Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Junggesellen. Überall in Europa machen sie Kunst und Literatur, Musik und Philosophie: Flaubert und Corot, Leopardi, Andersen und Pérez Galdós, Stendhal, Gogol, Turgenjew und Gontscharow, Beethoven, Schubert, Brahms und Bruckner, Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche, Grillparzer, Keller, Balzac, Busch und Delacroix, Turner, Menzel, Spitzweg… Kyselak im Fels, tief unter ihm der Fluss; Holzstich von 1847. Tatsächlich schrieb er aber immer: KYSELAK BILD

Spitzweg vor allem. Er war der Hagestolzeste aller Hagestolze und hat die Welt des biedermeierlichen Junggesellen wie niemand sonst idyllisiert, ja idealisiert. Seine Bücherwürmer und Kakteenzüchter, Walderemiten und einsam vor sich hin strickenden Wachtposten sind zum Inbegriff der Epoche geworden. Joseph Kyselak hätte einer von ihnen sein können.

Joseph Kyselak?

»Nie von ihm gehört«, wird sich so mancher Leser wundern. Für diese Wissenslücke muss er sich nicht genieren. Denn es bestehen gewisse Zweifel, ob man Joseph Kyselak so ohne Weiteres in die Walhalla der großen Junggesellen seiner Zeit aufnehmen kann. Und doch hätte er dort wohl ein Plätzchen verdient. Denn dieser Mann war ein Pionier ganz eigener Art: der Erfinder des modernen Graffito, Urvater jener Wandkünstler, die mit ihren virtuosen tags entzücken – und mit ihrer öden, egomanen Schmiererei aufs Blut erzürnen.

Viel wissen wir nicht über sein Leben. Dürre Fakten: Geboren wurde Kyselak am 23. Dezember 1799 in Wien, gestorben ist er ebenda am 17. September 1831. Wir haben es also mit einem waschechten Wiener zu tun: sesshaft wie die Muschel. Er wächst in einer k. k. Hofkammerbeamtenfamilie auf, besucht das Piaristen-Gymnasium in der Josefstadt, macht sein Abitur, das in Österreich Matura genannt wird, studiert anschließend ein paar Semester Philosophie an der Wiener Universität und verlässt diese sang- und klanglos wieder. Er soll sich danach – oder bereits während des lustlosen Studiums – als Schauspieler versucht haben. Aber das zählt schon zum Stoff der Legende.

Von 1818 an verdingt er sich als Praktikant in der Behörde, in der auch sein Vater tätig ist: der k. k. Privat-, Familien- und Vitikalfondskassenoberdirektion. Das klingt lustig, wie aus einer Nestroy-Posse, und hieß doch wohl nichts anderes als stupider Bürodienst. Vermutlich hat ihn sein Vater dort untergebracht. Nach sieben Jahren ist der offensichtlich perspektivlose junge Mann, dem jeder zielbewusste Wille zu fehlen scheint, immer noch Praktikant. So jung und schon so talentlos.

Endlich – und vermutlich gnädigerweise – wird er 1825 zum Registratur-Accessisten (was immer das sein mag) befördert. Das bedeutet eine feste Anstellung für ihn. Doch zu diesem Zeitpunkt scheint er aus der Phase des Praktikums bereits übergangslos in die des vorgezogenen Ruhestands eingetreten zu sein. Über das Niveau eines Subalternen kommt er nie hinaus.