Nationalelf Der Fußball-ProfessorSeite 3/3

In der Mannschaft stimmt eigentlich alles – und doch fehlt etwas

Was aber ist die Arbeit des Pädagogen wert, wenn die fabelhafte Automatik einmal versagt oder von einem mächtigen Gegner außer Betrieb gesetzt wird? Was wird, wenn statt des Managers der großen Gefühle einmal Jogi Löw eine frustrierte Mannschaft motivieren muss? Der zudem mit seinem Assistenten Hans-Dieter Flick einen hoch kompetenten, aber auch eher stillen Pädagogen an seiner Seite hat?

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Im Umfeld der Nationalmannschaft drängt sich zwar in diesen Tagen der Eindruck auf: Es stimmt eigentlich alles. Die Stimmung ist locker und unaufgeregt, die notwendige Anspannung spürbar, die Konzentration hoch. Und doch fehlt etwas. Vergleiche mit der Klinsmann-Zeit seien unangemessenen, hört man dann. Damals: WM im eigenen Land, einmalig, großartig. Heute: quasi bestandene EM-Qualifikation, Alltag, bestenfalls konzentrierte Routine. Wer braucht da noch die permanente Anspannung, wozu noch die manchen Furcht einflößende Rastlosigkeit eines Jürgen Klinsmann?

Ganz einfach: weil das Klinsmann-Löw-Rezept so erfolgreich war. Nachhaltig erfolgreich – ein Nachweis, den das System Löw erst noch erbringen muss. Niederlagen sind nicht das Kerngeschäft der Pädagogen, ebenso wenig das Kreuzfeuer des Boulevards. »Lass sie nur kommen, die Kritiker, ich kann damit leben, solange es konstruktive Kritik ist«, sagt Löw. Und wenn nicht? Bei dem Gedanken an den Krisenmanager Löw jedenfalls runzeln auch wohlmeinende Begleiter die Stirn.

Und die Umstände haben sich geändert: Als Klinsmann anfing mit seinen brachialen Reformen, da musste er, in nahezu allen Bereichen des Deutschen Fußball-Bundes, zunächst Basiswissen vermitteln, Grundlagenseminare anbieten, aus denen unversehens Crashkurse wurden, Hausaufgaben inklusive. Fußballprofessor Löw hingegen kann heute vor seinen Länderspielen Blockseminare für Fortgeschrittene anbieten. Am Spieltag allerdings müssen die Seminarteilnehmer umschalten. Dann stehen Emotionen auf dem Stundenplan. Dafür sind Blockseminare ungeeignet, das weiß ein Fußballprofessor. So wechselt er bei unserem Gespräch in der DFB-Zentrale am Ende unversehens noch einmal die Tonlage. Nichts mit Ausbrüchen wie »die Polen durch die Wand knallen«, wie der Gefühlsmanager Klinsmann es während der WM vorgetobt hatte. Löw tobt gepflegter. Wie hört sich das an, in der Kabine? So etwa: »Du weißt, was du kannst. Jetzt, ich würde mal sagen: Lass das Tier in dir raus.« Würde er mal sagen. Da muss Löw selbst ein wenig lachen, wenn er sich da zuhört, der ehemalige Profispieler dem Professor.

Zuhören kann er, anderen und sich selbst. Nun ist das Zuhörenkönnen bisher nicht als spielentscheidende Tugend im Fußballtrainergeschäft aufgefallen. Klinsmann hatte, wie Löw, ein sicheres Gespür, bei wem es sich lohnte, zuzuhören – und bei wem nicht. Doch Klinsmann hatte seinem Nachfolger etwas voraus, worauf er bauen konnte, was ganz anders war als er selbst und dem er genau deshalb so genau zuhörte. Besonders in schwierigen Zeiten hatte Klinsmann: Joachim Löw.

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