Deutsche Bahn »Die Bahn ist unfreundlich«Seite 3/3

ZEIT: Könnten private Eigentümer der Bahn mehr Dampf machen?

Monheim: Nicht unbedingt. Ein börsennotierter Konzern will anderes tun, als deutsche Verkehrs- oder Umweltprobleme zu lösen.

Anzeige

ZEIT: Nämlich?

Monheim: Die Bahn drängt ins globale Logistikgeschäft. Sie will in China oder Russland investieren. Würde die Trasse Berlin–Shanghai ausgebaut, wären Güter schneller mit der Bahn als mit dem Schiff in Asien oder Europa. Die Bahn ist ganz besoffen von der Globalisierungsidee. Da sind Dessau oder Bensheim völlig uninteressant. Das ist so dramatisch am Börsengang. Der Bürger erwartet, dass der Bundeskonzern für den Steuerzuschuss deutsche Verkehrsprobleme löst. Er wird enttäuscht sein.

ZEIT: Wie käme der Bürger von der Straße auf die Schiene?

Monheim: Indem der Staat dem Markt eine Chance gibt. Finanzminister Peer Steinbrück hat mal einen Testballon steigen lassen: Wenn der Staat viel Geld einnehmen wolle, solle er das deutsche Straßennetz privatisieren und die Maut für alle einführen. Steinbrücks Ballon ist leider geplatzt. Würde die Deutsche Straße AG aber tatsächlich gegründet, mit einem Vorstand und 16 Länderchefs, dann würden diese ganz schnell zwei Drittel aller Autobahnzubringer und viele Straßen schließen, weil sie mangels Verkehr defizitär wären. Pure Marktwirtschaft im Straßennetz würde die Bahn sehr attraktiv machen.

ZEIT: Jetzt steht der Gang an die Börse bevor. Der Bund hat zugestimmt. Eine gute Entscheidung?

Monheim: Leider nicht. Der Staat hat zwar als Eigentümer der Gleise das letzte Wort bei Bahnentscheidungen. Allerdings kümmert er sich kaum um die Bahn als Teil seines großen verkehrspolitischen Auftrags. Die Bahn gilt als Haushaltsrisiko, weshalb der Bund die Börsenpläne toleriert.

ZEIT: Wer sollte sich um die Gleise kümmern?

Monheim: Natürlich der Staat. Er hat Milliarden Euro an Steuergeldern investiert. Und er hat einen Versorgungsauftrag. Angesichts des Klimawandels wird es künftig noch wichtiger sein, dass der Bürger vom Auto auf emissionsarme Verkehrsmittel umsteigen kann, ohne dass er an Qualität einbüßt. Wir brauchen dringend ein Gesamtverkehrskonzept, das die neuen Erkenntnisse zum Klimawandel berücksichtigt. Wollen wir mobil bleiben, muss die Bahn ganz andere Aufgaben übernehmen.

ZEIT: Welche?

Monheim: Sie muss in ganz Deutschland ihre Leistungen anbieten. Und sie muss mit anderen Verkehrsmitteln vertaktet werden. Der Bus ins letzte Dorf muss dann fahren, wenn der Zug ankommt. Fuß- und Fahrradwege müssen ausgebaut werden. Der Globus wird klimapolitisch zwar nicht saniert, wenn wir alle Bahn fahren. Aber es ist die Alternative zum Auto.

ZEIT: Wie mobil sind Sie selbst?

Monheim: Ich fahre wöchentlich 600 Kilometer mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Oft habe ich für kurze Strecken ein kleines Faltfahrrad dabei.

Das Gespräch führte Cerstin Gammelin

Zum Thema
Schlechter Service, mehr Gewinn - Die Deutsche Bahn erzielt 2006 erneut einen Rekordgewinn »

Weitere Informationen rund um die Bahn finden Sie in unserem Bahn-Spezial »

 
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Was bei der Bahn jetzt läuft, ist neben dem nicht durchgesetzten Aufbau eines deutschlandweiten Fahrradwegenetzes, eines der verkehrsökologisches Verbrechen der Grünen, die diese katastrophale Entwicklung während ihrer 'Regierungszeit' mitgetragen, in ihrer kapitalistschen Machtgier vielleicht sogar mitinitiiert haben. Die Grünen haben das Landden schwarzen und roten Kapitalisten entgültig ausgeliefert.

    • RobR
    • 30.03.2007 um 13:17 Uhr

    ... denn wo werden sie denn ausgewiesen, die Gewerbegebite und Neubauviertel? Links und rechts von Bahnstrecken? Nein, sie werden teils völlig planlos in der Landschaft gestellt. Jedes Kuhdorf sein Gewerbegebiet, seine Neubausiedling. Bahn oder Straßenbahnanschluß gibt es nicht und alle fahren mit dem Auto.
    Herr Monheim hat übrigens nicht Recht wenn er den Bau von Schnellstrecken anprangert: in Frankreich hat es die SNCF auf diese Weise geschafft den Anteil der Fernreisende im Bahnverkehr erheblich zu steigern. Dort fährt der TGV ja auch lange Strecken ohne zeitraubenden Zwischenhalt.
    In Deutschland kämpft jeder Landrat und jeder Bürgermeister um einen ICE-Halt, wo dann 5 bis 10 Passagiere ein- und aussteigen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service