Ich habe einen Traum Wie auf der Flucht
Nadja Uhl, 34, Schauspielerin, wurde mit dem Silbernen Bären und dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Der Durchbruch gelang ihr im Jahr 2000 durch ihre Rolle in Volker Schlöndorffs Film »Die Stille nach dem Schuss«. 2005 spielte sie eine Altenpflegerin in »Sommer vorm Balkon«. Diese Woche wird ihr zum zweiten Mal der Grimme-Preis verliehen, diesmal für ihre Rolle in »Nicht alle waren Mörder«. Nadja Uhl ist in Stralsund geboren und lebt in Potsdam. Sie träumt von einem erfüllten Leben
Mein Leben hat viel mit Suchen zu tun. Oft frage ich mich, was ich hier eigentlich mache. Ich frage mich das nicht auf schwermütige oder sentimentale Art, sondern aus Lebensfreude. Meine Sehnsucht, am Ende so reich an Erfahrungen wie möglich abzutreten, reicht vielleicht nicht für eine eigene große Philosophie. Aber sie hat mein Leben entscheidend geprägt.
Vor den Dreharbeiten für den Film Sommer vorm Balkon habe ich zwei Wochen lang in der Altenpflege hospitiert. Der Regisseur Andreas Dresen war der Meinung, es sei für mich ganz gut zu wissen, was eine Altenpflegerin macht, die ich da spielen sollte. Am Abend nach meinem ersten Praktikumstag zwischen all den über 70-Jährigen fühlte ich mich unendlich beschenkt. Jeder von uns weiß, dass unsere Zeit begrenzt ist. Aber es zu fühlen ist etwas völlig anderes. Dank dieser liebevollen, manchmal abwehrenden oder schüchternen, meist aber warmherzigen Menschen, die ich da ein paar Tage lang gepflegt habe, konnte ich das. Sie gaben mir einen ungeheuren Kraftschub, für den ich bis heute dankbar bin.
Da war die alte Frau, die bereute, sich nicht als junge Frau von ihrem Mann getrennt zu haben. Der Mann, der davon träumte, die Frauen noch mal so leidenschaftlich zu lieben wie auf der Höhe seiner Jugend. Oder der alte Mann, der nicht mehr leben wollte, weil ihm die milchige Baufolie vor dem Fenster den Blick auf die Welt versperrte. Als wir die Bauarbeiter dazu brachten, ein Loch in die Folie zu schneiden, gewann er wieder Hoffnung.
Jeder von diesen Leuten hatte eine Biografie, deren Ausstrahlung mich faszinierte, auch jemand, der überzeugt war, mit seinen Träumen gescheitert zu sein. Ein Mensch am Ende seines Lebens ist komprimierte Lebensenergie, wie eine gute Rolle oder wie ein altes Haus. Tragische, leichte, belastete Seelen, deren Würde mit Händen zu greifen ist. Man muss ja aufpassen, wenn man das Wort »Demut« in den Mund nimmt, aber genau da passte es.
Ich liebe es, wenn man sich aus ganz simplen Beweggründen auf etwas einlässt und sich auf einmal große Überraschungen dahinter auftun. Prüfsteine, ohne die das Leben keinen Sinn hätte. Die schlimmste Erkenntnis wäre für mich, am Ende zu oft sagen zu müssen, dass man das wahre Leben verpasst hat. Nach der Begegnung mit den Alten saß ich in meiner Küche und fragte mich plötzlich: Was mache ich mit all den Jahren, die vielleicht noch kommen?! Und dachte, ich muss jetzt mal richtig leben, weiterkommen. Und ein Kind kriegen.
Meine jetzt knapp fünf Monate alte Tochter hat in mir eine einzigartige schmerzende Liebe geweckt. Ist es nicht faszinierend, wie die Natur so ihre Spielchen mit uns treibt, die über alle Vernunft hinausgehen? Als Mutter merkt man, wie man plötzlich zum Objekt des Lebens wird – das Leben benutzt dich, um sich selbst zu erhalten. Das ist doch genial! Mich beruhigt es sehr, Teil eines natürlichen Systems zu sein.
Ich stamme aus einer Familie, in der erst vier, dann drei verschiedene Generationen unter einem Dach lebten. Es war ein Modell der großen moralischen Ideale, ein Modell für Streitkultur, für Hilfsbereitschaft um jeden Preis. Später wurde dieses Modell zum Bild für das Auseinanderbrechen und den völligen Verlust dieses enormen Rückhaltes.
- Datum 30.03.2007 - 03:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.03.2007 Nr. 14
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'Werd' ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!'
Aber eigentlich doch genau die umgekehrte Perspektive.
'Ich werd' zum Augenblicke sagen: Verweile doch! das macht dich schön. Denn dann sind alle Fesseln zerschlagen, die uns in den Abgrund ziehn.'
Faulheit ist eine Tugend. Denn sie läßt uns nachdenken. Und wenn an etwas ein Mangel herrscht in der Welt, dann an nachdenken. Ich habe meißt das Gefühl, daß fast alles was Menschen tun, getan wird, um ja nicht nachdenken zu müssen. Unglaubliche Anstrengungen und Aufwände werden betrieben, um nur nicht nachdenken zu müssen.
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