DRAUSSEN Dauerhaftes Provisorium
Eine Österreicherin in Aserbajdschan: Die 36-jährige Wienerin Ingrid Angela Gössinger leitet seit zwei Jahren die Abteilung für Demokratisierung des OSZE-Büros in Baku
Randlage. Seit zehn Jahren lebe ich zumeist in geografischen und politischen Randlagen und immer in dauerhaft eingerichteten Provisorien. An manchen Orten bin ich für ein paar Monate, an anderen dann wieder bis zu vier Jahre lang. So habe ich Prishtina oder Mitrovica im Kosovo kennengelernt. Dann bin ich weitergezogen nach Skopje, Tomsk, Kemerovo, Nowosibirsk und Barnaul in Westsibirien.
Anschließend habe ich in Belgrad, Brüssel und Phnom Penh gelebt. Und zuletzt im Kaukasus, in Tiflis (Georgien), in Sukhumi (Abchasien) und nun in Baku. Hier leite ich die Abteilung für Demokratisierung im OSZE-Büro. Unsere Themen sind Medienfreiheit, die Unterstützung der Zivilgesellschaft, Gleichbehandlung, Menschenhandel, Zwangsarbeit und Wahlen. Meist habe ich es dabei mit Herren mittleren Alters zu tun, mit Beamten, Richtern und Staatsanwälten, mit Bürgermeistern, Menschenrechtlern und Diplomaten.
Kaputt. Aserbajdschan erinnert ein bisschen an Süditalien, an jene kaputten Landstriche, in denen verlassene Industriegebäude dominieren.
Die Halbinsel Abscheron ist einer der dreckigsten und am meisten verseuchten Plätze dieser Erde. Eine typisch aserbajdschanische Erfahrung: Nichts passiert. Dieses Land ist primitiv und verkommen, zugleich aber schlicht und schön. Orientalische Lebensfreude mischt sich mit bodenloser Gleichgültigkeit. Die einstigen Prunkbauten der Ölbarone verfallen unbeachtet. Die Straßenmärkte versinken in einer Art Urschlamm. Verkauft wird dort nicht, um ein Geschäft zu machen, sondern um zu überleben.
Ich wohne in der Innenstadt von Baku in einem Haus, das einer Iranerin gehört, die in Paris Mode macht und deren folkloristisch-moderne Mäntel und Blusen ich hier trage. Von meinem Balkon aus sehe ich das Kaspische Meer und den Shirvan-Shah-Palast. Laut ist es in meinem Wohnviertel nur, wenn der Störverkäufer am Sonntag mit seiner Frau seine Runden macht. Er verkauft frischen Fisch, sie Beeren oder Eingemachtes.
Bei aller Weltoffenheit und Neugier muss ich gestehen, dass mir bei mancher Reise der missmutige Urlauber Travnicek von Helmut Qualtinger einfällt: »Wenn mich das Reisebüro nicht vermittelt hätt!«
aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.A16
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