Wochenschau »Er zankt sich gern«
Das Prinzip Glucksmann: sich immer wieder unbeliebt machen bei den eigenen Leuten, den Linken, und ihnen dennoch treu bleiben. André Glucksmann, einer der einflussreichsten französischen Philosophen, ein Alt-68er, verdammte in den siebziger Jahren den Kommunismus, Anfang der Achtziger die deutsche Friedensbewegung, er war für den Krieg gegen Saddam Hussein (und bereut das bis heute nicht mal). Aber selbst Glucksmann strapaziert das Glucksmann-Prinzip, indem er sich in einem Gastbeitrag in der Tageszeitung Le Monde auf die Seite des Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy schlägt, des Kandidaten der bürgerlichen Rechten, bekannt geworden als Law-and-Order-Innenminister.
Man trifft sich mit ihm in einem Berliner Hotel. Warum unterstützen Sie Sarkozy, Herr Glucksmann? » Wissen Sie, der Satz Sarkozy ist faschistisch sagt sich so leicht. Ich habe dieser Art der Diffamierung einen kleinen Riegel vorgeschoben. Denn zu behaupten, auch ich sei Faschist, traut sich dann doch keiner.« Er lacht. André Glucksmann ist Sohn jüdischer Emigranten, seine Mutter war im Widerstand in Deutschland und Frankreich, er selbst ist der Deportation nur knapp entkommen. Er heißt Glucksmann, weil ein österreichisch-ungarischer Beamter seinen Vater so umbenannt hat, vielleicht aus Güte, vielleicht aus Ironie. So schreibt André Glucksmann es im Buch, auf dessen Umschlag Erinnerungen steht und wegen dessen Vorstellung er in Berlin ist.
Sarkozys Eltern kamen aus Ungarn nach Frankreich, er wuchs wie Glucksmann ohne Vater auf. Ist Ihnen Sarkozy auch wegen dieser Parallelen nahe? » Auch sein Vater war Immigrant. Als Konsequenz daraus ist er feinfühliger als die Mehrheit der Politiker. Er ist der einzige französische Politiker, der während der orangen Revolution nach Kiew gereist ist.«
Er beschreibt Sarkozy als Politiker, der international denkt, im Gegensatz zu Ségolène Royal, der Sozialistin, und François Bayrou, dem dritten Kandidaten. » Bayrou lässt sich auf dem Traktor fotografieren und mit Kühen. Er ist die Fleischwerdung des angeblich echten Frankreichs. Dabei ist dieses Frankreich vollkommen unwirklich.«
Glucksmann hat es imponiert, dass Sarkozy den Krieg in Tschetschenien zu kritisieren wagt. Glucksmann war selbst dort, im Jahr 2000, heimlich, illegal. Seither war er mit Anna Politkowskaja befreundet, der Oppositionellen, zuletzt sahen sie sich wenige Monate, bevor sie ermordet wurde. » Jedes Mal, wenn sie in Paris vorbeikam, trug sie beim Abschied ein kleines Lächeln, denn Auf Wiedersehen, das hatte in ihrem Fall etwas sehr Optimistisches. Wir waren wirklich Freunde«, dann unterbricht er sich selbst. » Aber das ist nicht nur schlimm wegen dieser einen Person. Es gibt jetzt dort immer weniger Menschen, die sich trauen zu widersprechen.«
Widersprechen. Das ist das Thema seines Lebens. Ist es nicht auch anstrengend, immer zu widersprechen? » Nein«, sagt er auf Deutsch, als müsse er sichergehen, verstanden zu werden. » Das ist spannend!«
Schätzt er Sarkozy auch deswegen, weil der sich, wie er, gern streitet? » Er ist zumindest der Einzige, der die Regierung kritisiert hat, obgleich er ein Teil von ihr war. Er zankt sich für seine Ideen.«
Sarkozys Streitbereitschaft ging einmal sehr weit. Als die Vorstädte brannten, im Herbst 2005, hat er die, die da zu randalieren begannen, racaille genannt, was Gesindel heißt, und hat die Randalierenden damit nicht gerade besänftigt. Hat Glucksmann ihm seine Wortwahl von damals verziehen? » Ich musste ihm nicht verzeihen. Ich war mit ihm einer Meinung, habe ihm das auch geschrieben.« Das sei doch das Gleiche, was Marx mit dem Lumpenproletariat meinte. Man müsse das Problem benennen.
Sarkozy, der Mann der schnellen Worte, und Glucksmann, der Mann der abgewogenen Worte eine sonderbare Allianz. Und eine, die womöglich nicht allzu lange dauern wird. » Von dem Moment an, wo er gewählt ist, kann ich wieder in Opposition zu ihm gehen, ohne Probleme.«
André Glucksmann wird im Juni 70, sein Gesicht ist mit den Jahren sehr sanft geworden, fast weiblich, so wie es manchmal bei alten Mönchen zu beobachten ist. Wie passt dies zu einem Mann, der in seinem Buch von seinem »lebenslangen Zorn« spricht? » Meine Wut ist nur eine philosophische Wut.« Sie richte sich nie gegen Menschen. » Ich habe erlebt, dass selbst ein Nazi oder ein Kommunist sich zum Guten ändern kann.«
In dem Artikel in Le Monde schreibt er, er würde jetzt womöglich viele Freunde verlieren. Er erzählt auch viel von seinen Freunden: von den Toten Michel Foucault und Anna Politkowskaja. Und von den Lebenden in Deutschland, in Wien, in Paris. Vielleicht muss er ja auch deshalb immer wieder attackieren: um sich ihrer Freundschaft zu vergewissern.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.62
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