Geben Sie Beinfreiheit!

Wow, ist der riesig!«, ruft der kleine Junge mit der roten Mütze auf der Aussichtsterrasse des Frankfurter Flughafens. » Its just so big«, begeistert sich ein amerikanischer Pilot auf dem Dulles Airport in Washington - den würde er auch gern mal fliegen. Die Menschen staunen, wenn der neue Airbus A380 einschwebt. Ob in Frankfurt, New York, Chicago, Hongkong, Washington oder München, zu Zehntausenden drängten sich vergangene Woche die Schaulustigen, als Lufthansa und Airbus im größten Verkehrsflugzeug der Welt erstmals Testflüge mit voll besetzter Passagierkabine unternahmen.

Die äußeren Dimensionen sind wirklich beeindruckend allein die Tragflächen strecken sich um 15 Meter breiter aus als bei der Boeing 747400 und bieten zusammen genug Platz, um 70 Personenwagen darauf zu parken. Beim Start ist das Flugzeug voll beladen so schwer wie 500 VW Golf. Und jemand hat sogar ausgerechnet, wie viele Tischtennisbälle in der doppelstöckigen Kabine befördert werden könnten: 35 Millionen.

Insgesamt 519 Passagierplätze auf zwei Decks bietet das Testflugzeug mit der Werksnummer 007. Es ist bisher die einzige A380 mit einer vollen Kabinenausstattung und eigenen First-, Business- und Economy-Class-Abteilen.

Dass es noch nicht mehr einsatzbereite A380 gibt, ist ein Fiasko für Airbus und viele Fluggesellschaften, denn eigentlich sollte der Riese jetzt schon sein einjähriges Flugjubiläum im Liniendienst beim Erstkunden Singapore Airlines (SIA) feiern. Nach den langwierigen Produktionsverzögerungen wird der erste Flug mit zahlenden Gästen nun wohl erst im November zwischen Singapur und Sydney stattfinden. Viele von ihnen haben bereits vor Jahren bei SIA einen Platz für den Jungfernflug reserviert. Bis die Lufthansa hierzulande regelmäßig mit den ersten von 15 bestellten A380 abhebt, wird es noch bis Ende März 2009 dauern. Dabei ist auch in Deutschland die Erwartung gewaltig: Bei einem Radiosender, der 50 Plätze für den Testflug nach Hongkong verloste, meldeten sich innerhalb eines Tages 55000 Interessenten.

Doch vor allem für jene maximal 443 Passagiere, die an Bord der 007-Economy-Class reisen, bringt der Flug eine Ernüchterung: Die voll besetzte Kabine eines solchen Riesenjets bietet kein großzügiges Raumerlebnis, sondern eine dicht gepackte Menschenansammlung mit wenig Platz für Beine und Ellenbogen. » Sardine bleibt doch Sardine«, entfährt es einem Mitreisenden beim Rückflug aus Washington, »geschlafen hat hier heute kaum jemand, dazu ist es zu eng.« Auch wenn de facto ein paar Zentimeter mehr Platz ist als in Boeings altbewährtem Jumbo. Die Sitze sind wegen der größeren Kabinenbreite auch bei gleicher Anordnung im Hauptdeck (3 4 3) jeweils zweieinhalb Zentimeter breiter, genauso wie die Gänge. Am Fenster sitzt es sich noch am angenehmsten. Nicht nur, weil die Fenster selbst in der A380 bedeutend größer als üblich sind, sondern auch, weil sich im Hauptdeck die Wände spürbar nach außen wölben und so mehr Ellenbogenfreiheit bieten. Im Oberdeck, wo sich in der Testmaschine im hinteren Teil ebenfalls Economy-Sitze befinden, sind an den Fensterplätzen außerdem Staukästen zwischen Armlehne und Außenwand montiert. Diese Fächer allerdings lassen sich bisher nur durch einen ordentlichen Fausthieb auf den Verschluss öffnen und bieten gerade einmal genug Ablagefläche für einen Aktenkoffer.

Auch fehlt es für Economy-Gäste an Bereichen, um sich während des Fluges die Beine zu vertreten, die großzügige Stehbar auf dem Hauptdeck ist nur für First- und Business-Gäste geöffnet. Bleibt die Wendeltreppe ganz hinten im Flugzeug, doch hier dürfen sich nur dreißig Menschen gleichzeitig aufhalten, denn gerade so viele Sauerstoffmasken stehen an dieser Stelle für den Notfall zur Verfügung.

Was hatte Airbus nicht alles an Luxus an Bord versprochen Restaurants, Duty-free-Shops, Duschen oder Fitnessbereiche. Davon findet sich im Testflugzeug nichts, auch First und Business Class kommen recht konventionell daher. » Diese Kabine wird sicher nie in einer regulären A380 fliegen, aber sie entspricht zu 80 Prozent den durchschnittlichen Anforderungen unserer Kunden,« sagt Sören Scholz, bei Airbus für die A380-Kabinenausstattung zuständig. » Viele Betreiber werden zumindest die First und Business Class wesentlich luxuriöser gestalten.« Mindestens eine der Gesellschaften, die bisher ingesamt 166 A380 fest bestellt haben, will First-Class-Kunden wirklich Duschen an Bord bieten sowie eine Art Restaurant im Heck der Maschine. Vom mit 43 bestellten A380 größten Kunden Emirates ist bekannt, dass First-Passagiere künftig in einer Art eigenem Hotelzimmer reisen werden. Doch auch in der Testmaschine finden sich schon einige Neuerungen.

Am auffälligsten ist der Hauptaufgang vorn, »unsere Showtreppe«, wie der Lufthansa-Kabinenchef Peter Jacobus sagt, komplett mit Leuchtdioden an jedem Stufenabsatz wie früher beim Fernsehballett.

Hier passen drei Menschen nebeneinander, um das zügige Ein- und Aussteigen zu sichern, wenn es wie auf vielen Flughäfen nur Fluggastbrücken zum Hauptdeck gibt. Besonders eindrucksvoll fliegt es sich in der A380, wenn draußen Dunkelheit herrscht, dann entfalten neuartige Lichtspiele in der Kabine ihre volle Pracht. Moodlighting heißt diese erstmals serienmäßig angebotene Stimmungsbeleuchtung, die die Grundfarbe der Kabine computergesteuert wahlweise in Orange- oder Blautöne mit Tausenden von Dimmstufen tauchen kann. » Das soll sogar den Jetlag verringern«, sagt Peter Jacobus.

Eine faszinierende Einrichtung ist die oben am Heck montierte Kamera.

Sie liefert Bilder, die den Piloten am Boden beim Rollen helfen sollen, aber auch auf den an allen Sitzen montierten Monitoren abgerufen werden können. Das Zuschauen ist spannender als bei manchen der angebotenen Spielfilme. Über dem bewölkten Atlantik sieht es zunächst so aus, als bewege sich die A380 im Tiefflug über einer Fläche aus Vanilleeis. Beim Anflug auf Washington in der eintretenden Dunkelheit sind die vier Triebwerke beleuchtet, und der Riesenflieger schneidet über dem Lichtermeer der amerikanischen Ostküste wie ein Schneepflug durch die vereinzelten Wolkenberge, in denen sich geheimnisvoll das Licht der Landescheinwerfer bricht.

Auch bei profaneren Dingen bietet die A380 fühlbaren Fortschritt. Sie ist unglaublich leise, selbst beim Start bleibt das Dröhnen der Triebwerke sehr dezent. Die riesigen Tragflächen sorgen für einen extrem ruhigen Flug. Sogar Schlechtwetterfronten, die kleinere Flugzeuge durchschütteln, reitet die A380 dank einer fein justierten Klappensteuerung sanft aus. Dazu ist die Kabinenluft merklich besser als in anderen Großraumflugzeugen. Auch auf den Schadstoffausstoß wurde geachtet. Nach Angaben von Airbus emittiert eine voll besetzte A380 auf einem Flug von Frankfurt nach Los Angeles 80 Gramm Kohlendioxid pro Person und Kilometer. Damit läge sie deutlich unter dem von der EU angestrebten Grenzwert für Neuwagen (140 Gramm).

Die schönsten Orte in der A380 sind jedoch ausgerechnet die Toiletten.

Zum Beispiel die mit der Bezeichnung LU31 auf der linken Seite des Oberdecks. Sie ist etwa anderthalb Quadratmeter groß und damit ungewöhnlich geräumig und sogar mit einem Fenster ausgestattet. Dazu geschmackvoll mit rötlichem Laminat-Imitat ausgelegt und durch geschliffenes Mattglas vor den Lampen indirekt beleuchtet. Ein wunderbarer Ort der Kontemplation und inneren Einkehr inmitten des Riesenvogels. Wenn nur der launische Wasserhahn nicht wäre, dessen Sensor das Wasser nur erratisch freigibt. Und das grässliche Quietschen der Falttür. » Da müssen wir mal mit Vaseline rangehen«, sagt der Airbus-Flugversuchsingenieur Manfred Birnfeld, der schon auf dem Erstflug dabei war, »Aber solange solche Details die schlimmsten Dinge sind, die wir bei den Testflügen finden, sind wir sehr zufrieden.«

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.75
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