Klassiker der Moderne (55) Jähe Seelenkurven

Arnold Schönbergs expressionistisches Monodram "Erwartung" klingt, als habe der Komponist Sigmund Freuds Erkenntnis über das Un- und Unterbewusste vertonen wollen.

Wer käme vorbei an Arnold Schönbergs berühmtestem Diktum, demnach allein der Mittelweg nicht nach Rom führe? Andererseits ist gar nicht zu überhören, dass Schönberg (1874 bis 1951) selbst so geradeaus nicht auf die Atonalität – er sprach lieber von der »Emanzipation der Dissonanz« – zugegangen ist, wie es die Wendung nahelegt. Unruhig, aber stetig zieht er seine Kreise um das Ziel und kommt ihm von Komposition zu Komposition näher. Mit der Kammersinfonie von 1906 geht es ein gewaltiges Stück voran. Hier werden die klassischen Dreiklangsschichtungen aufgelöst, der Bezug zur Grundtonart ist nur noch schütter. Danach wird das Wort des eigentlich ästhetisch rückwärtsgewandten Stefan George Programm: »Ich fühle luft von anderem planeten« singt die Stimme im f is-Moll-Streichquartett, op. 10, dessen letzter Satz ohne jedes Tonartvorzeichen auskommt. Die meisten Wiener, denen schon Gustav Mahler zu fremd und fortschrittlich gewesen war, fröstelten nun wirklich.

Erwartung, Arnold Schönbergs noch heute verstörendes, expressionistisches Monodram von 1909, verdankt seine Entstehung einer harmlos klingenden Aufforderung des Komponisten an die Dichterin Marie Pappenheim. »Schreiben Sie mir doch einen Operntext, Fräulein«, hatte er sie bei einem Künstlertreffen gebeten – und prompt den Entwurf der Erwartung erhalten. Schönberg vollendet die halbe Stunde dichtester Musik innerhalb von 17 Tagen. Anton Webern sah in der Partitur ein »unerhörtes Ereignis: Es ist darin mit aller überlieferten Architektonik gebrochen; immer folgt Neues von jähster Veränderung des Ausdrucks.« Die traumhafte Eleganz, mit der Schönberg hier alle bekannten Regeln bricht, ist immer noch ein Ereignis. Wie zwei Tiere belauern sich die Sängerin (eine namenlose Frau) und der spätromantisch üppig besetzte Orchesterapparat. Weil kein vorgegebener Rhythmus und kein verbindlicher Grundton mehr existieren, verbleibt auch die Sprache der Frau im Assoziativen und vagabundiert. Die Frau ist allein im Wald und sucht ihren Geliebten, den sie gleichzeitig liebevoll erinnert, als untreu verflucht und schließlich tot findet. Es ist, als habe Schönberg Sigmund Freuds Erkenntnis über das Un- und Unterbewusste vertonen wollen. Jäh schwankt die Stimmung zwischen Euphorie und Hysterie, dann rollen depressive Schübe heran, schließlich offenbart sich nackte Verzweiflung. Die fiebrige Musik korrespondiert exakt mit der Szene: Sie zeichnet Seelenkurven in einem Auf und Ab, wie das noch kein Mensch zuvor getan hatte. Schönberg selbst empfand Erwartung als »Angsttraum«. Von nun an gibt es kein Halten mehr. Erst gute zehn Jahre später vervollkommnet Schönberg den Regelkanon der Zwölftontechnik. In Rom angekommen aber ist er bereits – ein Anarchist auf Ruinen.

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Arnold Schönberg: Erwartung, Kammersymphonie Nr. 1, Simon Rattle, City of Birmingham Symphony Orchestra, EMI 5 55212

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 29.03.2007 Nr. 14
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    • Schlagworte Sigmund Freud | Gustav Mahler | Musik | Anton Webern | Rom
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