In der 20. Spielminute hatte Joachim Löw gewonnen. Von diesem Moment an war das Spiel seiner Mannschaft gegen Tschechien am vergangenen Samstag sein Spiel. Es stand zu diesem Zeitpunkt noch null zu null in Prag, da zirkulierte plötzlich, wie von einem unsichtbaren Magneten gezogen, der Ball durch die Reihen: präzise, zuverlässig, einem Uhrwerk gleich. Auch die Spieler kreuzten und querten den Rasen wie ferngesteuert und zelebrierten jene rare Kunstform, die Fachleute One-Touch-Football nennen, weil der Ball direkt weitergeleitet wird, mit nur einer Berührung pro Spieler. Am Ende der Stafette bekam dann der Verteidiger Marcell Jansen den Ball an der gegnerischen Grundlinie in vollem Lauf an den Fuß. Flanke. Abgeblockt. Eckball. Bundestrainer Löw: "Lass das Tier in dir raus" BILD

Löw verging in diesem Moment fast vor Begeisterung, freute sich wie sonst nur beim Torjubel, vielleicht sogar ein wenig mehr. Tage zuvor hatte er exakt diese Kombination proben lassen auf einem Trainingsplatz in Frankfurt am Main. Frings, Jansen, Schweinsteiger, Jansen, Podolski, Jansen, Schneider, Jansen – stundenlang, immer wieder, »bis zur völligen Automatisierung«, sagt Löw. In der 19. Minute in Prag hatten Frings, Schneider, Jansen und Co. diese Automatik eingeschaltet. Tore machen Trainer froh, Spielzüge wie dieser machen Trainer glücklich. Besonders diesen Trainer.

Vor acht Monaten hat Joachim Löw, heute 47 Jahre alt, die Deutsche Fußballnationalmannschaft übernommen. Genauer gesagt: Klinsmann hatte sie ihm übergeben. Es war, unmittelbar nach seinem Rücktritt, eine Art Vermächtnis, das er dem DFB hinterließ, nach seinem erprobten und gefürchteten Motto: Widerstand zwecklos. Der Revolutionsführer hatte abgedankt. Nach seinem Willen sollte nun der Cheftheoretiker das gemeinsame Werk weiterführen. Ausgerechnet Löw – kein Mann für die Barrikaden, eher hintergründiger Stratege, Melancholiker, Fachmann, Pädagoge, bei dessen Fernsehauftritten vor allem sein badischer Akzent auffiel und dessen Persönlichkeit sich vor allem darin zu manifestieren schien, dass er mal Raucher, mal Nichtraucher war. Löw, so ließ sich Klinsmann vernehmen, sei »der Einzige, der unsere Spielphilosophie erfolgreich fortführen und weiterentwickeln« könne.

»Ich konnte diese Weltmeisterschaft nie verarbeiten«

An Mittwoch vergangener Woche sitzt dieser Joachim Löw, den hier alle «Jogi« nennen, in einem Besprechungszimmer der Frankfurter DFB-Zentrale. In seinem Rücken hängt ein riesiges Poster seiner Mannschaft, aufgenommen während der glücklichen Tage der Weltmeisterschaft im vorigen Jahr. Während unseres Gesprächs betritt plötzlich Bastian Schweinsteiger den Raum, um auf dem Poster mit ausholender Hand zu unterschreiben. Löw blickt kurz auf, lässt sich in seiner konzentrierten Rede nicht stören. Das wäre auch schade gewesen, denn der Bundestrainer hatte gerade zu einem Monolog angesetzt, in dem er sich auf die Suche begab nach seinen Einsichten aus den letzten Jahren mit Klinsmann und aus den Monaten ohne ihn. Man muss diesem Monolog immer wieder mit Stichworten nachhelfen, denn Löw spricht nicht wirklich gern über sich, viel lieber spricht er über seine Arbeit. Nach einer Weile merkt man, dass Löw, wenn er über seine Arbeit spricht, auch über sich erzählt, zum Beispiel wenn er sagt: »Am Anfang war es natürlich schwierig. Da war das meiste neu, die Arbeit im körperlichen Bereich, das verstärkte Taktiktraining. Für viele war das ja absolutes Neuland. Jetzt ist eine gewisse Basis vorhanden.« Neuland, Anfang: Diese Beschreibungen galten auch für Joachim Löw.

Am Anfang, das war kurz nachdem die deutsche Nationalmannschaft während der Europameisterschaft in Portugal gegen eine B-Auswahl der Tschechen höchst blamabel ausgeschieden war und ihr Trainer Rudi Völler entnervt das Weite gesucht hatte. Am Anfang, das war, als Fußballdeutschland Otto Rehhagel bekniete und Lothar Matthäus sich in Position brachte für das Amt als Bundestrainer. Was waren das für Zeiten! Als Jürgen Klinsmann, bisher als Trainer nicht in Erscheinung getreten, aus Kalifornien sein Bewerbungsschreiben um das Amt des Bundestrainers mit den Worten einleitete, man müsse seinen künftigen Arbeitgeber, den Deutschen Fußball-Bund, zunächst einmal von Grund auf reformieren. Am Anfang, das war im Sommer 2004, als der damals arbeits- und zuletzt erfolglose Fußballlehrer Joachim Löw während eines Waldlaufs in den Wäldern des heimatlichen Südschwarzwalds per Handy einen Anruf von Jürgen Klinsmann bekam: Ob er nicht sein Assistent werden wolle?

»Über die zwei Jahre als Assistenztrainer hinweg«, sagt Löw heute, »hat sich mein Verhältnis zu Spielern, sagen wir mal: angenähert.« Löw sagt »Assistenztrainer«, obwohl er selbst am besten weiß, wie wenig zutreffend dieser Begriff ist für jene zentrale Rolle, die er bereits im »System Klinsmann« bekleidete.