Dokumentarfilm Die Klappstuhl-Klausel
In Tali Shemeshs herzerwärmendem Film »The Cemetery Club« wird Israels Nationalfriedhof zum Debattierclub der Alten.
Wie für eine Reisewerbung sitzen die beiden faltenreichen alten Damen auf ihren Plastikstühlen im seichten Wasser – plauschend, der Sonne zugewandt, bei einem Erholungsurlaub am Toten Meer. »Ich dachte, ich sei dick, aber manche sind ja noch dicker«, meint die eine, ganz matter of fact, ohne jeden gehässigen Zungenschlag. »Du bist nicht dick«, widerspricht die andere, »du hast schöne Beine.« Ja, früher seien ihre Beine wirklich schön gewesen, räumt die Erste ein, aber jetzt hätten sie Flecken – Widerspruch der Zweiten und so fort.
Es sind dieselben beiden alten Damen, die sich vor wenigen Minuten noch erbittert, verletzend, darüber gestritten haben, wer von ihnen wohl die Klügere sei: jene, die viel von Hühnern, Kühen und Kunst verstehe, oder die andere, die jüdische Geschichte und Jura studiert, eine Anwaltskanzlei geleitet und eine Ausbildung zur Bibliothekarin abgeschlossen hat.
Während die eine so schwer an ihrer Witwenschaft trägt, dass sie Gesicht und Arme ihres Mannes in den Wolken zu erkennen meint, denkt die Zweite an etwas viel weiter Zurückliegendes, den Holocaust, wenn sie vom Verlust ihrer Familie erzählt. Sie erinnere sich an alles, sagt sie, so wie sich alle Überlebenden an alles erinnerten: an den Tag, an dem ihr Vater verhungerte, daran, wie die Deutschen ihren Bruder mit dem Versprechen von Brot und Marmelade aus dem Ghetto lockten, und daran, wie sie ihre Mutter in Auschwitz verlor.
Diesen Wechsel zwischen den Profanitäten des Alltags und des Alterns einerseits und großen Themen wie Trauer, Freundschaft und Rivalität andererseits vollzieht Tali Shemeshs Dokumentarfilm The Cemetery Club über ihre Großmutter Minya und deren Schwägerin Lena unzählige Male und völlig mühelos: schön und bitter und komisch und beklemmend und nachdenklich und gefühlvoll und, alles in allem, einfach herzerwärmend. Viele der Witze der alten Leute sind so trocken, als hätte sie ihnen ein begnadeter Dialogschreiber auf den Leib erfunden, viele Einstellungen sind so perfekt, dass man den Film anhalten und wie in einem Bildband in ihm blättern möchte – doch all das verdankt sich, technisch gesehen, allein den Mitteln einer Handkamera und der Geduld von fünf Jahren, in denen Shemesh das Leben von Minya und Lena begleitete.
The Cemetery Club heißt der Film dieser israelischen Regisseurin nach einem Kreis von zwanzig älteren Leuten, darunter eben Minya und Lena, die sich jeden Samstag auf dem Nationalfriedhof Mount Herzl in Jerusalem versammeln. Die Satzung ihres Vereins enthält die Absichtserklärung, Geselligkeit und gegenseitige Hilfe zu fördern, sowie eine Klausel, die jedes Mitglied zum Mitbringen eines Klappstuhls verpflichtet. Und so zeigt Shemesh mit schöner Regelmäßigkeit, wie ein Trupp bereits leicht gebeugter Rücken mit Klappstühlen, Sonnenhüten und Lieblingsbüchern an der Begräbnisstätte von Theodor Herzl vorbei und zwischen allerlei weiteren Gräbern hindurch einem gemütlichen Schattenplatz entgegenstrebt. Dort trägt man einander selbst verfasste Gedichte vor und diskutiert, inwieweit die Kantsche Philosophie den Nationalsozialismus vorbereitet haben könnte; man zankt, weint, tröstet; trinkt Cola, verzehrt »Eier in Tatarensauce« und »Früchte der Saison«.
Wundersamerweise erkennt auch der etwas jüngere Mensch in Minyas und Lenas Club Züge der eigenen Familie und Freunde wieder, und zwar – das ist das eigentlich Überraschende – in sämtlichen bisherigen Lebensphasen; manchmal meint man, einem hitzigen Studentenverein über die Schulter zu gucken, dann steht man auf einer Beerdigung. In Lenas wunderbar melodiöser Stimme, in ihren Gesten bin ich meiner eigenen Großmutter wiederbegegnet; als sie über die Schwierigkeiten der Liebe spricht, zweifle ich mit derselben Verzagtheit an mir selbst. Vielleicht könnte ich sogar jene Frau mit den blauen Plastikschuhen und der roten Badekappe sein, die sich im Toten Meer treiben lässt, während Minya und Lena einem stark gebräunten, nicht mehr ganz jugendlichen Urlauber hinterherblicken. Die eine sagt (diesmal übrigens doch mit ein klein wenig Gehässigkeit): »Und dieser alte Mann braucht all diese Sonne?« Die andere, sanfter, menschenfreundlich: »Das ist alles, was er braucht.«
- Datum 30.03.2007 - 12:15 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.03.2007 Nr. 14
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