Harry Potter
Harry wird entzaubert
Gerüchte über den siebten Band.
Harry Potter wird nicht sterben. Was ihm in dem neuesten, zugleich letzten und siebten Band, der am 7. Juli erscheint, zustoßen wird, ist dem Vernehmen nach weit schlimmer: Er wird seine Zauberkräfte verlieren. Harry Potter wird normal werden.
Diese Nachricht, noch ist sie nur ein Gerücht, das der britische Daily Star verbreitet, ist allerdings niederschmetternd. Enttäuschender kann eine Serie nicht enden. Der kleine Junge, der alles konnte, wovon die Leser nur träumten, er soll auf einmal den Beschränkungen und Beschränktheiten, den erstickenden Banalitäten des Normallebens eines normalbürgerlichen Jugendlichen unterworfen und erwachsen werden? Und dafür der Aufwand, die Mühsal eines eigenen Internats für Zauberschüler? Erinnert sich denn keiner, auch die Autorin nicht, an die namenlose Verbitterung, mit der man als Kind zum Ende einer Geschichte hört, es sei alles nur ein Traum gewesen? Wofür hat man den Dreck dann gelesen? Um zu erfahren, was man schon weiß: dass die Welt grau ist und eng und ohne jeden Fluchtweg ins Geheimnis? Dass die Entzauberung, die Max Weber im Prozess der Moderne sah, vollendet und unaufhebbar geworden ist?
Das, verflucht noch mal, erfährt wohl jeder schon als Zehnjähriger, wenn sich herausstellt, dass Tante Matthysiak beispielsweise keineswegs die unheimliche, hexenhafte Doppelgängerin eines, sagen wir: Landgerichtsrats gleichen Namens ist, sondern von den Erwachsenen nur so genannt wird, weil sie ähnlich aussieht. Dass im Kirchenlied nicht Josef den Englein was vorsingt, sondern in der Engelein Chor singt, dass Mirawauwau eigentlich Mirabellen heißen und auch das grässliche Unkraut namens Kusel keineswegs von der Nachbarin Frau Kusenbaum in ihrer Badewanne aus Hundeknochen hergestellt wird, sondern wie alle anderen Pflanzen von selber wächst und gemeinhin Giersch heißt.
Diese und andere Ernüchterungen haben wir alle hinter uns. Aufgabe der Literatur dagegen ist es, die Welt zu romantisieren, wie Friedrich Schlegel (vor zweihundert Jahren) richtig gesagt hat. Der Fachterminus dafür hieß: progressive Universalpoesie. Fortschreitend sollte die Welt nach und nach von ihren Banalitäten gereinigt, beziehungsweise diese Banalitäten sollten ins Zauberhafte verwandelt, das Graue bunt und das Gefesselte frei werden. Die Literatur kurzum hat gegen eine kleine Buchgebühr zu leisten, was in der Realität sonst nur gegen den hohen Preis von Gefängnis oder Tod zu bekommen ist: den Ausbruch aus der steindummen, fantasiefernen Welt des modernen Alltags. Nicht aber soll die Literatur, als sei sie der Bewährungshelfer des Lesers, ihn wieder resozialisieren und in die Spießerexistenz zurückstoßen, der er gerade entkommen wollte. Denn dass er das wollte, dass er überhaupt zur Unzufriedenheit begabt ist – das ist doch das Einzige, was für den Menschen hoffen lässt.
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- Datum 2.5.2007 - 03:56 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.03.2007 Nr. 14
- Kommentare 8
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Grundsätzlich stimme ich dem Artikel zu, was Literatur und Realität anbelangt. Aber: wenn Potter seine Zauberkräfte verliert, wird die Welt dadurch nicht entzaubert - seine Freunde behalten ihre ja
Weiterhin ist Potter eine Erlöserfigur, und in unserem Kulturkreis ist es auch pädagogisch durchaus verdienstvoll, die Erlösung der Menschheit mit einem persönlichen Opfer zu verbinden. Zugleich erreicht Rowling das Ziel, das sie immer wieder kolportiert hat: Potter als Autorin loszuwerden, dem Ruf nach Fortsetzungen zu entgehen wie weiland Sir Arthur Conan Doyle. Ein Potter ohne Zauberkräfte ist nämlich vollkommen uninteressant.
Deshalb bin ich auch überzeugt davon, daß das Gerücht zutrifft. Ich habe nie daran geglaubt, daß Frau Rowling nicht den Mut haben würde, Potter über die Klinge springen zu lassen; WENN sie ihn aber leben läßt, ist der kolportierte Ausweg ein zu guter Zaubertrick, um erfunden zu sein.
nicht was mit Potter passiert, sondern dass Herr Jessen endlich ein Thema gefunden, das zu ihm passt. Wenn er nur dabei bleiben würde...
Wie spaßverderbend! Schon auf der Hauptseite zeit.de neueste Gerüchte anzukündigen! Wenigstens eine Warnung wäre angebracht für alle, die nichts vorher wissen möchten.
Wie freundlich, einem jedem, der gerne durch ein Buch ueberrascht werden moechte, jeglichen Spass zu nehmen! Sehr gute Arbeit, Herr Jessen, wirklich gut.
Als Konsequenz werde ich wohl Die Zeit bis zur Veroeffentlichung vermeiden. Oder koennte man sich doch mal aufraffen, doch zumindest die Titelzeilen spoilerfrei zu halten?
wird zugeben müssen, dass dies wohl wirklich die einzige Möglichkeit ist, den junge Lesern den physischen Tod ihrer Lieblingsfigur zu ersparen und doch das Gute siegen zu lassen.
Ansonsten wäre ein etwas behutsameres Vorgehen mit solchen Informationen wünschenswert. Sicher ist der Konflikt zwischen Informationsbereitstellung und Diskretion den Lesern gegenüber groß, aber dieser Konflikt ließe sich gewiss auch eleganter lösen und nicht im Stile einer bestimmten Boulevardzeitung, deren Titel ebenfalls aus 4 Buchstaben besteht.
Ich stimme Ihnen voll und ganz zu.
von diesen Potter Buechern sich nach den drei ersten Baenden nicht gelangweilt abzuwenden!
Die Langeweile der Wiederholung des Gleichen wird in ihnen exemplarisch demonstriert!
Harry Potter wird es noch laenger geben. Dafuer ist es ein zu gutes Geschaeft fuer alle Beteiligten. Noch nie in der Buch -und Filmgeschichte ist so viel Geld verdient worden.
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