Nicole? Schreibt man Tiger mit rrr?« Mazi legt seinen Zeigefinger an die Lippen, senkt den Kopf und heftet seine Augen auf die bunten Buchstabensteinchen, die auf dem Tisch verteilt liegen. Plötzlich zieht er die Luft ein, greift nach dem R und ruft: »Fertig, Nicole! Guck mal: Der Tiger mag Tee in der Badewanne.« Der kleine Junge schüttelt sich vor Lachen und hält stolz seine Stecktafel hoch. Quatschsätze sind Mazis Spezialität. Zu zweit: Jeder Student sucht sich einen Schützling zum Lernen und zum Spielen BILD

Der Achtjährige ist heute zum dritten Mal in der Lernwerkstatt. Hier gibt es gemütliche Sofas, Regale voller Kinderbücher, eine Bastelecke und jede Menge Spiele. So etwas kennt der Junge von zu Hause nicht. Er ist mit Nicole hergekommen, seiner Studentin. Gemeinsam nehmen sie an einem Projekt der Uni Bielefeld teil, das »Schule für alle« heißt und von der Pädagogischen Fakultät ins Leben gerufen wurde.

Die Studenten entwerfen für jeden Schüler einen Förderplan

Zwei Semester lang betreuen Lehramtsstudenten dabei sozial benachteiligte Grundschulkinder. Jeder stellt dazu einem Förderplan auf, der sich nach den jeweiligen Bedürfnissen seines Schützlings richtet. Er soll verhindern, dass die Jungen und Mädchen im Unterricht den Anschluss verlieren und am Ende auf einer Sonderschule landen. Den Schülern bringt das Programm ein Extra an Aufmerksamkeit, das sie ganz am Anfang ihrer Laufbahn möglicherweise vor einer Verliererkarriere bewahren kann. Den Lehramtsstudenten bringt es frühen Kontakt zur Praxis, einen Einblick in den Alltag benachteiligter Kinder – und am Ende einen Leistungsschein für das Studium.

»Benachteiligt« kann vieles heißen: dass die Familien arm sind, dass die Kinder sich schlecht konzentrieren können, dass sie die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen oder zu früh auf sich allein gestellt sind. In jedem Fall jedoch brauchen sie Hilfe. Die meisten Kinder in der Schule für alle sprechen mit ihren Eltern nicht Deutsch.

»Viele Studenten müssen erst einmal kräftig schlucken, wenn sie das erste Mal bei ihrem Schüler zu Hause waren«, sagt die Pädagogin Brigitte Kottmann, die das Projekt an der Uni Bielefeld leitet. »Mit der eigenen unbeschwerten Kindheit hat das nicht das Geringste zu tun.« Die angehenden Lehrer erleben, wie Drittklässler ihre Hausaufgaben auf dem Hochbett erledigen müssen, weil sie keinen Schreibtisch haben; wie der laute Fernseher der Eltern jeden Versuch zunichte macht, sich auf die Matheaufgaben zu konzentrieren. Oder wie drei jüngere Geschwister durch das Zimmer toben, während die Älteste versucht, einen Aufsatz zu schreiben. Der Misserfolg scheint programmiert.