Grossbritannien Ökotest auf Englisch

David Cameron, der neue Star der britischen Politik, will als erster Konservativer in Europa mit grünen Ideen die Macht erringen.

London

Der Friseurmeister Tony Tahir ist keiner, der auftrumpft. Kein Zeitungsausschnitt hängt in seinem Schaufenster, keine Fotos jenes Haarschnitts, der ihn binnen einer Woche landesweit zum Gegenstand politischer Spekulationen machte. Seit bald 45 Jahren ist Tahir im Geschäft, seit einem Herzinfarkt vor zehn Jahren hat er vier Bypässe und beschränkt sich darauf, im Laden seiner Frau mitzuhelfen. Dass er jetzt plötzlich in den Schlagzeilen landete, verdankt er einem Scheitel, dem neuen Scheitel auf dem Kopf seines berühmtesten Kunden. »Ich wusste doch nicht«, beteuert Tahir und zeigt wie zum Beweis seiner Unschuld seine Hände vor, »ich wusste doch nicht, dass ich plötzlich sein Image ändere.«

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Drei Spitzenkandidaten hat Großbritanniens konservative Partei in den Jahren seit Blairs erstem triumphalen Sieg von 1997 verschlissen. David Cameron ist der vierte und letzte Hoffnungsträger der Tories, die von Winston Churchill bis Margaret Thatcher das Siegen gewohnt waren, aber zuletzt nur noch einen blässlichen Premier namens John Major hervorgebracht hatten. Vor nicht einmal 18 Monaten setzte sich der damals 39-jährige Cameron in einem harten internen Konkurrenzkampf als jugendlicher Außenseiter durch – der spätere Überraschungssieger hatte im Kandidatenporträt des Guardian noch mit Shorts und nackten Beinen am Gartenzaun posiert. Inzwischen schickt der Oppositionsführer sich an, seine verschlafene Partei wach zu küssen, bezirzt eine zunehmend geneigte Öffentlichkeit und fordert Labour auf einem überraschenden Feld zum Duell heraus. Als erster konservativer Politiker in Europa versucht er, den Gegner auf der Linken in und mittels grüner Politik zu besiegen: Unter Cameron bestimmen Klimawandel, Umwelt- und Naturschutz die neue konservative Agenda, Themen, die lange als »soft« galten. Aber David Cameron ist es ernst.

Noch jünger als auf den Plakaten und in den Fernsehdebatten wirkt er, als er an einem Montagmorgen in London ans Podium tritt zu einem Vortrag über »Die grüne Wirtschaft für eine grüne Zukunft«. Der jungenhafte Ausdruck im Gesicht und die Ernsthaftigkeit im Anliegen, diese Verbindung hat ihm den Ruf eingetragen, er sei der »Tony Blair der Tories«, ein Politiker also mit persönlichem Charme und politischem Biss. »Klimawandel ist unsere Schuldenlast gegenüber zukünftigen Generationen«, das hat er schon mehrfach betont, und auch heute wieder ist es sein Leitthema. Cameron führt Eisbären in den Saal, rhetorisch jedenfalls, und lässt Breitmaulnashörner auftreten, nur zwei Beispiele von über 15000 Tierarten, die vom Aussterben bedroht seien und alles wegen »der unnachgiebigen Ausbeutung der endlichen Ressourcen unseres gemeinsamen Heims durch den Menschen«. Die Erde, das »gemeinsame Heim« des Menschen – unerhörte Worte sind das für einen konservativen Politiker aus der Generation von »Thatchers Kindern«, schließlich hatte die große alte Dame sogar bezweifelt, dass es überhaupt so etwas wie »Gesellschaft« gebe. Und in dem engen Konferenzsaal des Great Eastern Hotels sind nicht gerade Sympathisanten der Ökologiebewegung versammelt, sondern reiche Männer in grauen Anzügen, knapp zweihundert Investmentbanker, Hedgefonds-Manager und Industrielle. Die Heuschrecken der Londoner City haben Gewinn im Sinn, nicht Artenvielfalt. Es ist eine Gelegenheit, wie Cameron sie mag: Er trägt die grüne Botschaft in neue Kreise.

Seit Cameron auf Ökologie setzt, nimmt Labour das Thema ernst

Natürlich ist Umweltpolitik nicht neu auf der Insel, schließlich wurde hier der CO2-Handel erfunden, der inzwischen auch in Deutschland praktiziert wird. Doch erst durch Cameron ist die Umweltpolitik von einem Anliegen für Liebhaber zur Machtfrage geworden. Zum ersten Mal in Europa wird der Kampf um die künftige Regierung ganz wesentlich als Kampf um grüne Themen geführt. Damit geht jene Ära zu Ende, die mit Bill Clintons Wahlkampf 1992 begann. Was macht moderne Politik aus? Ein Jahrzehnt lang fand die Auseinandersetzung auf dem Feld der Wirtschaftspolitik statt, und die längste Zeit schlugen Mitte-links-Politiker, von Clinton über Blair bis Gerhard Schröder, ihre konservativen Konkurrenten auf deren angestammtem Terrain: »It’s the economy, stupid.« Jetzt deutet sich ein Wechsel an, der nicht an Grenzen haltmacht und konservative Politiker von Deutschland bis in die USA erfasst: Die einstige Umweltministerin Angela Merkel, die den letzten Bundestagswahlkampf 2005 noch weitgehend ökofrei führte, entdeckt die grüne Frage neu, Nicolas Sarkozy testet das Thema im französischen Präsidentschaftswahlkampf an, und bei den Republikanern in den USA profilieren sich zusehends grün-konservative Köpfe wie Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger gegen den Bush-konservativen Mainstream. Doch ausgerechnet der Politjüngling Cameron muss jetzt den Praxistest bestehen: Ob sich im 21.Jahrhundert wirklich durchbrechen lässt, was im 20. noch selbstverständlich war – grün gleich links?

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Großbritannien hat zumindest zwei Besonderheiten, die es von Deutschland unterscheidet.

    Da ist einmal die Vergangenheit. Maggy Thatcher hatte einst das Thema Globale Erwärmung in die Höhen der Politik gehoben, als sie im Kampf mit der Bergarbeitergewerkschaft dringend Argumente brauchte, um die Öffentlichkeit von der Schließung der Kohlenbergwerke zu überzeugen.

    Und auch mit Kontinentaleuropa bestanden erhebliche Diskussionspunkte. Großbritannien liess seine Abwässer zum großen Teil ungeklärt in die Nordsee laufen, zum Ärger der Anlieger. Maggy Thatcher konterte mit dem Vorwurf die Gefährdung der Umwelt mittels CO2, verursacht durch die Kontinentaleuropäer.

    Und Großbritannien stellt mit Sir Houghton den einflussreichsten Wissenschaftler im IPCC. Houghton ist pietistischer Laienprediger.

    Was im Artikel gar nicht zur Sprache kommt, ist die Situation Großbritanniens im Hinsicht auf die Wiedereinführung der Atom-Kraft.

    Nachdem man eingesehen hat, dass man nicht weite Teile der englischen Küste mit Windrädern bestücken kann, wird seit einiger Zeit wieder die Einführung der Atomkraft diskutiert und auch gefordert, bis hin zur Fusionstechnik

    Dies ist kein leichtes Brot für die Politik. Statt rationaler Überzeugung hilft da natürlich ein Weltuntergangsszenarium wie die von Menschen verursachte Globale Erwärmung.

    Man wird einmal sehen, zu welchen Äußerungen sich die Parteiführer noch hinreißen lassen.

    Dass man nicht zimperlich ist, zeigt der Stern-Report. Von Umweltökonomen wird er weger seiner masslosen Übertreibungen abgelehnt, aber von Blair und seinem Herausforderer aber als der Weisheit letzter Schluss in dern politischen Auseinandersetzung kritiklos propagiert.

  2. denn Thatcher hatte mit ihrem: 'There is nothing like society' etwas ganz anderes, nämlich eigentlich das Gegenteil gemeint von dem, was ihr 'Linke' gerne in den Mund legen würden:
    wie üblich zitiert die 'Linke' aus dem Zusammenhang gerissene Dinge.

    In der Interviewpassage, aus dem die besagte Zeile geklaut wurde, ging es nämlich um die Frage der VERANTWORTUNG: und Thatcher wollte mit ihrem 'there is nothing like society' klarmachen, daß VERANTWORTUNG nicht einfach an ein 'DING' wie 'Sozial-Staat' delegiert werden kann - letztlich sind MENSCHEN, INDIVIDUEN für ihr HANDELN UND ENTSCHEIDEN verantwortlich.

    Mit anderen Worten: Frau Thatcher wollte das von der 'Linken' so gerne gepflegte dreist-faule WEGDELEGIEREN von VERANTWORTUNG an 'Institutionen' und Behörden geiseln -

    gerade die akademische Dekadenzlinke zieht sich ja gern aus dem Schlammassel den sie ideologisch angerichtet hat, indem sie das soziale Trümmerfeld ihrer jahrzehntelangen Bemühungen durch Wegzug in 'bessere' und stabilere Wohngegenden hinter sich lässt - Multikulti gerne, aber nicht bei meiner Nachbarschaft, und schon gar nicht in der Schule meiner Tochter! Dann sollen Lehrer und Sozialarbeiter 'reparieren' und gegensteuern, was die eigene dekadente Lebenseinstellung erst ermöglicht hat....

    Gerade das Beispiel der in letzter Zeit so auffällig gehäuften Kindertode, der Kinderverwahrlosung und Kindermorde wäre ein weiteres, besonders eindrückliches Beispiel, was passiert, wenn eine Menschen ihre Verantwortung an vorgeblich 'allwissende' und 'allmächtige' Institutionen abschieben - und es ist kein Zufall, und keineswegs nur Folge der besonderen wirtschaftlichen Depression der neuen Bundesländer, daß gerade dort diese erschreckenden Beispiele SOZIALER UND KULTURELLER VERWAHRLOSUNG so häufig auftreten (da kann die PDS, sorry: Linkspartei schreien wie sie will).

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