Was bewegt ... Thomas Druyen? Der Vermesser des Reichtums
Wer bei Nettersheim von der Autobahn A1 abfährt, der braucht gute Gründe. Rechts und links nichts als eine Eifellandschaft, die sich ziemlich schmucklos bis zum Horizont hinzieht. Darüber tiefe Wolken, die sich über den Hügelkamm schieben, ein Regen, der fast waagerecht von vorne kommt. Wäre die Erde ein Scheibe, bei Nettersheim wäre vermutlich ihr Rand.
In den vergangenen Jahren hat Thomas Druyen dieses Nirgendwo wieder und wieder gesucht. Also ist der knapp fünfzig Jahre alte Soziologieprofessor mit seinem Wagen in seiner Heimatstadt Düsseldorf oder in der Universitätsstadt Münster auf die Autobahn gefahren und in Nettersheim wieder runter. Von dort noch knappe sieben Kilometer Eifelberge hinauf- und hinabgekurvt, dann sah Druyen die hellen Mauern des Salvatorianer-Klosters Steinfeld wieder vor sich.
Er parkte den Wagen im Innenhof, ging durch einen Seiteneingang in sein Zimmer. Nur ein Bett, nur ein Schreibtisch, nur ein Stuhl im Laufe der Jahre hat Thomas Druyen festgestellt, dass ihm das entsagungsreiche Klosterleben beim Arbeiten gut bekommt. Wer morgens um fünf schon auf den Beinen ist und die Frühandacht mitnimmt, der hat was vom Tag. In der Abgeschiedenheit von Kloster Steinfeld, umgeben von fast tausend Jahre alten Mauern, gedeihen Gedanken offensichtlich leichter zu einem Buch.
Gelegentlich weht der Pausenlärm der Internatsschüler herüber, die in Steinfeld leben und mit den Patres lernen. Glockenschlag begleitet den Tag, jedes Mittagessen, jedes Abendbrot beginnt und endet hier mit einem kurzen Gebet. An diesem Ort hat Druyen das Buch Olymp des Lebens das neue Bild des Alters geschrieben, das er im Jahre 2003 veröffentlichte. Hier entstand auch das Buch, das in wenigen Wochen erscheinen wird und sich der Vermögensforschung widmet: Goldkinder.
Die Welt des Vermögens. Das eine Werk ist ohne das andere nicht denkbar.
Was ist von einer Gesellschaft zu halten, die es nicht als Glück, sondern zunehmend als Bedrohung empfindet, dass die Menschen älter und älter werden? Dass sich das Leben um durchschnittlich drei Monate pro Jahr verlängert? Diese Fragen drängten ihn damals, Partei für die Alten zu ergreifen und ein Manuskript zu verfassen. Noch immer steigt dem Soziologen verlässlich die Zornesröte ins Gesicht, wenn er nur daran denkt. » Warum kümmert sich kein gesellschaftliches Zukunftsmodell um die positiven Potenziale des Alters?«, entfährt es Druyen beim Spaziergang im Innenhof des Klosters. Für ihn ist es ein Rätsel, »warum dem so einmalig verlängerten Lebensalter nicht umfassende Hochachtung« entgegengebracht wird. Stattdessen regiert Gleichgültigkeit, findet sich kaum Interesse, »den großen Schatz an Kompetenz und Weisheit zu heben«.
Bevor Thomas Druyen sich ganz der Wissenschaft verschrieb, hat er einige Jahre für die deutsche Tochter der Privatbank LGT gear- beitet, die der Fürstenfamilie Liechtensteins gehört. Der Begriff des Vermögens war ihm geläufig, jeden Tag hatte er mit Leuten zu tun, die welches hatten. Vor allem natürlich in materieller Hinsicht.
Allmählich erkannte er, dass das materielle und das immaterielle Vermögen sich zueinander verhielten wie zwei Seiten einer Medaille.
Ihm wurde klar, dass es einen gravierenden Unterschied zwischen Reichtum und Vermögen gibt, zwischen Reichen und Vermögenden.
Die Spezies der Reichen ist demnach daran zu erkennen, dass sie sich gerne als luxusfixierte Exzentriker aufführt, weniger soziologisch ausgedrückt: Bei ihr wird die Kreditkarte nicht kalt. Aber das ist es denn auch.
Für den Vermögenden dagegen ist typisch, »dass er in einem Gemeinwesen Verantwortung übernimmt«, gerade dann, wenn der Sozialstaat an seine Grenzen gelange. » Der Vermögende gibt sich durch sein philanthropisches Handeln zu erkennen, pathologisches Konsumieren ist seine Sache nicht.«
Wer hinter dichten Hecken lebt, entzieht sich der Wissenschaft
Große Vermögen realisierten ihren eigentlichen Wert erst dann, »wenn sie über den persönlichen Vorteil hinausgehen, wenn sie auch der Gemeinschaft dienen«. Als Beispiel erwähnt Druyen die Amerikaner Bill Gates und Warren Buffett mit ihren großzügigen Stiftungen, er nennt den Namen des SAP-Gründers Dietmar Hopp, den des Kaffeerösters Johann Jacobs und den seines Großneffen Klaus Jacobs, der eine private Universität in Bremen mit 200 Millionen Euro fördert. Er erinnert an die Wohltaten des aus Schottland stammenden US-Stahlindustriellen Andrew Carnegie (»Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande«) und des Hamburgers Kurt Körber zu Beginn und zum Ende des 20.
Jahrhunderts.
Überzeugungen eines Wissenschaftlers im Elfenbeinturm? Ganze Generationen von Soziologen haben sich dem Thema Arm und Reich gewidmet, sich an diesem Stoff abgearbeitet mit starker Schlagseite zur Armut. Theorieintensiv, oft kritisch allem Elitären gegenüber, wohl manchmal auch mit der Fahrradklammer im Hosenbein. Wenn es um das Thema Armut ging, dann ließ es sich trefflich diskutieren. Hier klappte die Recherche, es gab keine Schwierigkeiten mit den Begriffen, hier gab es das erwünschte empirische Material in Hülle und Fülle. Den Bedürftigen kann man leicht den Puls fühlen. An der Schwelle zu großem Reichtum endete der soziologische Zugang dagegen meist sehr schnell.
Wer hinter hohen Zäunen und dichten Hecken lebt, der entzieht sich der wissenschaftlichen Erhebung.
Druyen hat es versucht, er ist andere Wege gegangen. Er hat bei den Leuten der Oberschicht geklingelt, er tut es noch immer, um nicht Opfer der eigenen Vorurteile zu werden. Er hat die Klientel zu sich eingeladen, auch das. Zum Beispiel in die Universität Münster, wo Druyen, in einem von Fahrrädern umstellten Institutsgebäude unweit des Aasees, seine Vermögensforschung betreibt.
Dreißig bis vierzig Teilnehmer mochten es sein, die sich hier im letzten Semester im Forum für Vermögensforschung im ersten Stock zum wöchentlichen Seminar zusammenfanden. Soziologie zum Anfassen. Auf den hinteren Tischen lagen neben Unterrichtsmappen Wollknäule und Stricknadeln für die sedierende Handarbeit, vorn, an der Tafel, stand Professor Thomas Druyen mit einem Premierengast. 24 Jahre alt, aus einer alteingesessenen Familie im Münsterland, Ländereien und Forstwirtschaft, kein Milliardär, etliche Millionen aber werden es sicher sein.
Zunächst deutete nichts auf den Beginn einer wunderbaren Freundschaft hin. Hinten im Saal begannen die Stricknadeln zu klappern, vorne versuchte es Druyen zunächst mit ein paar einfachen Fragen: »Woran merken Sie, dass Ihre Eltern reich sind?« » Spüren Sie eine besondere Verpflichtung?« Nach 90 Minuten endete die Visite im gegenseitigen Wohlgefallen. Alle Vorurteile schienen abgearbeitet. » Keine Spur von Sozialneid im Publikum«, resümierte der Professor. » Das Bild des üblen Landvogts ist korrigiert«, meinte der junge Gast beim Hinausgehen.
»Also, wenn Sie wollen, komme ich gern noch einmal vorbei.«
Druyen räumt ein, dass wissenschaftliche Forschung in vielen Formen daherkommt, dass sie in seinem Fall eher wie eine Expedition anmutet, in der sich ein Ornithologe behutsam einer selten Spezies zu nähern versucht. Es ist eine mühsame Recherche. » Ab und an werfen Biografien ein Licht auf das Leben von Reichen und Vermögenden, dann verliert sich ihre Spur wieder schnell.« Wer wäre bereit zu praktizierter Hilfsbereitschaft? Zu Mäzenatentum? Zu großen Stiftungen? » Alles völlig unorganisiert«, wie der Münsteraner Professor findet.
Als Anfang März dieses Jahres die neue Forbes-Liste mit den Namen der reichsten Menschen weltweit erschien, hat auch Druyen neugierig in dem Papier geblättert. Der Trend ist eindeutig, die Reichen werden immer reicher. Nach wie vor marschiert Bill Gates mit geschätzten 56 Milliarden Dollar vorneweg, nicht allzuweit dahinter folgen mit den Essener Discount-Unternehmern Karl und Theo Albrecht (Aldi) mit 20 beziehungsweise 17,5 Milliarden Dollar die ersten Deutschen. Insgesamt acht Bundesbürger als Milliardäre unter den ersten 100, bisweilen ertappt sich der Soziologe schon bei dem Gedanken, »wie viel Geld hier auf einen geordneten sozialen Einsatz wartet«.
Im Salvatorianer-Kloster Steinfeld machen sich die ersten Patres auf den Weg in den Speisesaal. Seit der neue Koch am Herd steht, gehen sie nun gerne ein paar Minuten früher los. Thomas Druyen bleibt noch einen Augenblick in seinem Zimmer.
Reiche beschäftigt die Frage nach dem Lebenssinn
Im fahlen Licht der Schreibtischlampe blättert er in den Ordnern, in denen er die Ergebnisse seiner Interviews, die Fakten seiner Feldforschung zu den Reichen und Vermögenden im Lande zusammengefasst hat. Bei allen Schwierigkeiten der Recherche, so viel stand schnell fest: »Auch wohlhabende Zeitgenossen werden in ihren Villen von den gleichen Ängsten, Sehnsüchten und Hoffnungen begleitet wie die Menschen in den Mietwohnungen der Vororte.« Der große Unterschied sei allerdings: »Die einen unterliegen dem Zwang des Broterwerbs, die anderen der immerwährenden Frage nach Lebenssinn.«
Bei aller Diskretion, zu der er sich verpflichtet fühlt, »mit habitueller Arroganz«, das räumt Druyen ein, habe er es bei der Recherche für sein Buch durchaus zu tun bekommen. Er spricht auch »von Stilverzicht, aus Unsicherheit«. Trotzdem kein Gedanke an Entmutigung.
Manchmal dauern die Dinge eben. Bei Druyen selber war es nicht anders.
Zwei Jahre lang hat er in Indien gelebt, dann in Münster wieder studiert. Für die BBC gearbeitet, den Dalai Lama mehrmals getroffen.
An der Seite von Peter Ustinov ein Netzwerk für Vorurteilsforschung entwickelt, einen West-Ost-Wirtschaftsgipfel mitorganisiert. Und dann noch die Bücher in der Eifel. Aber nicht genug das alles.
In seinem Kloster bereitete der Soziologe vor wenigen Wochen einen Vortrag für eine Bewerbung in Wien vor. Einmal mehr beschrieb er darin seine Idee, eine professionelle Form unternehmerischer Philanthropie zu entwickeln. Als er später in der österreichischen Hauptstadt zu reden begann, hörten die anderen Professoren der Sigmund-Freud-Privatuniversität dem Kollegen aus Deutschland genau zu.
Schließlich nickten sie anerkennend.
Seit dem 1. März ist Thomas Druyen nun ordentlicher Professor des Lehrstuhls für vergleichende Vermögenskultur in Wien. Darauf ist der Pionier stolz. Das wollte er noch schnell zu Ende erzählen beim Gespräch in der Kammer. Jetzt aber, so findet er, sei es an der Zeit, den Patres in den Speisesaal von Kloster Steinfeld zu folgen.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.32
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