Blühender Unsinn

Wenn jetzt wieder erholungssuchende Städter übers Land fahren, freudig eine bunte Blumenwiese oder einen Acker voller Kornblumen und Klatschmohn entdecken, dann quietschen die Reifen. Autotüren fliegen auf, unter »Guck mal, wie schön!«-Rufen wird ein entzückender Strauß gepflückt und das Idyll fürs Familienalbum abgelichtet.

Doch die Pracht schwindet. Ende März beklagten Bundesumweltministerium und Bundesamt für Naturschutz gemeinsam den fortschreitenden Verlust unserer Arten- und Lebensraumvielfalt. Den traurigen Anlass lieferte diesmal die Präsentation der jüngsten Auflage der Roten Liste gefährdeter Biotoptypen. Sigmar Gabriel zog eine schockierende Bilanz: »Rund 72 Prozent aller 690 verschiedenen Lebensraumtypen in Deutschland gelten nach wie vor als gefährdet oder sogar als akut von der Vernichtung bedroht.«

Besonders dramatisch sei der Rückgang »einstmals weit verbreiteter Biotoptypen, wie beispielsweise der blumenreichen Wiesen und Weiden oder der Klarwasser-Seen«. Tatsächlich verschwinden artenreiche Wiesen und Weiden mit ihrer blühenden Pflanzenvielfalt. Und in einst klaren Seen lässt Überdüngung Algen wachsen.

Dabei wird oft übersehen: Blumenwiesen sind nicht reine Natur, sondern klassische Kulturlandschaft durch extensive Pflege vom Bauern zu dem gemacht, was sie sind. Ohne Mähen würden Wiesen verbuschen, intensive Bewirtschaftung macht sie zu Monokulturen.

Was Bauern tun, bestimmt weitgehend die Politik. Sie schafft Anreize durch Subventionen, fördert zwecks Klimaschutz Diesel aus Raps oder Alkohol aus Mais für Autotanks. Das ist intensive Landwirtschaft. Wer so Klimaschutz betreibt, sollte über Arten- und Biotopschwund nicht klagen.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.35
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