Sterben Zeit zu gehen
Zwei Männer warten auf den Tod. Der eine will ihn beschleunigen, der andere möchte ihn aufhalten. Besuch in einem Hospiz.
Hamburg
Krishan Gandhi liebt das Leben und will sterben. Nicht sofort, aber bald, bevor er schwächer wird und nur noch liegen kann. Und warten. Auf den Besuch seiner früheren Partnerin, auf seinen Sohn, auf den Tod. Mit Blick aus dem Fenster nach draußen auf die Straße, wo die Zierkirschen erste Blüten treiben und wo er nur einen Steinwurf entfernt gelebt hat, fast 20 Jahre lang. Gandhi weiß: Es kommen keine Jahre mehr. Er hat Lungenkrebs, in seinem Körper wuchern Metastasen. Gandhi ist in Indien aufgewachsen und Hindu. Wenn er gestorben ist, wird er in anderer Gestalt weiterleben, glaubt er. Angst vor dem Tod hat er nicht. Nur eines fürchtet er: Schmerzen. Deshalb will Krishan Gandhi bald sterben.
Knapp drei Wochen ist es her, dass er ein letztes Mal umzog. Er packte seine Kleidung zusammen und zog aus seiner Zweizimmerwohnung in eines der vierzehn Einzelzimmer des Hamburger Hospizes Sinus. Die Bewohner werden hier Gäste genannt. Insgesamt hat die Hansestadt vier Erwachsenenhospize – bei 1,8 Millionen Einwohnern. Hamburg ist damit gut dran. In ganz Thüringen gibt es nur eines.
In Hospize kommen unheilbar Kranke, um zu sterben. Nicht alle haben es damit so eilig wie Krishan Gandhi. Im Zimmer direkt neben dem Esssaal, den Gandhi noch zu Fuß aufsuchen kann, liegt Erhard Strojny, 76 Jahre alt, an Prostatakrebs erkrankt. Die Krankheit hat seinen Körper verwüstet, Metastasen haben Nerven zerstört, Strojny kann seine Beine nicht mehr bewegen und ist bettlägerig. Sein Kopf ist kahl, die Haut fleckig von der Chemotherapie. Seine Augen tränen, die Lider sind geschwollen, eine Nebenwirkung der Bestrahlung seiner Hirnmetastasen.
Den Aufenthalt im Hospiz Sinus begrenzt der Tod – und die Fallpauschale der Krankenkasse. Auf durchschnittlich 17 Tage ist die Verweildauer dort geschrumpft. Viel zu kurz, sagt die Hospizleiterin Gabriela Holmer. Der Kampf mit den Krankenkassen um die Bewilligung einer Hospizbetreuung sei härter geworden. Einige Patienten bekommen schon im Krankenhaus zusammen mit der Diagnose die Auskunft, um einen Hospizplatz brauchten sie sich gar nicht erst zu bemühen, »Zeitverschwendung«. In manchen Wochen sterben fast alle Bewohner, viele von ihnen nach nur drei, vier Tagen. Sie kommen in immer schlechterer Verfassung – als Sterbende, um das Sterben zu vollenden. Das Hospiz sollte ihnen den Tod erleichtern. Wie aber soll man die Wünsche eines Fremden erraten können, der zu schwach ist, um zu sprechen?
Nur durch eine Stärkung der professionellen Sterbebegleitung, formulierte vor zwei Jahren eine Enquetekommission des Deutschen Bundestages, könne »die in der Bevölkerung teilweise vorhandene hohe Zustimmungsbereitschaft zur Legalisierung der aktiven Sterbehilfe« zurückgedrängt werden. Seitdem sind zwei Jahre vergangen, doch noch immer kommen bundesweit nur 20 Hospiz- oder Palliativbetten auf eine Million Einwohner. Gebraucht würden 50.
Krishan Gandhi hat vor einem Jahr erfahren, was körperlicher Schmerz ist. Zwei Ärzte und ein Geistlicher kamen in sein Zimmer. »Herr Gandhi, es sieht nicht gut aus«, sagte der behandelnde Arzt. Lungenkarzinom, Metastasenbildung. In einer anderen Klinik bekam er eine aggressive Chemotherapie. »Wenn mir jemand meinen Arm abgehackt oder mein Ohr abgeschnitten hätte, dann wäre das nichts gewesen gegen die Schmerzen, die ich hatte«, sagt Gandhi. Erst als er auf einer Palliativstation behandelt wurde, verschwanden die Schmerzen. Die Angst aber blieb.
- Datum 30.03.2007 - 13:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.03.2007 Nr. 14
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Das eigentliche Problem der meisten Menschen wir hier m.E. nicht optimal rübergebracht. Das besteht ja darin, und solche Beispiele hätte man hier mal konkret schildern sollen , dass man völlig dement und, also zudem, auch körperlich massiv pflegebedürftig dahinlebt (bzw. –vegetiert), dass man also über sich und die Welt geistig nicht mehr (richtig) orientiert ist und schon bei zentralen Lebensfunktionen wie, falls noch machbar, der Mobilität oder dem Essen und Trinken (hier dann vielleicht durch eine Sonde) und den Ausscheidungen vollauf auf andere angewiesen ist - da braucht man nicht mal Schmerzen oder offene Wunden, auf dass einem hier, im Zustand der Eigenverantwortlichkeit zumindest, also vorab, der Gedanke kommt, dass man solch ein Leben - nach vielen schönen Jahren vielleicht ja auch - dann doch nicht will, ja vielleicht sogar auch, dass man andere damit nicht belasten will. Und solche Zustände können manchmal, und dies auch im Greisenstadium, jahrelang anhalten!
Dass dies eine konkrete Belastung für andere ist, das hätte man hier dann auch mal darstellen können und sollen, zum einen bei der finanziellen Seite, zum anderen bei der psychisch-körperlichen Seite. Hätten Sie hier dann doch mal die Probleme von voll engagierten Partnerinnen bzw. Angehörigen dargestellt, bei der Pflege ihrer so dahinlebenden Partner – mit der Gefahr der Überlastung, des burn-out-Syndroms.
Das ist hier m.E. die eigentliche Problemzone!
Ich, z.B., will solch ein Ende nicht, da wäre mir eine indirekt aktive oder eben die passive Sterbehilfe, z.B. durch eine nichtbehandelte Infektion wie eine Lungenentzündung, hervorgerufen vielleicht sogar durch ein bewusst nicht ganz geschlossenes Fenster (oder eben nicht bewusst geschlossenes Fenster) im Winter, oder durch die allmähliche Austrocknung durch die eigene ungenügende eigene Flüssigkeitszufuhr in einem warmen Sommer oder durch einen Zuckerschock und dgl. mehr durchaus ein annehmbares Ende, bei dem man einen anderen dann eben auch mit seiner Tötung nicht mehr psychisch belästigen muss, ja so sieht auch heute noch ein natürlicher Tod aus.
(Der vergangene Papst hat dies vielleichtwohl auch so gesehen - womöglich hätte man diesen ja noch ein Weilchen dahinleben lassen können – Herr Netanjahu – dies ist allerdings der Fall eines jüngeren, noch nicht vergreisten Menschen (und insofern auch nicht der Fall, der hier vordergründig zu klären ist), darf oder muss ja wohl immer noch künstlich dahinleben....)
Und sich die Behandlung einer solchen Lungenentzündung in einem solchen letzten Lebensstadium, wo man nicht mehr Herr seiner selbst ist, sicher verbieten zu lassen, das ist es, was einem hier m.E. endlich sicher ermöglicht werden sollte bzw. muss. Kommt in einem Heim heute dann eine Pflegekraft und bemerkt dass man bettlägerig, völlig dement mit 100 Jahren eine Lungenentzündung hat, wird heute der Arzt gerufen, man kommt ins Krankenhaus, und dort wird versucht diese zu behandeln – und das nicht so selten dann mit Erfolg. Wieder ein Jahr „gewonnnen“... (Die Grundphilosophie ist hier wohl. Die Qualität des Lebens und sein Sinn bemisst sich sehr stark auch nach der Zahl der gelebten Jahre....!)
Die reinen Idealisten vergessen hier wohl, dass das Leben auch in allen anderen Bereichen nicht dem Ideal entspricht – nur hier soll dies gehen und erzwingbar sein. Ich will z.B. auch mehr Freizeit - und immer ein Essen wie von den Fernsehköchen, mich viel bewegen und dergleichen, damit ich mich wohlfühle und möglichst gesund alt werden – nur geht das ganz einfach nicht, ich muss halt zu den und den konkreten Bedingungen arbeiten, die abereben nicht ideal und nur gesund sind! Klar, das Paradies auf Erden, das Schlaraffenland – wer hätte etwas dagegen – ein Blick in die Realitäten, und sei es in die Staatskassen, die Waffenarsenale oder in die Umwelt, zeigt uns aber, dass wir dieses auch in all den anderen Bereichen nicht erreicht haben und auch nicht erreichen können. Da sterben immer noch auch junge und gesunde Leute durch Menschenhand – und dies ist ja erstmals sogar für die ganze Menschheit perfekt vorbereitet - bzw. ein existenzielles Risiko...! Wie unschön das alles ist...!
M.E. sollte man hier, da es hier sicher - oder womöglich- ein paar divergierende Ansichten gibt, aber auch weil es hier doch um relativ viel Geld geht, dann die Versicherten zwingen, sich vorab hier relativ genau zu positionieren und dann diese Wünsche z.B. als Minimal-, Standard- und Maximalvariante klassifizieren, und die Beiträge der Kranken- und Pflegeversicherung nach oben oder unten dem dann anpassen. (Man müsste hier also einen jeden Menschen anschreiben und die Varianten ankreuzen lassen. Wer später mehr will, muss dann mehr zuzahlen, wer später wenige will, bekommt hier dann etwas zurück.) Wer hier präfinal sozusagen aber im Sinne der Lebensverlängerung durch medizinische und pflegerische Maßnahmen alles Mögliche will, der sollte dies dann auch solidarisch versichern. Wer hier nur wenig will, oder wer diese Mittel lieber in seinen besten Jahren, also anders nutzen will, der sollte dann einen Abschlag bekommen. Es ist ungerecht, jemandem, der hier nur eine Minimalvariante will, für die Maximalvariante eines anderen finanziell in Haft zu nehmen!
Ist das wirklich so schwer zu verstehen?
(Vielleicht hätte die Autorin sich hier vorab ja mal im ZIN umsehen sollen...)
PS:
Wie ich gerade bemerke, scheint auch Herr Stenkamp hier ähnlich zu denken - Leben um jeden Preis, Jahrezählerei sozusagen, - das muss nicht unbedingt sein...! So Mancher Lebens-Extremist weiß wohl selbst nur nicht genau, wofür er sich hier einsetzt bzw. einlässt...
das soll man doch der Person selbst ueberlassen!
Wenn jemand kaempfen moechte, auch unter Schmerzen, wie Johannes Paul II, nun gut, seine Entscheidung!
Ich moechte wie Herr Gandhi auch lieber mit einem Laecheln sterben, mich verabschieden und dann mit diesem Laecheln sterben!
Und zwar genau dann, wenn ich mich nicht mehr versorgen kann, keine Kommentare schreiben kann, Kindern keine Geschichten mehr erzaehlen kann, weil ich zu schwach und die Schmerzen zu gross!
Dann moechte ich ganz in Gott sein!
Was soll daran schlechtes sein?
Sie sind sicher ein hoch intelligenter Mensch, leider etwas zu vielseitig!
Ich haette ihre Kommentare schon oefters gerne kommentiert, aber Sie fliessen ja ueber und ueber und ueber!
Schneiden 123 Themen an, Relativsatz dazu, das eigentliche aber, ist dann nur noch schwer zu finden!
Sie sind mir sympathisch, aber raffen sie doch mehr, komprimieren sie!
Bitte, denn dann erst wird eine echte Auseinandersetzung mit dem, was sie schreiben, moeglich!
Ich versuchs nochmal, etwas kürzer und einfacher. (Die 'Lebensextremisten' hätte ich besser als 'Lebenszeit-Extremisten' bezeichnen müssen. Besonders intelligent bin ich gleichwohl nicht, vielleicht nur stärker als manch anderer getrieben.) Heute ist es, durch die zivilisierten, also eben auch unnatürlichen Lebensbedingungen möglich, unnatürlich lang in unnatürlichen Zuständen zu Leben – und dies auch am Ende des Lebens, also nur schwer zu sterben. Wenn alles künstlich ist – wie kann man dann noch von einem natürlichen Tod sprechen...? Wenn alle behandelbaren Krankheiten behandelt werden (können) – dann kann man eben nur noch an unheilbaren Krankheiten oder an großer „Alterssschwäche“, einer Summation verschiedener Krankheitsfaktoren dann also wohl, sterben. Will man hier wieder wie im naturähnlichen Zustand sterben, dann muss man dem sozusagen künstlich nachhelfen – und sei dies durch Unterlassung pflegerischer Maßnahmen oder medizinischer Behandlungen, oder auch durch das bewusste Weglassen zivilisatorischer Standards. Dann erst würde das natürliche Sterben, diesmal aber durch bewusste Überlegung und selbstbestimmte Verfügung, wieder zu dem, was es war und ist. Das unnatürliche sind hier sozusagen die Eingriffe, die den natürlichen Weg verhindern. Man kann deren bewusste Weglassung auf Wunsch des alten und kranken Menschen m.E. nicht als Mord oder Tötung bezeichnen!
Es wäre gut, wenn sich ein jeder hierüber klar ist bzw. wird und werden muss, was er in welcher Situation für sich in diesen Zuständen für richtig hält. Und ob Herr Strony auch noch Leben will, wenn er geistig völlig desorientiert ist, das wäre hier die richtige Frage an ihne gewesen! Sicher muss bzw. sollte gerade den geistigen Fähigkeiten, die Herr Strony noch hatte, aber auch dem Alter (hier kommt nun aber auch die subjektive Empfindung mit ins Spiel bzw. in die Kalkulation) ein sehr hoher Stellenwert eingeräumt werden.
Wer geistig noch klar ist, der kann sich prinzipiell ja doch selbst töten, wenn er dies aus körperlichen Leidensgründen heraus denn tun will, (man kann ja auch ohne Schmerzen körperlich massiv eingeschränkt sein), sollte man ihm, so er nicht dazu kommen kann, bei nachvollziehbarem Wunsch(!) auch den aktiven Zugriff zu Hilfsmitteln ermöglichen, damit er sich bei Bedarf nicht mit dem Messer massakrieren muss. Wichtig ist, dass man diese(n) Menschen bis zu seinem selbstbestimmten Ende dennoch liebt und schätzt und dass man junge schwerstbehinderte Menschen mit ihrem Leben bzw. Sterben nicht so (einfach) wie uralte Menschen verfahren können! Hier ist meist sicher noch Lebensmut vorhanden und weckbar – mit 100 Jahren nicht mehr unbedingt.
Es ist m.E. falsch, die Diskussion hier auf die Pflege und die Schmerzlinderung zu begrenzen, dies allein, wird den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe in bestimmten Endzuständen m.E. nicht ausreichend abschwächen. Man sollte hier auch die andere Mögichkeiten zustandsgemäß zu versterben offensiv ins Spiel bringen und diese eben auch klar zulassen. Das könnte hier vielleicht viele Verängstigte beruhigen.
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