Deutsche Bahn »Die Bahn ist unfreundlich«

Hartmut Mehdorn drängt ins globale Logistikgeschäft – und sein Interesse am Kunden in Deutschland erlahmt. Ein ZEIT-Gespräch mit dem Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim

DIE ZEIT: Herr Monheim, Bahnchef Hartmut Mehdorn jubelt gerade über 70 Millionen mehr Fahrgäste und über ein dickes Plus im Güterverkehr. Freuen Sie sich mit ihm?

Heiner Monheim: Zugelegt hat die Bahn nur auf Hauptstrecken und dank der Fußballweltmeisterschaft. Im regionalen Güterverkehr geht es in die andere Richtung. Obwohl vier von fünf Gütern regional transportiert werden, hat die Bahn dieses Geschäft aufgegeben. Wettbewerber haben keine Chance, weil 80 Prozent der Gleisanschlüsse und Annahmestellen abgebaut wurden. Außerdem ist jeder zweite Bürger überhaupt noch nie Zug gefahren.

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ZEIT: Ist der Deutsche ein Bahnmuffel?

Monheim: Ganz im Gegenteil. Die Bahn ist einfach zu unfreundlich zu ihren Kunden und zu weit weg von deren Bedürfnissen.

ZEIT: Das bestreitet der Bahnchef.

Monheim: Zu Unrecht. Sie wäre kundenorientiert, wäre der Weg zum nächsten Bahnhof kurz. Das Gegenteil ist der Fall. Die Bahn hat in den vergangenen Jahren 8000 Stationen geschlossen. Sie ersetzt Personal durch Automaten. Das bedeutet weniger Service und mehr Ärger. Fahrgäste werden als Schwarzfahrer verdächtigt. Ältere Leute müssen sich mit komplizierter Technik herumplagen.

ZEIT: Das sind doch Kleinigkeiten.

Monheim: Nein, das ist der Anfang vom Abstieg. Stolz könnte Mehdorn dann sein, wenn die Bahn ein Drittel des Mobilitätsmarktes bedienen würde. Tatsächlich erledigt der Bürger nur einen von zwölf Wegen mit dem Zug. In den 1960er Jahren lag der Marktanteil schon mal bei 25 Prozent.

ZEIT: Es ist doch Aufgabe der Bürgermeister und Landräte, den Nahverkehr einzukaufen.

Monheim: Sie können nur bestellen, was die Bahnen anbieten – und was sich rechnet. Länder und Gemeinden sind knapp bei Kasse. Und die Deutsche Bahn bestimmt immer noch ganz wesentlich die Trassenpreise.

ZEIT: Immerhin gibt es gut 300 Wettbewerber.

Monheim: Die meisten fahren Güter. Es gibt einige innovative Privatunternehmer wie die Usedomer Bäderbahn. Solche Wettbewerber befördern im gleichen Netz unter gleichen Bedingungen vier- bis zehnmal so viele Fahrgäste. Ihre Marktanteile liegen zwischen 5 und 25 Prozent. Allerdings läuft der Wettbewerb immer mehr über Dumpingpreise.

ZEIT: Weil es zu wenig Fahrgäste gibt?

Monheim: Das müsste nicht sein. Die Bahn ist Europas größter Verkehrskonzern. Sie könnte die Lust am Zugfahren wecken, so wie in den 1990er Jahren mit dem Regent- und dem Regio-Netzkonzept. Aber das interessiert eine Bahn nicht mehr, die die Börse im Blick hat. Sie will vielmehr auf weiteren 1500 Bahnhöfen Schalter schließen und Automaten aufstellen. Und weitere 6000 Kilometer Schienen abbauen. Da wechseln Bahnfahrer ins Auto.

ZEIT: Was kann die Bahn dagegen tun?

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Was bei der Bahn jetzt läuft, ist neben dem nicht durchgesetzten Aufbau eines deutschlandweiten Fahrradwegenetzes, eines der verkehrsökologisches Verbrechen der Grünen, die diese katastrophale Entwicklung während ihrer 'Regierungszeit' mitgetragen, in ihrer kapitalistschen Machtgier vielleicht sogar mitinitiiert haben. Die Grünen haben das Landden schwarzen und roten Kapitalisten entgültig ausgeliefert.

    • RobR
    • 30.03.2007 um 13:17 Uhr

    ... denn wo werden sie denn ausgewiesen, die Gewerbegebite und Neubauviertel? Links und rechts von Bahnstrecken? Nein, sie werden teils völlig planlos in der Landschaft gestellt. Jedes Kuhdorf sein Gewerbegebiet, seine Neubausiedling. Bahn oder Straßenbahnanschluß gibt es nicht und alle fahren mit dem Auto.
    Herr Monheim hat übrigens nicht Recht wenn er den Bau von Schnellstrecken anprangert: in Frankreich hat es die SNCF auf diese Weise geschafft den Anteil der Fernreisende im Bahnverkehr erheblich zu steigern. Dort fährt der TGV ja auch lange Strecken ohne zeitraubenden Zwischenhalt.
    In Deutschland kämpft jeder Landrat und jeder Bürgermeister um einen ICE-Halt, wo dann 5 bis 10 Passagiere ein- und aussteigen.

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