Unternehmen Lieber nicht an die Börse

Unternehmen wachsen oft schneller, wenn sie keine Aktien streuen.

Peter-Alexander Wacker ist hochzufrieden. Der Aktienkurs der von ihm geführten Wacker Chemie AG hat nach anfänglichen Turbulenzen das Niveau der ersten Börsennotierung im April vergangenen Jahren weit hinter sich gelassen. Außer Wacker Chemie haben 2006 noch 167 weitere deutsche Unternehmen – aus vielfältigen Gründen und mit unterschiedlichem Erfolg – den Schritt an den Aktienmarkt gewagt. So viele Börsengänge gab es in Deutschland seit den späten neunziger Jahren nicht mehr. Für 2007 erwarten Experten wieder eine große Zahl neuer Notierungen.

Die Börse – der Königsweg zu Wachstum und Erfolg für Deutschlands Familienunternehmen? Wohl kaum. Denn Aktiengesellschaften unterliegen mehr Zwängen als rein private Firmen. Das kann die Zukunftsaussichten sogar schmälern.

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So nutzte die Eigentümerfamilie der Wacker Chemie den Börsengang nur, um ihr Unternehmen vor fremden Großinvestoren zu schützen. Die Anteile hatten jahrelang zu je etwa 50 Prozent bei der Familie Wacker und bei der Hoechst AG gelegen, die dort das Sagen hatte. Nach dem Umbau des Frankfurter Chemieunternehmens zum Life-Science-Konzern Aventis, der dann in der Sanofi-Aventis aufging, sollte der Wacker-Anteil verkauft werden. »Die Eigentümerfamilie wusste um die Kraft, die in dem Unternehmen steckt«, sagt Vorstandschef Peter-Alexander Wacker. Sie übernahm alle Aktien von Sanofi-Aventis, reichte einen Teil davon über die Börse an Kleinaktionäre weiter und finanzierte so eine Aufstockung der Familienanteile von gut 50 auf knapp 70 Prozent. Der Börsengang war also nur das Vehikel, um aus Wacker wieder ein Familienunternehmen zu machen.

Die Eigentümer der Bertelsmann AG – die Familie Mohn und die Bertelsmann Stiftung – hatten diesen Umweg nicht nötig. Das Unternehmen ist zwar eine Aktiengesellschaft, wird aber nicht an der Börse gehandelt. Und das soll auch so bleiben nach dem Willen von Familie Mohn, die bei Bertelsmann stets die Führung behielt. Der Konzern brachte im vergangenen Jahr 4,5 Milliarden Euro auf, um einen Börsengang zu verhindern – »die größte Transaktion der Unternehmensgeschichte«, wie Bertelsmann-Sprecher Andreas Grafemeyer betont. Man zahlte, um rund 25 Prozent der eigenen Aktien von der Groupe Bruxelles Lambert (GBL) zurückzukaufen. Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn hatte sie dem Investor einst im Tausch gegen einen Mehrheitsanteil am Fernsehkonzern RTL Group überlassen – mit der Option, dass die GBL sie von Mai 2006 an über die Börse verkaufen dürfe. Mit dem Rückkauf verhinderte Bertelsmann den öffentlichen Handel seiner Aktien.

Weniger Gewinnausschüttung, dafür mehr Geld für Forschung

Auch Hermut Kormann steht der Börse skeptisch gegenüber. »Mir hat noch niemand erklären können, wo für ein Familienunternehmen der Vorteil eines Börsengangs liegen soll«, sagt der Vorstandschef des Maschinen- und Anlagenbauers Voith AG, der seit mehr als 180 Jahren der Familie des Unternehmensgründers Johann Matthäus Voith gehört. Wenn eine Unternehmerfamilie verkaufen wolle, sei der Börsengang sicher eine Option. Aber für Eigentümer, der drinbleiben wollen?

»Es ist inzwischen empirisch belegt«, sagt Kormann, »dass Familienunternehmen schneller wachsen und mehr verdienen als börsennotierte Unternehmen.« Sie wüchsen schneller, weil Börsengesellschaften einen größeren Teil des Gewinns an die Aktionäre ausschütten müssten. Unternehmerfamilien könnten sich mit weniger bescheiden, so bleibt mehr Kapital für Forschung, Entwicklung und Wachstum. Am Ende verdienen sie dann mehr.

Das sieht Andrea Jocham von der Robert Bosch GmbH ähnlich. Die Anteile des Unternehmens gehören größtenteils einer Stiftung: »Wir sind im Schnitt der vergangenen zehn Jahre um acht Prozent pro Jahr gewachsen und wenden mehr als sieben Prozent des Umsatzes für Forschung und Entwicklung auf. Finden Sie das mal bei einem börsennotierten Unternehmen.« Obendrein erledige sie die Finanzkommunikation ihres Unternehmens, das mit 43 Milliarden Euro Umsatz zu den größten in Deutschland zählt, in Teilzeit quasi nebenher, sagt die Bosch-Sprecherin. Börsennotierte Unternehmen dieser Größenordnung beschäftigen vielköpfige Investor-Relations-Teams.

Leser-Kommentare
  1. In Familienunternehmen wird eben meist eine klare Linie verfolgt, in Aktiengesellschaften wird oft ununterbrochen herumgebastelt. Ich kenne viele die wenn sie die Wahl haben sich nicht in AGs bewerben.

    • Anonym
    • 10.04.2007 um 3:08 Uhr

    Zitat:

    'Seit der Shareholder-Value mit dem Aktienkurs gleichgesetzt werde, seien die Vorstände börsennotierter Unternehmen gezwungen, Erwartungsmanagement zu betreiben. Da alle Zukunftschancen schon im Kurs enthalten seien, so Kormann, »muss ich zusätzliche Erwartungen wecken, wenn ich den Kurs höhertreiben will«. Das gehe nur über Akquisitionen, weil der Weg über eigenes, organisches Wachstum zu lange dauert. Die Vorstände hätten ja bis zur Verlängerung ihres Vertrages nur ein paar Jahre Zeit. So gerate der Manager in immer höhere Risiken hinein. Dass es da zu Schieflagen und Pleiten komme, sei unausweichlich, meint Kormann.'

    Also wenn diese Aussage keine Widerspruch in sich ist, dann bin ich der Kaiser von China :-)

    Höhere Risiken sollten sich nämlich in einem höheren Beta-Faktor niederschlagen, der zu einem niedrigen Barwert führt. Zudem sollten sich die Cash-Flows in mittlerer bis weiter Zukunft durch eine nachhaltige Handlung steigern und somit ebenfalls den Barwert erhöhen.

    Also der Shareholder Value ist da schon mal gar NICHT (!) schuld. Höchstens, dass zuviele nicht kapieren was dahinter steht. Wenn man noch einen Schritt weitergehen will, dann müsste man ja sogar den Stakeholder Value anstreben. Dies halte ich aber für an Eigeninteressen interessierten Unternehmen nur begrenzt machbar. Deshalb sollte hier der Staat eingreifen. Dafür sind aber die Ökonomen und Sozialwissenschaftler zuständig.

    Folglich kann der Shareholder Value zur Messung von Unternehmenswerten NICHT dominiert (vor allem nicht durch den Gewinn!!!) werden. Es können höchstens Verbesserungen der BERECHNUNG dieses Wertes statt finden.

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