Jetzt stehen die Manager wieder am Pranger. Wenn die großen deutschen Aktiengesellschaften im Frühjahr ihre Geschäftsberichte vorlegen, erfährt die Öffentlichkeit, wie viel die Großverdiener kassiert haben, und regt sich auf. Denn es fällt schwer, Argumente für die Spitzenverdienste zu finden, etwa die 13,6 Millionen Euro von Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank. Auch der Durchschnitt der 30 Vorstandsvorsitzenden im Dax fällt mit 3,9 Millionen Euro (ohne Zuwendungen für die Altersvorsorge) noch sehr hoch aus. Dafür muss der Durchschnittsverdiener in Deutschland mehr als 100 Jahre arbeiten, oder anders gerechnet: drei Leben leben. Selbst Angela Merkel, die Bundeskanzlerin, muss fast 20 Jahre lang Bundeskanzlerin sein, um nur das eine Jahresgehalt des durchschnittlichen Vorstandsvorsitzenden einzustreichen. An diese Dimensionen darf sich eine demokratische Öffentlichkeit nicht gewöhnen. BILD

Dennoch fällt die Analyse der Vorstandsgehälter des Jahres 2006 auch ermutigend aus, zumindest wenn man ins Detail geht und sich mit den Daten von Towers Perrin auseinandersetzt. Towers Perrin ist eine Beratungsgesellschaft, die sich vor allem auf Vorstandsverträge und deren richtige Ausgestaltung spezialisiert hat. Nach ihrer Analyse hat der durchschnittliche Vorstandsvorsitzende im abgelaufenen Jahr »nur« 5,3 Prozent mehr verdient als im Vorjahr. Und das in einem Jahr, das als das beste der deutschen Nachkriegsgeschichte gilt. Nie waren die Gewinne der Dax-Unternehmen höher. Maßlos ist der Anstieg kaum zu nennen, bedenkt man, dass sich die Entlohnung stärker denn je am erzielten Gewinn orientiert.

Besondere Brisanz erhalten die Millionen von Ackermann und Co. in diesem Jahr, weil das Thema Mindestlohn en vogue ist. Erstaunt stellen die Deutschen fest, dass in ihrem reichen Land Millionen Menschen eine feste Stelle haben und trotzdem weniger als fünf Euro pro Stunde verdienen. Auf den Markt zu verweisen und die Debatte für beendet zu erklären ist da falsch. Denn in beiden Fällen, bei den Niedriglöhnen und bei den Spitzenverdiensten, funktioniert der Markt nicht so, wie es die Wirtschaftsliberalen gerne behaupten. Weder bieten die Individuen freiwillig ihre Arbeitskraft an, noch werden sie nach ihrer in Geld bewertbaren Leistung beziehungsweise danach entlohnt, welche Werte sie schaffen. In beiden Fällen spielen Machtfaktoren die entscheidende Rolle.

Die Niedrigstlöhner, die selbst nach einer 40-Stunden-Woche auf staatliche Zuschüsse angewiesen sind, sind ausbeutbar, vor allem wenn das soziale Netz löchrig ist. Es gibt zu viele Arbeitslose, die einfache Tätigkeiten ausführen können. Da können die Arbeitgeber fast beliebig den Preis für Arbeit drücken. Ganz anders bei den Managern großer Aktiengesellschaften: In der Regel befördern Seilschaften, neudeutsch »Netzwerke«, den Aufstieg der Manager an die Spitze. Einmal oben, verhandeln sie mit ihrem Aufsichtsrat, den sie sich nicht selten selbst zusammengestellt haben, ihren »gerechten Lohn« aus. Im Gegenzug machen sie sich für die Erhöhung der Aufsichtsratstantiemen stark. Es ist nichts anderes als die Ausbeutung der Aktionäre durch die Managerklasse. Mehr Geld ist noch besser als viel Geld, wer wollte es ihnen verdenken? Die Lohnexzesse in Amerika sind ein beredtes Beispiel. Ganz krass der jüngste Aufreger: Robert Nardelli. Der wegen unterdurchschnittlicher Leistung gefeuerte Chef der Baumarktkette Home Depot strich als Abfindung 210 Millionen Dollar ein.

Was kann eine Demokratie gegen die Ausbeutung tun? In beiden Fällen, bei den niedrigstbezahlten und bei den höchstbezahlten Menschen hält die Mehrheit der Wähler die »Marktergebnisse« für unfair. Während die Untergrenze leicht zu definieren und auch mit Mindestlöhnen festsetzbar wäre, ist die Lohnobergrenze nicht zu greifen.