Ammersee-Anliegern passiert das ständig. Kaum dass sie, fern heimischer Gestade, irgendwo ihren privilegierten Wohnort erwähnen, keckert jemand: »Ammersee? Kenn ich. War ich schon. Andechs.« Und dann wird meist noch eine süffig süffisante Bemerkung über das klösterliche Starkbier vom Heiligen Berg nachgeschoben oder die angeblich krustigste Schweinshaxn unterm weiß-blauen Himmel. Die Gänse am See sind Kunst gewohnt. Mehr Bilder vom Ammersee » BILD

Geschenkt!

Aber ein Grund mehr, das Ammersee-Ostufer mit seiner Biertrinker-Walhalla einfach mal links liegen zu lassen. Links bei Annäherung von Norden. Zweckmäßigerweise beginnt eine Kleinexpedition nämlich von Geltendorf aus, dem westlichsten S-Bahnhof des Münchner Netzes, zugleich lokaler Eisenbahnknotenpunkt und Einstieg für die Ammerseebahn. Die wiederum ist ein zwanzig Fahrminuten kurzer Teilabschnitt der Strecke Augsburg–Weilheim mit dem Endpunkt Dießen. Das Fahrrad fährt mit, übrigens kostenlos.

Die Ammerseebahn, 1898 eröffnet, erschloss den »Bauernsee« als Badesee der Augsburger. Die Münchner zog es mehr zum stadtnäheren Starnberger See. Dort lagerte sich das große Geld schon in den Gründerjahren des 19. Jahrhunderts zu Uferverkrustungen aus Zement, Marmor und Stuck an.

Etwas Ähnliches befürchteten um die vorletzte Jahrhundertwende wohl auch die Vorreiter des Blauen Reiters, die im Ammersee-Dörfchen Holzhausen unter dem Namen »Die Scholle« eine Künstlerkolonie gegründet hatten, rund um den Maler Walter Georgi. Die Akademie- und Stadtflüchtlinge verhinderten – wie auch immer –, dass »ihr« Bauerndorf einen Bahnhof erhielt.

Die Kunstszene kam trotzdem an: Avantgardisten und Weltflüchtlinge. Es blieben Vergessene und Unvergessliche. Der Strom schwoll im Wechsel der Jahrzehnte an, dünnte wieder aus, riss aber nie ab. Und auch heute kommen und bleiben sie. Georg Baselitz zieht nach Inning; sogar Jeff Koons, so munkelt die Szene, liebäugele mit dem See.

Das Bähnle jedoch passiert Holzhausen noch immer haltlos, bevor es ins Seeholz eintaucht. Der lindgrüne, naturgeschützte Mischwald ist malerisch; hier ist das platt geschliffene Reiseführeradjektiv endlich mal angemessen, weil kunstgeschichtlich zutreffend. Das Seeholz ist schon seit etlichen Jahren Naturdenkmal. Wer den Unterschied zwischen Wald und den deutschlandweit üblichen Holzäckern erfahren will, muss nur vom Fahrrad absteigen und mit den Augen einatmen. Eine alte Übung der Landschaftsmaler.

Vorerst aber noch ein paar Blicke durchs Abteilfenster. Der See hält dem Himmel den Spiegel vor. Die schilfgelben Schals am Spülsaum bürstet ein kleiner Frühlingswind seewärts, das Röhricht schützt die Uferlinie vor Wellenschlag. Rohrsänger und Beutelmeisen sind erwünscht, Betreten und Beschwimmen der Schilfgürtel verboten. Das sah man nicht immer so streng. Vor hundert Jahren stellte der Stuttgarter Freilichtmaler und Kunstprofessor Christian Landenberger, Sommerdauergast am Südsee, seine schimmernden nackten Knaben stundenlang ins Schilf – vor seine Staffelei bei St. Alban. Freikörperkultur galt damals als die nackte Wahrheit, Betonung auf Wahrheit.

Schon hält die Bahn in Dießen. Lange genug, um das Fahrrad ohne Hast auf den Boden zu hieven. Dießens Boden ist tonig und damit eine kulturtragende Schicht: Töpferei, Keramik, Kunsthandwerk. Vom See her zieht sich hangaufwärts ein Netzwerk von Gässchen wie Craquelé-Glasur. Dießen ist Markt, also weder Dorf noch Stadt, und das Marktige lugt aus Dutzenden kleiner, wohlproportionierter Schaufenster, spiegelt sich in Bachläufen, sammelt sich auf kleinen Plätzen. Die alte Hauptstraße in Richtung Landsberg wird fast zum Klettersteig, so steil führt sie hoch zum Marienmünster. Irgendwie schafft es Dießen, klein zu sein, ohne puppig zu wirken.

Klein hatte auch begonnen, was Dießen groß gemacht hat – die Töpferei. Äcker und Wiesen gehörten den Klosterherren von Dießen-Andechs, die nicht übertrieben mildtätig walteten, wenn es um Grundbesitz und Ernährung ging. Um nicht zu verhungern, sahen die Bauern schon im 13. Jahrhundert zu, was sich mit dem reichlich vorhandenen Ton machen ließe. Sie fertigten unglasierte Gebrauchsgefäße, Dachziegel und Bodenfliesen. Die Gelegenheit machte Meister, aus Bauern wurden Baustoffspezialisten.

Verfeinerung und die Grundlage des anhaltenden Ruhms Dießener Töpferei brachte das 17. Jahrhundert mit der Erfindung einer Glasurtechnik, die als Dießener Fayence in ganz Europa berühmt wurde. Der große künstlerische Qualitätsschub kam dann in zwei Schritten: um die Jahrhundertwende, als der Jugendstil »ton«angebend wurde, und später mit den Bauhaus-Schülern Hilde und Erich Kloidt. Sie gründeten 1934 die Arbeitsgemeinschaft Dießener Kunst, der auch, ganz im Sinne der umfassenden Bauhaus-Idee – Handwerk ist Kunst, Kunst ist Handwerk –, Goldschmiede, Zinngießer, Weber und andere Gestalter angehörten. Wichtig und stilbildend war immer auch, dass Maler Keramiker wurden, Keramiker malten, bildhauerten, fotografierten.

Ihr Schaufenster ist seit achtzig Jahren ein lichter Holzpavillon am Ufer, inzwischen denkmalgeschützt, mit sehr viel Seeblick. Hier kann und soll sich der Dießen-Besucher Inspiration für einen Stadtaufwärtsbummel holen. Wege und Pfade verbinden Werkstätten, Galerien und ein verwunschenes Mini-Keramikmuseum, das buchstäblich auf den hier gefundenen Scherben einer fast tausendjährigen Handwerksgeschichte steht.