Frankreich steht Kopf. Seit dem Ende des Libanonkrieges und der Tour de France im August 2006, ja, genauso genommen, seit jenem donnernden »Nein« zu Europa, das die Götterdämmerung Jacques Chiracs einläutete, gibt es nur noch ein Thema: Wer wird der nächste Präsident? Aus den Tages- und Wochenzeitungen, von den Bildschirmen starrt uns alltäglich das Konterfei der Präsidentschaftskandidaten entgegen, das Nussknackergesicht Sarkozys, das ewige Lächeln Royals, die Bulldogge Le Pen, der Teddybär Bayrou. Alle Neben- und Gegengötter Frankreichs, alle ehrgeizigen Politiker, die eine kleine Schar von Anhängern haben, beteiligen sich an der Massenschlägerei vor dem Eingang zum Élysée, werfen einander Bananenschalen in den Weg und stellen sich die Beine: Trotzkisten und Souveränisten, Rassisten und Sozialisten, Kommunisten und Altermondialisten, alle einander spinnefeindlichen Kandidaten, die sich hassen, weil sie links oder rechts sind, und sich vor allem hassen, weil wie bei der Befruchtung nur einer durchkommt. Präsident François Mitterrand im Mai 1982. BILD

Seit zwei Jahren interpretieren die Fachjournalisten jedes politische Ereignis Frankreichs nur noch unter dem Aspekt der Wahl. Die flammenden Aufstände in den Ghettos im November 2005? Schlecht für die Aufständischen, aber gut für Sarkozy, über 60 Prozent der Franzosen stellten sich hinter ihn. Die Massenstreiks der Studenten und Gewerkschafter gegen den Ersteinstellungsvertrag im März 2006? Gut für die Demonstranten, aber schlecht für Villepin, seine Präsidentschaftschancen waren dahin. Die Konkurrenten übertrumpfen einander. Die kommunistische Partei, einst die Partei der Arbeit, fordert die 32-Stunden-Woche. Für den Faschisten Le Pen ist das Phänomen der Luftverschmutzung darauf zurückzuführen, dass die Immigranten in Frankreich die Luft verpesten. Innenminister Sarkozy setzt seine Inlandsaufklärung auf die Mitarbeiter und die Vermögensverhältnisse seiner politischen Gegner an, ohne dass die abgestumpfte und zynisch gewordene Öffentlichkeit aufschreit. Im Internet verbreiten bezahlte Handlanger Gerüchte über die außerehelichen Abenteuer, die Familiendramen, die verborgenen Vermögensverhältnisse der Kandidaten. Frankreich fiebert den Wahlen entgegen, es redet von ihnen, es träumt von ihnen.

Gibt es etwas Besonderes zu gewinnen? Oh ja! Unermessliche Macht! Der Präsident hat einen himmlischen Posten. Er thront weit über den Wolken, da, wo es immer blaut. Tief unter ihm stürmt und brennt es, werden die armen glücklosen Kollegen aus der Politik von Skandalen verschlungen, treten zurück, werden verurteilt, indes er es zornig blitzen lässt, ein vom Parlament verabschiedetes Gesetz annulliert oder huldvoll einen Kardinal zum Ritter der Ehrenlegion ernennt und, wie ein Kind mit seinen Zinnsoldaten, mit den politischen Institutionen seines Landes spielt.

Es ist ein verbreitetes Vorurteil, ja, ein totaler Irrtum zu glauben, dass die französische Verfassung ein reines Kind der Revolution sei. Sie hat zwei Eltern. Sie ist das Ergebnis einer konflikt- und kurvenreichen Geschichte von Aufständen und Konterrevolutionen, von Barrikadenschlachten und Restaurationen, eine Kreuzung von horizontalen (demokratischen) und vertikalen (absolutistischen) Kräften. Das Papier trägt noch die Spuren des getrockneten Bluts. Der heute vorliegende Text ist gleichsam die Endmoräne zweier seit dem Sturm auf die Bastille gnadenlos ineinander verbissener historischer Bestrebungen: Monarchie und Republik.

Das Erbe der Revolution ist die alle vier Jahre vom Volk gewählte, aus den Parteien hervorgehende Regierung, der Erbe der Könige der alle fünf Jahre direkt vom Volk gewählte Präsident. Diesen bizarren Zustand nennt man hierzulande die »parlamentarische Monarchie« oder die »Wahlmonarchie«. Den Präsidenten heißt man »Le Prince«, er wohnt im »Palast«, seine Minister sind die »Barone«.

Frankreich scheint mit dieser Verschachtelung seiner politischen Institutionen zufrieden. Aber die Institutionen hängen schief. Zwischen 1875 und 1958, in der III. und IV. Republik, nach dem Tod Napoleons III., der durch einen militärischen Staatsstreich an die Macht gekommen war, wurde der Präsident wieder von der Regierung oder einer Abgeordneten- und Senatorenversammlung gewählt, war also von ihr abhängig. Aber seit dem »legalen Staatsstreich« de Gaulles 1962, der die Parteien verachtete und die Direktwahl des Präsidenten in einer siegreichen Volksabstimmung durchsetzte, haben sich die Machtverhältnisse wieder eindeutig zugunsten des monarchischen Prinzips verschoben. Seither ist, in den Worten des Generals, die Präsidentschaftswahl »die Begegnung eines Mannes mit dem Volk«.

Der Präsident steht über dem Gesetz. Niemand hat das Recht, seine Entscheidungen zu beeinflussen oder zu desavouieren. Das Parlament ist entmachtet. Er kann die entwürdigte Ministerrunde, die sklavisch zu ihm hochschielt, jederzeit entlassen, er kann den Premierminister auswechseln, er kann die ganze Nationalversammlung nach Hause schicken und Neuwahlen ausrufen. Er hat die Befugnisse eines Alleinherrschers.

Der Präsident ist der oberste Befehlshaber der Armee, er befiehlt dem Verteidigungsminister, er bestimmt die Außenpolitik, er allein darf den atomaren Knopf betätigen, er hat in allen wichtigen das Land betreffenden Fragen das Sagen. Er setzt die Präfekten ein, die Frankreich verwalten, er ernennt das diplomatische Korps, er beeinflusst, wenn er will, die Wahl des Intendanten der Comédie Française oder der Opéra de la Bastille.

Diese verblüffenden Fakten, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit den Verhältnissen in Deutschland, England, ja, den USA haben, sind nur die Spitze eines Eisbergs namens Präsidentschaft, dieser permanenten Demütigung aller demokratischen Regeln und dieses Inbegriffes einer vollkommenen, konstitutionell verankerten Undurchsichtigkeit der Machtverhältnisse.

Denn der Präsident ist nicht nur juristisch und politisch unangreifbar. Auch sein Haushalt ist jeder Kontrolle entzogen. Man spricht nicht über Geld, das ist vulgär (man spricht lieber über die sexuellen Abenteuer der Präsidenten, Geld ist zu intim). Das Budget des Élysées ist ein politischer Skandal, von dem man nur hinter vorgehaltener Hand redet, weil es an die Unterwäsche der Nation geht. Das englische Königshaus hat ein Budget, das jeder kennt, das des Élysees kennt keiner.

Am 20. November 2004 erschien in Le Monde ein Artikel über die »unkontrollierten Ausgaben des Élysées«, worin wir erfuhren, dass sich in den zehn Jahren seit dem Amtsantritt von Jacques Chirac die Ausgaben seines Amtes vervielfacht hatten und jetzt 31,9 Millionen Euro betrugen. Der Präsident finanzierte von diesem Geld eine Schattenregierung, Spezialisten für Militärpolitik, für Außenpolitik, für Europapolitik, für Afrikapolitik (ein Augiasstall von militärischen Geheimverträgen mit Diktatoren), persönliche Referenten, Ghostwriter, Meisterköche, Gärtner, Kammerdiener, Gendarmen, Chauffeure, Berater in Sachen Kultur und in Sachen Öl. Die Zahl seiner Mitarbeiter wurde mit 714 angegeben, von denen 93 aus dem Kulturbudget, 54 aus dem der Wirtschaft, 463 aus dem des Verteidigungsministeriums bezahlt wurden, das auch die meisten Flüge regelt, sodass, zusammen mit diesen »unterirdischen Fonds«, der wirkliche Haushalt auf mehr als das Doppelte des offiziellen, auf über 77 Millionen Euro, geschätzt wurde. Das sind nur Mutmaßungen, da »das völlig undurchdringliche Budget weder vom Parlament noch vom Rechnungshof kontrolliert wird« (Le Monde). Ja, 2002 hat das Verfassungsgericht betont, dass »die finanzielle Autonomie der Staatsorgane« dem »Prinzip der Gewaltenteilung« entspringe. Der Sumpf hat höchste Weihen.

Der Gipfel der Machtvollkommenheit des Präsidenten ist freilich seine juristische Immunität. In mehreren Prozessen, die auf Chiracs Amtszeit als Bürgermeister von Paris zurückgingen und, so der Staatsanwalt Henri Génin, ein »bandenmäßig organisiertes System der Korruption« im Pariser Rathaus aufdeckten, wurden Strafen gegen seine engsten Mitarbeiter verhängt, aber, so klagte der Staatsanwalt, »der Stuhl eines illustren Tatverdächtigen war leer geblieben«. Und das viele Bargeld, mit dem Chirac damals seine Rechnungen beglich, woher kam es? Die Frage führte zu einem nationalen Skandal, als 2001 bekannt wurde, dass Jacques Chirac zwischen 1992 und 1995 über zwanzig Flugreisen für sich, seine Familie und seine Mitarbeiter im Wert von zweieinhalb Millionen Franc bezahlt hatte, und zwar cash. Häufig war es sein Chauffeur, der die Briefumschläge mit den 500-Franc-Scheinen zum Reisebüro brachte. Die Reisen führten ihn und sein Gefolge nach Japan, nach Mauritius und Syrien, einmal, in Begleitung seiner Tochter Claude und eines Leibwächters, für ein Wochenende nach New York: 119339 Franc in bar. Von welchem Geld? Ein Richter ging der Frage nach: Er wurde zurückgepfiffen. Da der Präsident weder angeklagt, noch als Zeuge verhört werden darf, betrachtet er das irdische Treiben mit olympischer Gelassenheit.

Sie hassen einander herzlich, die Präsidenten. Ob links oder rechts, spielt keine Rolle. Sie haben mit den Monarchen auch dies gemein, dass die schönsten Meuchelmorde in der eigenen Familie begangen werden. Schon de Gaulle bezeichnete seinen Nachfolger Georges Pompidou als »Renegaten«, »Parvenü«, »Usurpator«, der nur nach seinem Posten trachte und den er allenfalls auf seinem Totenbett wieder empfangen werde. Als Pompidou an das Totenbett trat, hatte de Gaulles Familie den Sarg schon geschlossen. Drei Monate vor seinem Tod gestand Mitterrand Giscard d’Estaing, dass Jacques Chirac ihm 1980, mitten im Kampf um die Präsidentschaft, vorgeschlagen habe: »Wir müssen Giscard erledigen. Er ist eine Gefahr für Frankreich!« Doch der war schon vom Verrat seines Premiers informiert, er hatte seinerzeit zum Telefon gegriffen, das Wahlkampfbüro Chiracs angerufen, ein Taschentuch auf den Hörer gelegt und gefragt, für wen er am Sonntag stimmen solle. Die Antwort Chiracs: »Nicht für Giscard. Sie müssen Mitterrand wählen!«

Was lehrt uns diese haarsträubende Geschichte? Dass der Hass auf den Konkurrenten im eigenen Lager unversöhnlicher sein kann als der auf den »Klassenfeind«. Es handelt sich um Erbstreitigkeiten im Clan, und diese werden immer mit großer Erbitterung geführt. Man kann nicht mit offenem Visier aus dem Weg räumen, man muss ins Gesicht lächeln und das Messer in den Rücken stoßen. Der Zwang zur Heimlichkeit vergrößert die Heimtücke.

Aber diese Szene aus den jüngst erschienenen Memoiren Giscard d’Estaings lehrt uns auch, dass wir sehr unvollständige Vorstellungen von den Umgangsformen in der Politik haben und dass unter dem farbigen A-Film mit seinen pathetischen Reden, ideologischen Beteuerungen und großen Versprechungen ein brutaler schwarz-weißer B-Film läuft, in dem der unstillbare Machthunger alle anderen Motive verschlingt und man mit Zähnen und Klauen arbeitet. Der Präsident ist, Giscard zufolge, ein »Boxer« (Pompidou), »ein Florettfechter, der blitzschnell zusticht« (Mitterrand), »ein professioneller Händeschüttler ohne jede Überzeugung« (Chirac). Und der adlige und gediegene d’Estaing, der wie ein Schmierendarsteller seine Stimme verstellt, ist er nicht aus ähnlichem Holz geschnitzt wie der »Bulldozer« Chirac, der dessen Vernichtung betreibt?

Der Kampf um die Präsidentschaft ist ein unerbittlicher Krieg von Rivalen, die einander aus dem Weg räumen, um nach oben zu kommen. Es gibt nur Feinde, und die »Freunde« sind die gefährlichsten. Chirac hat Giscard verraten? Na und? 1981 hintertrieb Mitterrand die Wahl seines Parteigenossen Lionel Jospin, der gedroht hatte, den Staat Mitterrands einer »Inventur« zu unterwerfen. Sogar der Schwager und der Neffe Mitterrands riefen zur Wahl Chiracs auf. Mit Erfolg. Und hätte Chirac auch nur die Spur einer Chance gehabt, seinem Ziehkind und Intimfeind Sarkozy, der ihn im Wahljahr 1995 für den Kandidaten Balladur verraten hatte, ein Bein zu stellen, er hätte sich das Vergnügen kaum versagt. Aber es war zu spät für den alten Gorilla. Seine Leibgarde war schon übergelaufen, als einer der Ersten sein ehemaliger Premierminister Alain Juppé, den er »den Besten von uns« genannt hatte. Verrat ist in der Politik kein Schimpfwort, es ist das Überlebensprinzip.

Das Erstaunliche ist, dass all diese Fakten dem Ruf der französischen Präsidenten nie wirklich geschadet haben. Alle Verfehlungen Mitterrands, die schamlosen Lügen über seinen Gesundheitszustand, die illegale Spionagezelle im Élysée, deren einziger Zweck es war, die Existenz seiner unehelichen Tochter zu verheimlichen, seine Freundschaft zu René Bousquet, dem Verantwortlichen für die Judendeportationen nach Auschwitz, all das hat seinen Ruf nicht zerstört. Auch dass Chirac in einer landesweit berühmten Fernsehsatire den Spitznamen »Superlügner« trug, dass ihn der namhafte Journalist Alain Duhamel den »gnadenlosesten Vernichter der französischen Politik« nannte, dass sein infamstes Bonmot lautet: »Ein Versprechen verpflichtet nur den, der daran glaubt!« – all das hat Chirac nicht erledigt, sondern nur die öffentliche Empörung verbraucht. Das ist der wahre Skandal, dass die Bevölkerung gegen alle Schurkereien, Intrigen, Wortbrüche ihrer Führer apathisch geworden ist. Im Gegenteil, eine gewisse Schlitzohrigkeit gehört für einen Präsidenten offenbar dazu, um als glaubwürdig zu gelten.

Das Kreuz der Kandidaten ist es, seit ihrer Jugend links oder rechts zu sein und als künftiger Präsident zugleich hoch über den Parteien stehen zu sollen. Die Unparteilichkeit des Präsidenten ist die im System der V. Republik unausrottbar eingebaute Lüge. Wie sollen Menschen, die ihr Leben lang eine extrem parteiliche Vorstellung von Politik hatten, einen solchen Spagat bewerkstelligen? Sie müssen taktieren, heucheln, mit gespaltener Zunge reden. Manchmal spielen sie Komödie und verbreiten die Illusion eines überparteilichen Bonapartismus. Oder sie wildern in den ideologischen Gefilden ihres Gegners.

Ségolène Royal begann, die Ikonen der nationalen Rechten, die Heilige Johanna und General de Gaulle, in ihre Reden einzuflechten, und Nicolas Sarkozy, dessen Trauzeugen der Milliardär Arnault und der Medienpapst Bouyges waren, zitierte im Januar auf einmal den Revolutionär Lafayette, den Arbeiterdichter Émile Zola und den Präsidenten der Volksfront, Léon Blum. Er habe sich geändert, sagte der Innenminister dem verblüfften Publikum und beklagte »das leidende Frankreich«, aber nicht zu lange, denn im Februar ließ er am Place de la République 21 »Illegale« von der Armensuppe weg verhaften.

Sie hüpfen wie die Flöhe von links nach rechts, von unten nach oben, teilen Versprechungen nach allen Seiten aus und projektieren, je nachdem, Steuersenkungen oder Lohnerhöhungen. Aber am liebsten hüpfen die Flöhe nach oben und besingen Frankreich: »das leidende Frankreich«, »das arbeitende Frankreich«, »das bodenständige Frankreich«, »das gemischtrassige Frankreich«, »das einzigartige Frankreich«. »La France«: Superstar! Sie lieben Frankreich um die Wette und beteuern es. »Vive la France!«, hatte einst de Gaulle trompetet. »Liebe es, oder verlasse es!«, schmettert Sarkozy, mit den Schultern rollend, den Einwanderern entgegen. »Frankreich liebt alle seine Kinder«, tönt Royal. »Frankreich ist eine Frau«, philosophiert Villepin, »sie will genommen werden, es juckt in ihrem Becken.« Der Populismus blüht! Und doch ist Frankreich keine Mutter, Geliebte oder Hure, sondern ein Land mit Millionen von höchst verschiedenen Menschen, jungen und alten, armen und reichen, feindseligen und hilfsbereiten. Das Zauberwort Frankreich soll das Wahlvolk zusammenschmieden und hinter dem Kandidaten versammeln. Es hat eine betäubende Wirkung, es kommt einem periodisch auftauchenden nationalen Harmoniebedürfnis entgegen, aber es lügt.

Zwischen der Linken und der Rechten herrscht immer noch Krieg. Sie wissen nicht mehr, warum, aber sie halten treu an ihrer Todfeindschaft fest. Die Wogen um die Hinrichtung von Ludwig XVI. haben sich geglättet, die russische Revolution und der Kalte Krieg sind Vergangenheit, seit Mitterrand gibt es keine Verstaatlichung und seit dem Sturz der Mauer keinen Kommunismus mehr, aber der Schatten der Guillotine ist immer noch präsent. Noch immer bebt die Französische Revolution nach, noch immer sind die Kindeskinder der Roten und der Schwarzen im letzten französischen Dorf miteinander verkracht. Und dieser zweihundertjährige Krieg der Gespenster spukt umso heftiger in den Köpfen, als sich die Lager in der Realität kaum noch unterscheiden.

Da beginnt es auf einmal, mitten im Wahlkampf 2007, an den Rändern der kämpfenden Parteien zu bröckeln, ein Mann aus der konservativen UDF namens François Bayrou drängt nach vorne, nennt sich einen »Zentristen« und versammelt jene Unzufriedenen der gemäßigten Rechten um sich, die den von Ehrgeiz zerfressenen, auf seinen zehn Zentimeter hohen Hacken der Größe entgegenstrebenden Karrieristen Sarkozy nun doch nicht haben wollen, wie auch die zahlreichen Machos der sozialistischen Partei, deren Testosteron rebelliert, weil eine Frau über sie herrschen soll. Und da es in der Mitte und links sehr eng wird und beim Einläuten der letzten Runde die großen strategischen Manöver beginnen, entweicht Sarkozy nach rechts außen, beschwört pathetisch das »ewige Frankreich«, dem er als Sohn eines ungarischen Immigranten seit Kurzem angehört, und stellt dem französischen Volk, im Falle seiner Wahl, ein dem faschistischen Sprachgebrauch entlehntes »Ministerium für Immigration und nationale Identität« in Aussicht. Die Nation gleitet nach rechts.

Es gibt keine Linke mehr, selbst Ségolène Royal hat sich, um die Wahlen nicht zu verlieren, von der sozialistischen Partei distanziert. Aber, viel schlimmer, es gibt keine Visionen und keine Courage mehr. Sie betonen ihre Unterschiede, aber ähneln einander, die Kandidaten, in allem, was sie nicht sagen und nicht tun. Niemand von ihnen hat einen Plan gegen die Wohnungsmisere, gegen die notorische Überfüllung der Gefängnisse, gegen das völlige Fehlen von psychiatrischen Kliniken und erst recht keinen für die längst überfällige Auflösung der Ghettos. Alles schielt auf die Wähler, beugt sich ihren niedrigsten Instinkten, vor allem dem grassierenden, tief in die Gesellschaft einbetonierten Rassismus. Es gibt im stolzen »Land der Menschenrechte« keine Barmherzigkeit mehr, es gibt nur noch eine strenge, strafende Gesellschaft. Sarkozy will das Erwachsenenstrafrecht auf die 16-jährigen Wiederholungstäter ausdehnen, und die Offizierstochter Royal will sie unter militärischer Bewachung resozialisieren.

Zum allgemeinen Rechtsruck gesellt sich der alte Dünnpfiff: in der Außenpolitik nichts Neues. Alle Kandidaten beten denselben Rosenkranz herunter: für die Beibehaltung der französischen Atommacht, für eine staatliche Überwachung der europäischen Zentralbank, gegen eine klare Aussage zu Europa, da man die Neinsager, das Gros der Wähler, nicht verschrecken will. Anfangs wollten die Kandidaten den Staat verjüngen, inzwischen sehen sie ziemlich alt aus.

Doch ist es nicht ohnehin kindisch zu glauben, ein Mensch allein könne das Schicksal einer Nation wenden, sie wie eine fahrende Eisenbahn auf ein anderes Gleis setzen und in eine andere Richtung schicken? Nehmen wir den einzig tief greifenden Vorschlag Ségolène Royals zur Veränderung der Gesellschaft, die »Dezentralisierung Frankreichs«. Sie müsste mit der Abschaffung des Präsidenten beginnen. Er zentralisiert und monopolisiert alle Macht des Staates. Er ist der unsterbliche zentrale Kopf der Hydra, es nützt nichts, die Nebenköpfe abzuschlagen. Es gibt nur eine Lösung: den Präsidenten beseitigen. Aber auch dafür brauchte man die Zustimmung des Präsidenten.

Indessen irrt Jacques Chirac, so wird erzählt, ein wenig verloren durch die Räume des Élysees, er dekoriert noch hier und da einen alten Bekannten, nominiert noch diesen und jenen Botschafter, der auf einer fernen Insel allmorgendlich die französische Flagge hissen wird, schanzt seinem letzten übrig gebliebenen Freund den Posten des obersten Verfassungsrichters zu, vergisst zuweilen, ob er letzte Woche mit Putin telefoniert hat oder nicht, kann seit seinem Schlaganfall nur noch große Buchstaben lesen, also kurze Ansprachen halten, und hat, wie es heißt, alle Illusionen über die Natur des Menschen verloren. Er hätte, um sie früher zu verlieren, sich genauer in einem Spiegel betrachten sollen.

Durch die Wände des um 1720 erbauten klassizistischen Palastes mit seinem paradiesischen Garten und den von Goldschmuck überbordenden Festsälen, den einst die Pompadour bewohnte, dringt kein Geräusch der Außenwelt – und schon gar nicht das Klagen und Grölen der Obdachlosen, die vor vier Monaten ein Zeltdorf am Canal Saint-Martin aufgeschlagen haben. Der Präsident hatte ihnen, auf der Welle des weihnachtlichen Mitleids reitend, in einer schönen Neujahrsrede zwar keine Wohnungen, aber ein einklagbares Recht aufs Wohnen geschenkt. Es wird im Massengrab aller folgenlosen Gesetze landen. Doch eine schöne Rede ist fast schon eine gute Tat. Und in Frankreich verachtet man die Parteien, aber verehrt den höchsten Mann im Staat.

Der Theaterregisseur und Essayist Benjamin Korn lebt in Paris. Er inszeniert an vielen großen europäischen Theatern und ist Träger des Brentano-Preises für Literatur

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