Kunstmarkt Das Ende der großen Jagd
Wer kauft heute noch alte Bücher? Es sind Männer. Genauer: ältere Herren. Und die übergroße Mehrheit dieser älteren Herren trägt Brille.
Zu dieser empirischen Erkenntnis kommt man, wenn man sich etwa in den Antiquariaten der Berliner Winterfeldtstraße umschaut. Die älteren Herren mit den Brillen suchen dort mit konzentriertem Blick die Regalreihen ab, ziehen hin und wieder ein Buch heraus und blättern die ersten Seiten auf: Was ist das für eine Ausgabe von Arno Schmidts Leviathan? Und welchen Preis hat der Antiquar mit Bleistift in das Buch gezeichnet?
Die Sammler und auch die Händler alter Bücher sind traditionell Jäger.
Sie jagen nach seltenen Exemplaren, deren Wert der Verkäufer nicht erkannt hat. Seit einigen Jahren hat sich die Jagd jedoch verändert.
Schuld ist das Internet. Früher suchten die Bibliophilen bei antiquarischen Buchhändlern, Auktionshäusern wie Hartung & - Hartung in München oder auf Flohmärkten. Heute kann man sich auf Seiten wie zvab.com, dem Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher, innerhalb von wenigen Minuten per Mausklick eine ganze Bibliothek zusammenkaufen. Das ist so, als ob dem Jäger das Rotwild in einem engen Gehege zum Abschuss vorgeführt wird. 23 Millionen Bücher werden mittlerweile von über 4000 Antiquaren bei ZVAB angeboten. Nicht alle scheinen seriös zu arbeiten, Kunden und auch Händler klagen immer wieder über die Zustandsbeschreibungen da werden große Butterbrotflecken unterschlagen und Auflagen verwechselt.
Das viel größere Problem sei jedoch, so die Händler, dass Internetanbieter wie das ZVAB die Preise für das mittlere Preissegment des antiquarischen Handels verdorben hätten. Eine Erstausgabe der Blechtrommel von Grass, erzählt Detlef Thursch, habe vor wenigen Jahren noch 200 Euro gekostet. Heute findet man im Internet ein Dutzend Exemplare für 80 Euro und weniger.
Der Düsseldorfer Thursch organisiert Antiquariatsmessen in Frankfurt und Leipzig. Auf solchen Messen die traditionell größte in Deutschland ist die in Stuttgart findet man die teureren, weil selteneren Bücher, die im Internet oft gar nicht erst angeboten werden. Denn die Käufer wollen diese Bücher anfassen, sie durchblättern, an ihnen riechen, bevor sie vier- oder sogar fünfstellige Summen dafür ausgeben. Die Preise für diese Luxusgegenstände, ob Flugblatt aus der Münchner Räterepublik oder Erstausgabe von Goethes Farbenlehre mit Widmung, sind in den letzten Jahren um etwa 80 Prozent gestiegen eine Folge des gesamtwirtschaftlichen Aufschwungs, glaubt Thursch. Um an diesem Markt mit den Rarissima teilhaben zu können, müssen sich die Antiquare spezialisieren. So gibt es das Rote Antiquariat in Berlin und Leipzig, das »Socialistika« und Exilliteratur führt, oder das Antiquariat Gerhard Gruber aus Heilbronn für Naturwissenschaftlich-Historisches.
Fast die Hälfte der Verkäufe tätigen diese Händler untereinander, ein Buch, so Thursch, gehe oft durch die Hände von einem halben Dutzend Antiquare, bevor es in eine Sammlung gelange. Das Ziel der Antiquare ist es, möglichst viele dieser Endkunden an sich zu binden. So geht es auch Christof Grössel aus München, der einen beträchtlichen Teil seines Geschäfts mit einem einzigen Amerikaner tätigt. Grössel, 40 Jahre alt, hat keinen Laden, und sein Lager besteht aus nur zwei Regalen. Schon als Schulkind sammelte er Bücher. Heute ist Grössel etwa auf tschechoslowakische Typografen spezialisiert, behält aber nur wenig. Wenn man davon leben wolle, dürfe man nicht sein bester Kunde sein. Übrigens, so Grössel, verkaufe er neuerdings auch an jüngere Menschen, die interessierten sich für Design- und Fotobände. Das habe wohl mit dem Wandel hin zu einer visuell geprägten Kultur zu tun.
Fotobücher muss man nicht lesen. Lesen, das machen die älteren Herren mit den Brillen.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.50
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