Archäologie Der Jesus von Hollywood
In der Denkfalle: Wie der Regisseur James Cameron zu dem Schluss kam, das Grab Christi gefunden zu haben
Am Karfreitag können deutsche Fernsehzuschauer sich selbst ein Bild machen. Dann sendet ProSieben James Camerons Dokumentarfilm Das Jesus-Grab. Er verficht die abenteuerliche These, die Grablege der Familie Jesu Christi sei im Jerusalemer Vorort Osttalpiot gefunden worden. Nichts, was Forscher bisher über Jesus wussten, spricht dafür. Dass eine Nazarener Familie im fernen Jerusalem bestattet sein könnte, ist geradezu unglaublich.
Um es dennoch zu behaupten, müssen Cameron und seine Berater einen guten Grund haben. Ihre Beweisführung überrascht nicht weniger als ihre These: Sie argumentieren statistisch.
Im Auftrag der Dokumentarfilmer nahm sich Andrey Feuerverger, Mathematiker an der Universität Toronto, das Lexicon of Jewish Names in Late Antiquity vor – »so etwas wie das Telefonbuch jener Ära«, sagt er. Darin konnte er zählen, wie häufig die Namen, die auf den Knochenkisten aus Talpiot zu lesen sind, damals waren: Jesus, Matthias, Josef und zwei Versionen von Maria. Dann berechnete er die Wahrscheinlichkeit, dass diese Namenskombination zufällig in einer Familie zustande kommt. Er kam auf eine Quote von eins zu 600 – worauf die Dokumentarfilmer eine Wahrscheinlichkeit von 600 zu eins für sich in Anspruch nahmen, Jesu Grab identifiziert zu haben.
»Ich bin kein Bibelkundler«, sagt Feuerverger. Er kann nichts dafür, was seine Auftraggeber aus dem Zahlenspiel machen. »Ich übernehme Verantwortung für meine Berechnung, aber nicht für die Annahmen, die in sie einfließen.«
Eins zu 600 mag wie eine hohe Quote wirken. Aber das täuscht. Denn erstens gibt es an die tausend ähnliche Gräber rund um Jerusalem – eine Überraschung wäre also eher gewesen, wenn keines mit dieser Namenskombination dabei wäre. Zweitens berücksichtigt die Rechnung nur diese spezielle Kombination. Auch andere Kombinationen hätten die amerikanischen Jesussucher auf die Idee bringen können, das Grab Christi vor sich zu haben. Wenn man sie berücksichtigt, sinkt die »Wahrscheinlichkeit« für das neue Jesusgrab weiter.
Es ist die gleiche Denkfalle, in die manche Interpreten jenes Gräberfelds aus dem 1. nachchristlichen Jahrhundert tappten, das Forscher beim Kloster Dominus Flevi am Ölberg fanden. Sie erkannten dort einige frühchristliche Namen, lasen einige Zusätze wohlwollend – und schon schien es, als sei das Gräberfeld der christlichen Urgemeinde gefunden. Der Berliner Bibelhistoriker Christoph Markschies winkt ab: »Dort liegt kein einziger Christ begraben.«
Die Dokumentarfilmer illustrieren ihr Argument mit einer modernen Analogie: Man stelle sich vor, in 2000 Jahren würden Archäologen in Liverpool die Gräber eines »George«, »John«, »Paul« und »Richard Starkey« finden. Obwohl jeder dieser Namen, für sich genommen, häufig ist, müssten die Forscher folgern, die Beatles gefunden zu haben. Aber dieses Argument geht ins Leere, wenn die echten Gräber der Beatles längst bekannt sind.
Und so sagt die Cameron-Dokumentation ziemlich wenig über Jesus – aber immerhin etwas über die Tücken statistischer Argumente.
Zum Thema:
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Jerusalem strotzt vor christlichen Gedenkstätten. Aber die echten Spuren des Heilands sind gut versteckt.
- Datum 06.04.2007 - 03:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.04.2007 Nr. 15
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