Dem Aufstieg folgt die Abkehr

Russlands neuer Wohlstand zeigt sich in den lichten Kiefernwäldern vor der Stadt. Im Speckgürtel Moskaus, wo »Cottages« und »Chalets« die alten Holzhäuschen verdrängt haben, ist die neue Mittelklasse zu Hause. Dort liegt auch das Neubauviertel von Nemtschinowka. Es beginnt hinter einem Schlagbaum, ein paar Baustellen gibt es noch, wo Schwarzarbeiter aus Tadschikistan oder der Ukraine um die Hausecke lugen. Doch die meisten Grundstücke sind bereits von einem mannshohen Bretterzaun umschlossen, hinter dem ein lärmender Wachhund umherläuft.

Galina wohnt hier, 54 Jahre alt, Unternehmersgattin und gelernte Übersetzerin. Auch sie gehört zur oberen russischen Mittelklasse.

Ihren wirklichen Namen möchte Galina lieber nicht in der Zeitung lesen, was in ihren Kreisen durchaus typisch ist. Besser nicht auffallen, lautet das Motto. Sobald das geklärt ist, zeigt sie bei grünem Tee im Garten stolz und gern, wie gut sie den bodennahen Obstbaumschnitt beherrscht, den sie auf Reisen in Ungarn und der Schweiz erlernen konnte.

Der russische Durchschnittsalltag ist in solchen Augenblicken weit weg. Dabei sind es nur einige Minuten Fußweg vom neuen Wohnviertel Nemtschinowka ins alte Datschendorf Nemtschinowka. Dort stehen immer noch halb verfallene Zäune schief herum, leere Bierflaschen und anderer Müll häufen sich am Wegesrand. Anwohner starten ihr rostiges Auto durch Anrollen am Berghang. Zu den Altdörflern hat Galina keinen Kontakt, wie sie sagt: »Wir leben in unserem Viertel eher isoliert.«

Diese Abgrenzung ist nach Ansicht vieler Soziologen ein Merkmal für die gesamte russische Mittelklasse. Nach einer Studie des Soziologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften gehören ihr gut 20 Prozent der erwerbstätigen städtischen Bevölkerung an. Die Voraussetzungen, um dazu gezählt zu werden, sind hohe Bildung, ein überdurchschnittliches Einkommen, Karriere und eine dazu passende Selbsteinschätzung. Die Studie stellte außerdem fest, dass die überwältigende Mehrheit der Mittelklasse ein Haus oder eine Wohnung besitzt, etwa ein Fünftel zudem ein Auto und eine Datscha. Mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von monatlich 260 Euro in der Provinz und 400 Euro in Moskau sind die Familien der russischen Mittelklasse allerdings deutlich ärmer als ihre Counterparts in westeuropäischen Ländern.

Jedenfalls ist es diese Mittelklasse, die den gegenwärtigen russischen Bauboom nährt und die Einkaufszentren füllt. Kein Zufall, dass Baumärkte die Ausfallstraße in den Vorort Nemtschinowka säumen: Container und Wellblechhallen, in denen es gußeiserne Öfen aus Norwegen zu kaufen gibt, florentinische Kacheln und Banjas, die landesüblichen Saunen, samt Samowar für die russische Bodenhaftung.

Das angeblich bestbesuchte Einkaufszentrum Europas steht am Rande von Moskau und trägt den Namen »Mega-Mall«. Es lockt die Besserverdienenden mit jenen Marken, die auch westeuropäische Großstädter gewohnt sind: Ikea, Obi, dem französischen Supermarkt Auchan und vielen Bekleidungsketten.

Russlands neue Mittelklasse entwickelte sich nach der Finanzkrise 1998. Der Wertverfall des Rubels stärkte die heimische Produktion.

Zugleich schnellten die Öl- und Gaspreise weltweit in die Höhe, und beides zusammen beschert Russland seit acht Jahren ein Wachstum von 6,6 Prozent im Durchschnitt.

Fast eine Million russischer Touristen reiste zuletzt nach Ägypten

Während 70 Prozent der Bevölkerung vom wachsenden Wohlstand nicht oder kaum profitieren, sind die Realeinkommen der übrigen 30 Prozent deutlich bis rasant gestiegen. Diese Leute haben im vergangenen Jahr mehr als zwei Millionen Neuwagen gekauft, womit Russland in der Statistik auf Platz fünf in Europa liegt. Weitere Belege für den neuen Wohlstand liefert die Reisestatistik: Allein nach Ägypten reiste im vergangenen Jahr fast eine Million russischer Touristen.

Galina und ihr Mann gehören auch zu den Gewinnern des Aufschwungs. Vor neun Jahren zogen sie aus einem zwölfstöckigen Plattenbau nach Nemtschinowka in ihr neues Haus, das sie im kanadischen Holzbaustil errichtet haben. Am Rande des Grundstücks steht ein Sommerhäuschen mit Veranda, in dem die Topfpflanzen im Winter ihr Quartier finden ausreichend beleuchtet und mit Musikberieselung zum Wohlfühlen. Ein Teepavillon, ein gemauerter Schaschlik-Ofen und eine Garage für zwei Mittelklasseautos aus Frankreich und Japan runden das Ensemble ab. Den Garten schmücken ein Himbeerstrauch, Stockpfingstrosen und Tomatenpflanzen im Keramiktopf. Kartoffeln wie im klassischen Datschagarten kommen hier nicht mehr in die Erde. Höchstens ein paar Kräuter wie Estragon, Thymian oder Salbei »für den Küchentisch«, wie Galina sagt.

In der Küche, wo die Russen traditionell über Politik reden, duftet es also nach Mittelmeer. Doch mehr als die Hälfte der Russen interessiert sich laut Umfragen ohnehin nicht oder kaum mehr für Politik. Es mangelt ihnen an Einflussmöglichkeiten oder an der Zeit. » Mit Freunden sprechen wir nur noch selten über Politik«, sagt Galina. » Alles ist so offensichtlich, da werden wir nur depressiv.« Sie macht sich Sorgen um die Zukunft, vor allem um die ihrer Kinder und Enkel. » Unsere Machthaber investieren nicht in das Land, sondern bringen ihr Geld ins Ausland«, sagt sie auf der Veranda und spricht ein bisschen leiser.

»Sie beuten unsere Erde aus. Aber was bleibt den kommenden Generationen?« Bei der letzten Präsidentschaftswahl ist sie nicht mehr wählen gegangen. » Die Macht«, erklärt sie, »hat uns bei dieser Show deutlich gezeigt: Ob ihr kommt oder nicht, ist uns sowieso egal.«

Die Erwartung westlicher Experten, dass eine wachsende Mittelklasse die demokratische Entwicklung vorantreiben werde, hat sich also als verfrüht erwiesen. Obwohl die Einkaufszentren und der Bauboom eine gewachsene Konsumentenschaft bezeugen, ist hier keine neue Stütze der Bürgergesellschaft entstanden. Politisch loyal, passiv und individualistisch ist die neue Mittelklasse. Als Garant der Demokratie fällt sie aus.

Die junge Mittelklasse ist misstrauisch und unpolitisch

Die Studie des Soziologischen Instituts belegt, dass mittlerweile die Mehrheit der Mittelklasse im Staatssektor, bei der Armee oder in den Rechtsschutzbehörden arbeitet. Nur 35 Prozent sind in der Privatwirtschaft angestellt. » Unsere Mittelklasse ist mit ihren Beamten und Verkehrspolizisten ein Teil des korrumpierten Systems«, sagt der oppositionelle Parlamentsabgeordnete Wladimir Ryschkow. » Eine Bekannte meiner Frau hat im Urlaub auf den Malediven einen Beamten der Präsidentenverwaltung getroffen. Er wohnte in einem Bungalow, der für zwei Wochen etwa 10000 Dollar kostet. Abteilungsleiter aus unseren Ministerien machen in Cannes oder Nizza Urlaub. Warum soll diese Mittelklasse für die Demokratie kämpfen?«, fragt Ryschkow rhetorisch.

»Sie tritt eher für den Status quo ein.«

Zwar ist die Unterwürfigkeit vor der Staatsmacht überwunden, doch an ihrer Stelle herrschen Misstrauen und Passivität vor. Nur bei einer direkten Bedrohung ihrer Interessen hat Russlands neue Mittelschicht bisher ein Anflug von bürgerlichem Selbstbewusstsein gezeigt. So gingen Investoren auf die Straße, als sie um ihre Wohnungen betrogen wurden, und Autofahrer demonstrierten, als sie sich zu sehr gegängelt fühlten.

Im Unternehmerlager sieht es kaum anders aus. Der Verband der Klein- und Mittelunternehmer nennt sich Opora, zu Deutsch: Rückhalt. Er vertritt etwa 330000 Unternehmer und wird in Moskau zuweilen wahrgenommen. Doch schon in den Regionen, wo meist die Gouverneure und Bürgermeister das Wirtschaftsleben diktieren, gilt er als vernachlässigbare Größe.

Das geringe Interesse vieler Unternehmer an politischer Mitsprache erklärt sich das Opora-Präsidiumsmitglied Alexander Bretschalow damit, dass fast alle wegen unzulänglicher Gesetze und der mangelnden Start-up-Förderung Rechtsbrüche begangen hätten. So ist es noch immer eine weit verbreitete Praxis, den Angestellten einen Teil der Gehälter schwarz auszuzahlen. » Deshalb ist fast jeder Unternehmer jederzeit angreifbar«, erläutert Bretschalow. » Er mag Galoschen oder Sofanägel herstellen: Sein erster Gedanke ist immer, mit dem Bürgermeister, den Aufsichtsbehörden und der Polizei einen Handel abzuschließen, um in Ruhe vor der Steuerinspektion zu arbeiten.« Politisches Engagement dagegen könnte schnell zu Konflikten mit der Regionalmacht führen.

Zwar stellt die Studie des Soziologischen Instituts fest, dass innerhalb der Mittelklasse, vor allem bei Unternehmern, eine Tendenz zur »modischen Ehrlichkeit« bemerkbar sei. Aber der Übergang vom wilden Kapitalismus zur zivilisierten Volkswirtschaft brauche eben Zeit und die notwendigen Rahmenbedingungen.

Die Mittelklasse sei nun mal »keine Mohrrübe im Beet, die von allein heranwächst«, betont die Wirtschaftsexpertin Marina Krassilnikowa vom unabhängigen Analytischen Zentrum Jurij Lewada. Die Mittelklasse müsste sich von den heutigen 20 Prozent »auf 60 Prozent der Bevölkerung erweitern, um die Gesellschaft zu stabilisieren«, glaubt sie. » Dafür aber fehlt die nötige soziale Mobilität.« Um diese zu erreichen, müssten Strukturreformen dem Wachstum der Bürokratie und dem hohen Prestige einer Arbeit in den Beamtenstuben und Sicherheitsbehörden ein Ende setzen. » Diese Reformen bleiben bisher aber aus«, sagt Krassilnikowa.

Weitere Informationen im Internet: www.zeit.de/wirtschaft/mittelschicht

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.30
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