Harry Potter wird nicht sterben. Was ihm in dem neuesten, zugleich letzten und siebten Band, der am 7. Juli erscheint, zustoßen wird, ist dem Vernehmen nach weit schlimmer: Er wird seine Zauberkräfte verlieren. Harry Potter wird normal werden. Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe. BILD

Diese Nachricht, noch ist sie nur ein Gerücht, das der britische Daily Star verbreitet, ist allerdings niederschmetternd. Enttäuschender kann eine Serie nicht enden. Der kleine Junge, der alles konnte, wovon die Leser nur träumten, er soll auf einmal den Beschränkungen und Beschränktheiten, den erstickenden Banalitäten des Normallebens eines normalbürgerlichen Jugendlichen unterworfen und erwachsen werden? Und dafür der Aufwand, die Mühsal eines eigenen Internats für Zauberschüler? Erinnert sich denn keiner, auch die Autorin nicht, an die namenlose Verbitterung, mit der man als Kind zum Ende einer Geschichte hört, es sei alles nur ein Traum gewesen? Wofür hat man den Dreck dann gelesen? Um zu erfahren, was man schon weiß: dass die Welt grau ist und eng und ohne jeden Fluchtweg ins Geheimnis? Dass die Entzauberung, die Max Weber im Prozess der Moderne sah, vollendet und unaufhebbar geworden ist?

Das, verflucht noch mal, erfährt wohl jeder schon als Zehnjähriger, wenn sich herausstellt, dass Tante Matthysiak beispielsweise keineswegs die unheimliche, hexenhafte Doppelgängerin eines, sagen wir: Landgerichtsrats gleichen Namens ist, sondern von den Erwachsenen nur so genannt wird, weil sie ähnlich aussieht. Dass im Kirchenlied nicht Josef den Englein was vorsingt, sondern in der Engelein Chor singt, dass Mirawauwau eigentlich Mirabellen heißen und auch das grässliche Unkraut namens Kusel keineswegs von der Nachbarin Frau Kusenbaum in ihrer Badewanne aus Hundeknochen hergestellt wird, sondern wie alle anderen Pflanzen von selber wächst und gemeinhin Giersch heißt.

Diese und andere Ernüchterungen haben wir alle hinter uns. Aufgabe der Literatur dagegen ist es, die Welt zu romantisieren, wie Friedrich Schlegel (vor zweihundert Jahren) richtig gesagt hat. Der Fachterminus dafür hieß: progressive Universalpoesie. Fortschreitend sollte die Welt nach und nach von ihren Banalitäten gereinigt, beziehungsweise diese Banalitäten sollten ins Zauberhafte verwandelt, das Graue bunt und das Gefesselte frei werden. Die Literatur kurzum hat gegen eine kleine Buchgebühr zu leisten, was in der Realität sonst nur gegen den hohen Preis von Gefängnis oder Tod zu bekommen ist: den Ausbruch aus der steindummen, fantasiefernen Welt des modernen Alltags. Nicht aber soll die Literatur, als sei sie der Bewährungshelfer des Lesers, ihn wieder resozialisieren und in die Spießerexistenz zurückstoßen, der er gerade entkommen wollte. Denn dass er das wollte, dass er überhaupt zur Unzufriedenheit begabt ist – das ist doch das Einzige, was für den Menschen hoffen lässt.

Zum Thema
Harry Potter braucht Schulverbot - Der Zauberlehrling Harry Potter soll Unterrichtslektüre für die gymnasiale Oberstufe werden. Dies wäre eine Absage an alle Klassiker der englischen Literatur (ZEIT online, 16.07.2005) »

Potter in der Schule? Of course! - Macht die Schüler süchtig nach Büchern. Lasst sie ihre Leidenschaft in Worte fassen (ZEIT online, 16.07.2005) »

Autoren, Bücher, Rezensionen - Literatur auf ZEIT online »