Über diese Kommentare kann sie sich noch heute aufregen. »Was, du gehst in den Osten?«, haben einige ihrer ehemaligen Klassenkameraden zu Hause in Düsseldorf gesagt. »Wieso das denn?« Doch Sarah Abelen, damals 21, hat nur den Kopf geschüttelt und gefragt, wann ihr Gegenüber zuletzt in den neuen Bundesländern gewesen war. Das Erschreckende: Einige waren noch nie da. Abelen dagegen hat ihren Plan in die Tat umgesetzt und studiert seit zwei Jahren an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) in Cottbus, ein paar Kilometer vor der polnischen Grenze. »Das war eine der besten Entscheidungen, die ich bislang getroffen habe«, sagt sie mit einem Lachen. Die neue Bibliothek der BTU in Cottbus BILD

Es war aber auch eine einsame Entscheidung. Denn noch immer gehört es zu den absoluten Ausnahmen in der deutschen Hochschullandschaft, dass sich junge Menschen zum Studium gen Osten aufmachen: Gerade einmal vier Prozent der Westabiturienten studieren in den neuen Bundesländern. Neue Forschungsergebnisse des von der Bertelsmann Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz finanzierten Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) geben den paar Mutigen jetzt recht. Die Studienbedingungen, so das verblüffende Ergebnis, sind im Osten deutlich besser als in den alten Bundesländern. »Die neuen Länder liegen in dem Vergleich fast durchweg an der Spitze«, sagt Cort-Denis Hachmeister, einer der Autoren der Studie.

Das CHE hat die Urteile von 75000 Studenten ausgewertet, die in die Hochschulrankings des Centrums eingeflossen sind. Bewertet wurden unter anderem der Zustand der Räume, der vorhandene Platz pro Student, die Qualität der Bibliothek und die technische Ausstattung. Sachsen-Anhalt, das ansonsten in Bildungsrankings eher unter »ferner liefen« auftaucht, hat sich dabei Platz eins erobert mit deutlichem Abstand vor Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Schleswig-Holstein als erstes Westland folgt auf Rang fünf, vor Bayern, Baden-Württemberg und Brandenburg.

Deutschlands Wissenschaftsminister, auch die im Westen, werden die Ergebnisse der CHE-Auswertung mit Genugtuung vernehmen. Seit Monaten brüten sie über möglichen Strategien, wie sie den Abiturienten aus Köln, Augsburg oder Wiesbaden die Hochschulen zwischen Rostock und Dresden schmackhafter machen können. Denn bislang laufen die Studentenströme genau in die andere Richtung: Mehr als jeder vierte Ostabiturient geht zum Studium in den Westen – und kehrt meist auch für den ersten Job nicht mehr zurück. Saarlands Wissenschaftsminister Jürgen Schreier (CDU) spricht angesichts solcher Zahlen von einer regelrechten »Flucht gen Westen«.

Studiengebühren gibt es keine, die Lebenshaltungskosten sind niedrig

Die ungleiche Verteilung der Studenten war schon bislang gefährlich, gingen den neuen Ländern doch ihre besten Talente verloren. Jetzt aber, wenige Jahre vor dem erwarteten Studentenberg in den alten Bundesländern mit möglicherweise 700000 zusätzlichen Studenten, ist der Leerstand Ost bei gleichzeitigem Notstand West geradezu absurd. Darum haben die Wissenschaftsminister aus Bund und Ländern im lange umkämpften Hochschulpakt auch vereinbart, 15 Prozent der Mittel nicht für neue Studienplätze einzusetzen, sondern für den Erhalt der vorhandenen Ressourcen im Osten. Die hätten die neuen Länder sonst mangels eigener Abiturienten abgebaut – was gesamtdeutsch gesehen ökonomischer Unfug gewesen wäre.