ASEAN »Eine neue Ära«

Singapurs Außenminister Yeo über Chinas Aufstieg und die Frage, was Südostasien von der EU lernen kann

Singapurs Außenminister George Yeo

Singapurs Außenminister George Yeo

DIE ZEIT: Herr Minister, der Aufstieg Asiens beendet das halbe Jahrtausend, in dem erst Europa, dann Amerika die Welt dominiert hat. Manche sprechen sogar von einem »Angriff aus Asien«. Sehen Sie einen Zusammenprall voraus?

George Yong-Boon Yeo: Die Vorstellung, dass Asien eine homogene Region wäre, führt in die Irre. Das nimmt sich nur aus der Ferne so aus. Wir leben in einer Übergangszeit. Im Kalten Krieg hatten wir das Grundmuster der Bipolarität. Nach dessen Ende war Amerika die einzige Hypermacht, doch nun sieht man, dass hard power ihre Grenzen hat. Langsam, aber unaufhaltsam entsteht eine multipolare Welt, wobei Europa einer der großen Pole wird. Unsere Hoffnung und unsere Pflicht ist es, die Multipolarität so zu gestalten, dass wir nicht aufs Neue Krieg miteinander führen.

Anzeige

ZEIT: Die gefährlichsten Konfliktherde auf unserem Globus liegen heutzutage in Asien: Kaschmir, Taiwan, Korea. Lassen sich diese Konflikte friedlich bewältigen?

Yeo: Man muss bei den drei asiatischen Konfliktherden unterscheiden. Die Auseinandersetzungen in Korea und um Taiwan sind Überreste des Kalten Krieges, unerledigte Aufgaben gleichsam. Ich bin guter Hoffnung, dass sich diese Konflikte friedlich beilegen lassen. Kaschmir gehört in eine andere Kategorie. Es liegt auf der Trennlinie zweier Kulturen – des Islams und des Hinduismus. Dieser Konflikt ist Teil eines viel größeren Dramas, seine Lösung daher weit problematischer. Er hängt zusammen mit Afghanistan, dem Irak und Iran. Dort liegt die eigentliche Gefahrenzone. Wir alle können in die weltweite Eruption des Terrorismus hineingezogen werden.

ZEIT: Was bedeutet der Aufstieg – oder Wiederaufstieg – Chinas als Wirtschaftsgroßmacht wie auch als politische und militärische Macht?

Yeo: Der Wiederaufstieg Chinas verändert das Mächtemuster in Asien und überhaupt in der gesamten Welt. Wir stehen am Anfang einer neuen Ära. Wir in Südostasien wissen aus der Geschichte, dass das chinesische Reich, wann immer es prosperierte, auch uns Wohlstand gebracht und den Handel zwischen Orient und Okzident beflügelt hat. Heute erleben wir das wieder. Indessen müssen wir ein Gleichgewicht der Mächte finden. Da kommen die Vereinigten Staaten, Europa, Indien ins Spiel. Meine Botschaft hier ist, dass Asean, der Verbund der zehn südostasiatischen Länder, ein wichtiges Teil in dem neuen Mächtepuzzle ist: fünfhundert Millionen Menschen, in einer strategisch wichtigen Region, ein Puffer zwischen den beiden wiederaufsteigenden Mächten Indien und China und obendrein dem Westen freundschaftlich verbunden.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service