ökokatastrophe schließt direkt an unsere Gegenwart der boomenden Gentechnik, der globalen Erwärmung und der Bevölkerungsexplosion an. Natur erscheint bei Atwood als Paradies und Hölle zugleich: das Paradies unserer Anpassung an die Umwelt, aus dem wir in eine voll klimatisierte, genmanipulierte Welt geflüchtet sind; und die Hölle gescheiterter Naturbeherrschung, die in Form entfesselter Mutanten auf uns zurückschlägt.

DIE ZEIT : Welche Umweltsünde hat Sie zuletzt empört?

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Margaret Atwood
          ist die Grande Dame der kanadischen Literatur und
gehört zu den kritischsten Gegenwartsautoren. Geboren 1939 in Ottawa
als Tochter eines Insektenforschers, verbrachte sie einen Großteil
ihrer Kindheit außerhalb der Städte. Eine starke Naturverbundenheit und
ein besonderes Gespür für die Verletztlichkeit des Menschen, aber auch
bissiger Humor zeichnen ihre Texte aus. Weltbekannt wurde sie mit dem
apokalyptischen Roman »Der Report der Magd«. Es folgten der Erzählband
»Tipps für die Wildnis« und Gesellschaftspanoramen wie »Katzenauge«
oder »Der blinde Mörder«. Auf Deutsch erschienen zuletzt »Die
Penelopiade« und »Das Zelt« (beide Berlin Verlag). Atwood unterstützt
gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Graeme Gibson,
verschiedene Umweltschutzorganisationen. Sie lebt in Toronto.

Margaret Atwood ist die Grande Dame der kanadischen Literatur und gehört zu den kritischsten Gegenwartsautoren. Geboren 1939 in Ottawa als Tochter eines Insektenforschers, verbrachte sie einen Großteil ihrer Kindheit außerhalb der Städte. Eine starke Naturverbundenheit und ein besonderes Gespür für die Verletztlichkeit des Menschen, aber auch bissiger Humor zeichnen ihre Texte aus. Weltbekannt wurde sie mit dem apokalyptischen Roman »Der Report der Magd«. Es folgten der Erzählband »Tipps für die Wildnis« und Gesellschaftspanoramen wie »Katzenauge« oder »Der blinde Mörder«. Auf Deutsch erschienen zuletzt »Die Penelopiade« und »Das Zelt« (beide Berlin Verlag). Atwood unterstützt gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Graeme Gibson, verschiedene Umweltschutzorganisationen. Sie lebt in Toronto.

Margaret Atwood : Dass Island wieder mit dem Walfang begonnen hat. Und dass Kanada das Verbot von Schleppnetzen nicht unterschrieben hat.

ZEIT : Warum gerade diese beiden Beispiele?

Atwood: Weil das keine privaten oder privatwirtschaftlichen Fehlentscheidungen sind, sondern politische Sakrilege. Die Botschaft an den Bürger lautet, dass er sich weiter wie die Axt im Walde benehmen darf und seinen sogenannten Lifestyle nicht hinterfragen muss. Die Wale sind ja nicht in Gefahr, Schleppnetze sind okay, wahrscheinlich sind auch Klimaanlagen und dicke Autos okay. So etwas hören wir natürlich gern. Schade, dass es nicht stimmt.

ZEIT: In Nordamerika sind Sie mittlerweile als streitbare Umweltaktivistin gefürchtet.

Atwood: Manche meiner Landsleute finden, dass ich taktlos bin. Neulich habe ich im Toronto Globe einen Essay über die Erderwärmung geschrieben und unseren Premierminister Stephen Harper aufgefordert, endlich die politische Verantwortung für Kanadas Ökoprobleme zu übernehmen. Irgendjemand muss dem nackten Kaiser ja sagen, dass er nackt ist. Sonst glaubt er weiterhin, dass steigende Meeresspiegel bloß problematisch sind, wenn man ein Strandgrundstück besitzt. Es schmelzen aber nicht nur die Pole, sondern auch die Eismassen in der Tundra. Was passiert, wenn der Permafrostboden taut? Dann bricht die Torfsode, uralte Biomasse setzt Kohlendioxid frei, der Sauerstoffgehalt der Luft sinkt, die Temperatur steigt. Ich glaube, es ist höchste Zeit, mal ein bisschen grob zu werden!

ZEIT: Der Held Ihres Romans Oryx und Crake haust als letzter Überlebender seiner Art in einem vermüllten Urwald, am Rand eines verseuchten Ozeans. Er schläft auf einem Baum und sucht seine Nahrung in einer Trümmerstadt, dabei wird er von Organschweinen verfolgt. Ist das nicht etwas übertrieben?

Atwood: Nein. Der Roman basiert ausschließlich auf Dingen, die wir bereits getan haben oder planen zu tun. Er ist nicht utopisch, sondern spekulativ. So wird heute schon künstliches Fleisch aus Zellkulturen generiert. Den grünen Hasen, der im Dunkeln leuchtet, haben die Amerikaner gezüchtet. Und die Ziege, aus deren Milch man Seide spinnen kann, gibt es in Montreal. Wir Kanadier forschen derzeit erfolgreich an transplantierbaren Schweinenieren. Das ist nicht unbedingt schlecht. Es zeigt nur, wozu wir in der Lage sind: zu fast allem.

ZEIT: Die Ungeheuerlichkeit der menschlichen Intelligenz war Lieblingsthema der Intellektuellen im 20. Jahrhundert. Wovor fürchten Sie sich heute?

Atwood: Weniger vor dem böswilligen Missbrauch von Wissen als vor dem ganz normalen Fortschrittsfanatismus. Ein Mann hatte zum Beispiel ein Poliovirus hergestellt. Als man ihn fragte, warum er das getan habe, antwortete er: weil es ein ganz einfaches Virus ist. Beim nächsten Mal werde er ein komplexeres herstellen. Er hatte die moralische Implikation der Frage gar nicht verstanden. Nach dem gleichen Muster weigern sich heute viele große Profiteure der biochemischen Industrie, die Verwerflichkeit ihres Tuns zu sehen. Dass unsere Spezies trotz aller Intelligenz ihr Tun so wenig hinterfragt, halte ich für den wahren menschlichen Makel.

ZEIT: In Ihrem Roman ist die kollabierende Natur ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse. Beschrieben wird ein Spätkapitalismus, der keine Nationalstaaten mehr kennt, stattdessen Konzernstädte, abgeschottet durch Sicherheitssysteme. Auf diesen Wohlstandsinseln leben die Gewinner. Die Verlierer marodieren durch ein soziales Niemandsland, das von Billigkonsum und Drogenhandel geprägt ist. Warum ein doppeltes Horrorszenario?

Atwood: Weil beides, der ökologische und der soziale Verfall, Folgen desselben perversen Ökonomismus sind, derselben Profitgier, derselben Entsolidarisierung. Vorbild waren natürlich die Gated Communities in den USA, wo sich die Unternehmen durch Wachschutz immer mehr abschotten. Die Gründe dafür sind vielfältig: Angst vor Terroristen, Spionage, Sabotage, unterschwellig aber auch vor dem Zorn derer, auf deren Kosten der Profit gemacht wird. So leben die Erfolgreichen wie in einer mittelalterlichen Burg, eingemauert in ein Gefängnis des schlechten Gewissens und der verdrängten Schuld. Leider fühlen sie sich nie wirklich sicher vor dem Plebs da draußen, vor der Anderswelt.

Leser-Kommentare
    • Crest
    • 02.04.2007 um 20:26 Uhr

    denn sowenig der Rechtsbruch eine 'Frucht' des Rechtsstaates ist und seiner Werte, sowenig ist Ausschwitz eine 'Frucht' der Demokratie und seiner Werte.

    Crest

  1. Leider war eine der Früchte Auschwitz, organisiert von einem demokratisch gewählten Führer. In Indien gab es ungefähr zur gleichen Zeit einen Führer, der Gandhi hieß...

  2. Es gibt zwei Arten von Popheten: große und kleine Propheten. Die kleinen sagen nur den Untergang voraus. Die großen dagegen können den drohenden Untergang abwenden. Sie wissen, wie das menschliche Gehirn 'umkehren' kann zu einem einfachen Zustand des Friedens und wie dadurch die Gesellschaft integriert werden kann.

    Während wir im Westen Techniken zur Zerstörung der Welt entwickelt haben, haben sich in Asien Techniken zur Integration ders Gehirns entwickelt. In Indien ist das Wort für die Einheit von Mensch und Natur 'Yoga'. Ein anderes Wort heißt 'Erleuchtung'. Wie wäre es, wenn wir Ausschau hielten nach einem 'Großen Seher', der uns diese Techniken erklärt und für unsere Schulen weltweit aufbereitet?

  3. Das Tempo, mit dem sich der technische Fortschritt vollzieht, ist reichlich höher als dass die Sozialisation des Menschen da noch sinnvoll mithalten kann. Solange der Mensch aber nicht ein festes Fundament unter sich spürt, das ihn auch in widrigsten Lebenslagen zuverlässig trägt, wird jeder einzelne zusehen, sich möglichst viel vom großen Lebenskuchen abzuschneiden. Vielleicht hätte der Glaube an Gott dieses Fundament sein können, da war die aufklärende Wissenschaft aber schneller. Bleibt im Grunde nur die Gesellschaft an sich, wenn sie nicht länger ihre Lebenslügen pflegen will. Sie muss wissen, wo sie in ihrer gleichberechtigten Gesamtheit hin will und dies geschlossen von ihren Regierenden einfordern. Der Einzelne wird zu der dafür erforderlichen Selbstkritik nur in wenigen Fällen im Stande sein.

  4. In diesem Punkt hat Frau Atwood voellig recht: die Bevoelkerungsexplosion ist unser groesstes Problem!

    Weitere Vermehrung der Art Mensch muss zum Krieg fuehren, er ist dann unausweichlich!

    Leider hat das weder die katholische Kirche begriffen, noch der Islam!

    Eine Wende in der Klimapolitik wird nur dann dauerhaft Erfolg haben, wenn auch etwas fuer Geburtenkontrolle getan wird!

    Ein drohender Krieg mit Nuklraewaffen wird die Erde fuer Menschen moeglicherweise nicht bewohnbar hinterlassen!

    Aber Verzweiflung alleine fuehrt nicht weiter, sie ist ein Strudel nach unten, ins Dunkel!

    Ich faende es Wahnsinn, Optimismus zu predigen, aber doch Hoffnung, die Hoffnung, dass der Kampf ums Ueberleben, fuer ein besseres Leben letztlich doch erfolgreich sein wird!

    Nur mache ich mir keine Illusionen, dass die Opfer und das Leid sehr gross sein werden, um das Ziel zu erreichen!

    • Crest
    • 01.04.2007 um 13:00 Uhr

    Während wir im Westen die Idee der Gleich(wertig)keit aller Menschen entwickelten und eine auf dieser Basis operationalisierte Demokratie, hat in Indien eine krämerhafte Moral Fuß gefasst, die zu einem Kastenwesen geführt hat, das an Inhumanität seines Gleichen sucht.

    Vielleicht darf ich das an dieser Stelle sagen, ohne missverstanden zu werden:

    Ich bin sehr stolz darauf, ein Europäer zu sein.

    Herzlichst Crest

  5. Das Hauptproblem des Menschen ist nicht das Verhältnis zu seiner Umwelt, sondern das zu sich selbst, die gegenseitige massive Bedrohung des Menschen durch den Menschen hier eben, Wir bedrohen uns heute und schon länger auch, über Umweltbelastungen, mehr aber noch über die Androhung von direkter Gewalt, gegen uns alle, die wir in Form der, offenbar nicht abschaffbaren, A-Waffenberge heute ja eben sehr klar erkennen können. Das Umwelt- und Klimaproblem wird immer sehr hoch gehandelt - doch ist es nicht viel schlimmer, in einem A-Waffen-Inferno unterzugehen, als allmählich vergiftet zu werden oder auch zu verhungern?
    Vielleicht meint sie dies ja, mit der Rettung des Himmels - nur hätte Sie auch dies hier mal so klar benennen sollen.
    Man hat den Eindruck, dass die Öko-Katastrophe, die man prinzipiell ja vielleicht sogar halbwegs lösen kann, hier unser Hauptproblem überdecken soll, davon ablenken soll. Dabei ist es ja sehr leicht auch zu erkennen, dass selbst deren Lösung durch die gegenseitige direkte Bedrohung durch Rüstung und Kriege, wesentlich erschwert wird. Wozu ein Auto mit wenig Benziverbrauch fahren, wenn man sehr viel Sprit für die Kriegstechnik braucht?
    Eigentlich müsste man, also die Menschheit, sich erstmal um dieses Hauptproblem adqäquat kümmern, nur bzw. erst dann könnte sie sich ausreichend bzw. optimal um die diversen Ökoprobleme kümmern. Schaffen wir ersteres nicht, lösen wir letztlich auch nicht das zweite...!
    Es ist in gewisser Weise pervers, die Umwelt zu retten, z.B. Kernkraftwerke abzustellen - aber A-Waffen und ihre Trägersysteme weiterhin in großer Zahl zu lagern...!

    Zum rückständigen Kastenwesen in Indien und unserem System. In Europa haben wir zwar kein Kastenwesen, aber eben Eliten und eine Unter- und Mittelschicht. Der Wechsel zwischen diesen Schichten ist hier prinzipiell sicher gut möglich, in praxi meist aber eben auch nicht gerade einfach - welches Mitglied bzw. Kind der Unterschicht wurde und wird hier schon ein Teil der Elite?

  6. Soviel noch zur Frage der kleinen und großen Propheten. Der kleine Prophet würde ja den apokalyptischen Weltuntergang ankündigen bzw. vorhersehen, der 'große' (also der, der uns quasi nach dem Mund redet, der uns etwas verspricht, was wir eigentlich am liebsten hätten, nur eben nicht erreichen können) den Himmel auf Erden. Die Mitte liegt hier nun eben im friedlich-wohlorganisierten Aussterben, einer Art Paradies für kurze Zeit sozusagen.
    Es ist aber immerhin interessant und auch bedenklich, dass es den Gedanken, und neuerdings eben auch die ganz reale Möglichkeit der Apokalypse schon lange Zeit gibt, dass dieser bis heute weitergetragen worden ist, zumindest in unserem Kulturkreis.
    Neuerdings sind es ja aber auch Länder anderer Kulturkreise, die, wie Japan im 2. WK oder auch die roten Khmer danach, schon einige moderne Verbrechen begangen haben, und die auch teilhaben und teilhaben wollen an der Vorbereitung bzw. der Riskierung eines apokalyptischen Endszenarios in Form eines großen Atomkrieges. Ich denke hier an China, Nordkorea, Indien und Pakistan. Dafür, für diese ganz reale gesamtgesellschaftliche, artliche, Bedrohung, scheint uns die asiatische Religion ja keine ganz so klare Antwort zu geben, bzw. scheint sie diese Entwicklung nicht so klar vorhergesehen zu haben wie das Christentum bzw. die Autoren der Bibel, scheint mir, als Laie in dieser Sachen anderer Religionen allerdings.
    Gerade wenn man das bedenkt, dass wir sogar dies riskieren und offenbar brauchen, dann, und nur dann, kann bzw. muss man sich mit dem friedlich-wohlorganisierten Aussterben als Glück im Unglück sozusagen, abfinden -
    allemiteinander....!

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