Großes Rätsel DDR
Mit der DDR geht es und dies darf man als Zeichen einer so vielleicht gar nicht beabsichtigten Normalisierung werten wie mit allen Epochen, die irgendwann nur noch in liebevoll zusammengestellten Geschichtsausstellungen überleben: Die Objekte werden immer kleiner, aber der an ihnen haftende Erklärungsanspruch wird immer größer. Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat jetzt auf zwei Stockwerken seines Pei-Anbaus vieles Putzige, Anekdotische, in der Tat auch Vielsagende und teils sogar Monströse aus dem verschwundenen Deutschland für die Ausstellung Parteidiktatur und Alltag in der DDR aufbereitet.
Das Museum bestückt diese Schau ganz aus eigenen Beständen.
Ausdrücklich soll sie die Dauerexposition zur deutschen Geschichte ergänzen. Ob daneben ein nationales DDR-Museum gebaut werden müsse, ist eine Frage, die die Ausstellung nicht beantworten will. Dem Anspruch nach soll die DDR hier aus der Perspektive ihrer Lebenswelten erfahrbar werden. Die Ordnung ist nicht chronologisch, sondern bündelt sinnvollerweise Themen wie »Arbeit«, »Frauen« oder »Wohnen« - immer wieder steuern die Kuratoren jene Schnittstellen an, an denen staatliche Herrschaft auf den Eigensinn, die Verweigerung oder die Kooperationsbereitschaft ihrer 17 Millionen Bürger stieß.
540 Exponate zeigen nun die Hinterlassenschaft einer wahrhaft unfreien Gesellschaft. Würde man die DDR nur aus diesen Relikten kennen, wäre das Fazit noch bedrückender, als es ohnehin zu sein hat. Das Schematisierte, das extrem Standardisierte sticht ins Auge, der Wille zur totalen Normung des Lebens, der dieses Leben zugleich vollkommen transparent und beobachtbar gemacht hat. Von der »mitteldeutschen Nischengesellschaft« (Günter Gaus), der kommoden Wegduck-Idylle ist kaum etwas zu sehen. Der Alltag erscheint hier als die Entsprechung zur Diktatur, als ihre wie immer lebbare Seite, die den Staat 50 Jahre lang existieren ließ. Was man jedoch begreift, ist die enorme staatliche Anstrengung, die es benötigte, um diesen Anschein von Lebbarkeit durch alle ökonomischen und politischen Krisen hindurch aufrechtzuerhalten.
Wovon man in dieser Ausstellung allerdings schlechterdings nichts erfährt, ist das, was das Überleben tatsächlich ermöglicht hat: Kontaktnetze, Informationsflüsse, Verschwiegenheitszonen und kleine, vielgestaltige Untergründe. Da verdeutlicht auch ein Kabinett mit den wilden Zeichensprachen der Boheme im Grunde nichts. Vermutlich war der DDR-Alltag weit mehr, als es ausstellbar ist, eine differenzierte Sprachwelt mit einem gigantischen Überbau an offizieller Prosa und einer Basis aus Privatcodes, Bedeutungsverschiebungen, Ironien. Davon nichts. Die Objekte in ihrer Präsentation wirken infolgedessen extrem stilisiert, geradezu typisiert. Die Menschen, die sie einst benutzt und getragen haben, rücken in eine mythische Ferne, und die DDR wird immer mehr zu einer Art anthropologischem Rätsel. Denn woher die Energien dann aufschossen, die das System binnen Wochen flachlegten, bleibt unerfindlich.
»Parteidiktatur und Alltag in der DDR«, Deutsches Historisches Museum Berlin, 30. März bis 29. Juli
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.44
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