Iran

Griff in den Giftschrank

Die radikale Führung Irans nutzt die Entführung der britischen Soldaten, um mit revolutionärer Geste dem Westen ihre Macht zu demonstrieren.

Die Geschichte der Festnahme 15 britischer Marinesoldaten beginnt am 23. März 2007 – für Iraner aber beginnt sie viel früher. Denn Iran hat es im Laufe der vergangenen beiden Jahrhunderte nie gefehlt an britischen Interventionen, Gängelungen, Manipulationen und manchmal auch an kruder Gewalt, die sich darauf gerichtet haben, die iranische Nation zu kontrollieren, zu kolonisieren. Was auch immer das britische Empire in dieser Weltregion angerichtet hat, es hat sich abgelagert in das iranische Gedächtnis. Es ist darüber eine Kammer voller Gift geworden. Die Propagandisten der Islamischen Republik Iran hüten sie eifersüchtig. Wenn es ihnen nötig erscheint, öffnen sie die Giftkammer, und das Monster Großbritannien wankt heraus, um Iran aufs Neue zu schaden. »Der Glaube der Iraner an und die Angst vor einer britischen Verschwörung sind außerordentlich stark«, sagt Rosemary Hollis, Iranexpertin des Londoner Thinktanks Chatham House. »Es gibt in Iran eine natürliche Angst davor, dass die Briten spionieren oder in ihr Territorium eindringen.« Großbritannien führt immer Böses im Schilde, das ist das Narrativ, in dem sich eine Mehrheit der Iraner wiedererkennt.

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad ist ein Meister dieser Erzählung, und wenn viele im Westen ihn auch sonst für verrückt halten mögen, dann ist ihm doch ein Coup gelungen. Er zwingt die 15 britischen Soldaten auf eine Bühne voller historischer Requisiten. Gewinnen können sie ihren Kampf auf dieser Bühne nicht. Auch wenn die Zuschauer, das iranische Volk, mit dem einzelnen Soldaten Mitleid empfinden mögen, bleiben sie wohl hart gegenüber dem Land, das diese Soldaten geschickt hat. Und sie müssen nach dem Verständnis des Regimes Härte demonstrieren, denn ansonsten wird Iran wieder zum Spielball der großen Mächte werden. Der Nation drohte wieder ein Unglück wie jenes aus dem Sommer 1953. Damals stürzte die CIA unter Anstiftung der Briten den demokratisch gewählten, äußerst populären Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh. Es war eine nationale Tragödie, ein von außen erzwungener regime change mit fatalen Folgen. Die Regierung will sich gegen die Wiederholung dergleichen gewappnet zeigen. Das ist populär.

Nach allem, was man bisher weiß, ist die Festnahme der Briten in Teheran geplant worden. Ganz unabhängig davon, ob sich die Soldaten Ihrer Majestät in iranischen (was nicht ausgeschlossen ist) oder irakischen (was wahrscheinlich erscheint) Gewässern befunden haben, das Regime hatte offensichtlich beschlossen, die nächste gute Gelegenheit zu nutzen. Der Plan hatte neben all seinem propagandistischen Potenzial einen konkreten Anlass und einen klaren Kontext: die Eskalationsstrategie der USA.

Seit Dezember des vergangenen Jahres haben die US-Truppen auf Befehl ihres Präsidenten eine härtere Gangart gegenüber Iran eingeschlagen. Inzwischen befinden sich zwei Flugzeugträger im Golf, und im Irak selst wird die Anzahl der Soldaten erhöht. Amerika versucht derzeit, eine anti-iranische Allianz aus arabischen Regimen, Sunniten zumeist, aufzubauen. Gezielte Indiskretionen über angebliche Aufmarschpläne kommen in die Öffentlichkeit. So ist in der linksliberalen Presse Amerikas sowie in Europa der Eindruck entstanden, ein Krieg stehe bevor. Die Botschaft an die Iraner kam offenkundig an. Sie lautete: Wir können auch anders. Seit die Drohkulisse steht, setzt die Regierung Bush ganz auf Verhandlungen. Dass sie plötzlich Gespräche mit iranischen Regierungsvertretern über die Stabilisierung des Iraks führt, ist eine bemerkenswerte Wende amerikanischer Politik.

Das harte Programm lief weiter. Präsident George W. Bush gab eine kill or capture- Order aus. Iraner, die den Truppen der Koalition im Irak schadeten, waren damit zu Vogelfreien erklärt worden. Die ersten Verhaftungen ließen nicht auf sich warten. In Erbil stürmten US-Einheiten ein Gebäude und nahmen fünf Iraner fest unter dem Verdacht, dass sie die irakischen Aufständischen unterstützen. Von den fünf fehlt bis heute jede Spur. In amerikanischem Gewahrsam ist auch der ehemalige stellvertretende Verteidigungsminister Ali Resa Aschgari. Seine Verwandten behaupten, er sei in der Türkei entführt worden, die USA sprechen von einem Überläufer. In Bagdad schließlich verhafteten irakische Soldaten angeblich General Mohsen Schirazi und Oberst Abu Amad Davari. Schirazi soll die Nummer drei der Al-Kuds-Brigaden der Revolutionären Garden sein. Inzwischen sollen die beiden Offiziere wieder in Freiheit sein. Trotzdem, die Verhaftung von Mitgliedern der Al-Kuds-Brigaden hat in Teheran die Alarmglocken schrillen lassen – denn diese Einheiten sind beides zugleich: Faust und Herz der islamischen Revolution. Wer ihre Natur begreift, dem schärft sich der Blick auf die gegenwärtige Krise.

Todesmutig und rücksichtslos – so muss der Revolutionär sein

Die iranischen Kommandoeinheiten sind vergleichbar mit der amerikanischen Delta Force oder der britischen SAS. Sie sind dazu ausgebildet, spezielle Operationen außerhalb Irans durchzuführen. Sie waren und sind wohl immer noch im Libanon aktiv, vermutlich auch in Gaza. 1992 bis 1995 kämpften einige von ihnen auf der Seite der bosnischen Muslime. Hamid Resa Sakeri, ein ehemaliges Mitglied der Brigaden und Überläufer, hat berichtet, ein Teil der Männer sei in Nordkorea ausgebildet worden. Heute hat die Brigade rund 2500 Kämpfer. Sie werden unter den Revolutionären Garden rekrutiert. Auswahlkriterien sind: militärische Fähigkeiten und ideologische Festigkeit. Al-Kuds ist eine militante, hoch politisierte Organisation. Sie als solche zu begreifen erleichtert das Verständnis für die Mentalität radikaler Kräfte in Iran. Das ist wesentlich. Schließlich ist auch Mahmud Ahmadineschad ein alter Gardist.

Die Al-Kuds-Brigaden entstanden mitten im Krieg gegen den Irak, in einer Zeit also, in der sich Iran von aller Welt allein gelassen fühlte. Im Jahr 1985 beschloss die Führung der Revolutionären Garden, eine spezielle Einheit zu formieren. Der Krieg war in einer Phase des Stillstandes. Al-Kuds (Jerusalem) sollte dabei helfen, die Initiative gegen die irakische Armee zurückzugewinnen. Tatsächlich gelang ihnen ein paar Monate nach ihrer Gründung eine spektakuläre Aktion. In der Nacht vom 8. Februar 1986 setzten sie unbemerkt über den Schatt al-Arab und nahmen die strategisch wichtige Stadt Fao auf der gleichnamigen Halbinsel ein. Sie erlitten leichte Verluste und fügten der irakischen Armee eine schmachvolle Niederlage zu. In dieser Nacht begründete sich der Mythos der Al-Kuds-Brigaden. Todesmut, Entschlossenheit, Rücksichtslosigkeit, Opferbereitschaft, das waren die Charakteristika des wahren Revolutionärs, präziser: des kämpfenden Revolutionärs.

Genau diese Leute stehen im Zentrum iranischer Politik, seit Mahmud Ahmadineschad im Jahr 2005 das Präsidentenamt übernommen hat. Reformer, Demokraten, Moderate – sie alle sind in den Augen der Radikalen lauter Schwächlinge, die nichts erreicht hätten. Seitdem war Härte angesagt. Systematisch verschärften die Radikalen in den vergangen beiden Jahren den Konflikt mit dem Westen. Immer größere Abgründe taten sich auf, immer weniger schienen sie überbrückbar. Ahmadineschad und seine Weggenossen gaben sich unnachgiebig, provozierend, aggressiv. Das Ergebnis ist, dass das Land Schritt für Schritt isoliert wurde. Der UN-Sicherheitsrat hat Iran wegen seiner Haltung in der Atomfrage zum zweiten Mal mit Sanktionen belegt, und zwar mit den Stimmen der Chinesen und der Russen, die eigentlich zu den wenigen Freunden Irans gezählt werden.

Die Radikalen haben sich dadurch nicht belehren lassen, im Gegenteil. Sie wenden eine Taktik an, die Al-Kuds-Milizionären nicht fremd sein dürfte. Angesichts der überlegenen Macht des Feindes igeln sie sich ein und warten auf einen günstigen Moment, um in einer spektakulären Aktion ausbrechen zu können. Die Festnahme der Briten war ein Ausfallmanöver der Hardliner. »Seht her, was wir alles vermögen, wenn wir nur geeint sind!« Das ist die Botschaft an das eigene Volk. »Seht her, der Westen kann uns nichts anhaben!«

Tatsächlich wirkt Großbritannien in dieser Krise schwach. Nicht einmal der zu Hilfe gerufene UN-Sicherheitsrat wollte den Briten beispringen und die sofortige Freilassung der 15 Soldaten fordern. Er äußerte »tiefe Besorgnis«, das war’s auch schon. Knapp eine Woche nach der Festnahme der Briten, meldete sich George W. Bush zu Wort: »Die Iraner müssen die Geiseln freilassen.« Trotzdem blieb Bushs Reaktion alles in allem relativ mild. Wahrscheinlich auf Bitten des britischen Premiers. Briten und Amerikaner nämlich scheinen sich einig zu sein: Eskalation hilft weder den Seeleuten noch den Atomverhandlungen mit Iran. So sagte Bush, er wolle alles tun, die Bemühungen zu unterstützen, um das Problem »friedlich zu lösen«. Bewusst lässt er die hypothetische Frage unbeantwortet, ob er die Gefangennahme amerikanischer Marinesoldaten als kriegerischen Akt empfinden würde. Zugleich lehnt Bush, wie er sagt, »jedes Quidproquo« ab. Gemeint ist die Forderung, jene fünf Iraner freizulassen, die im Irak von amerikanischen Truppen festgenommen worden waren.

Die Milde des westlichen Gegners wird in Teheran als Erfolg gewertet

Die Frage ist, wie Teheran die Reaktion der USA und Großbritanniens interpretiert. Als Schwäche? Als verstecktes Verhandlungsangebot? Als üblen Trick? Die Radikalen betrachten die Milde und Zurückhaltung sicher als einen Erfolg ihrer harten Linie. »Das Empire ist ein Papiertiger, der ›Große Satan‹ USA ein zahnloser Riese. Wir haben sie entlarvt.« So dürften sie die Lage sehen, und noch viel mehr: Sie fühlen sich in ihrer revolutionären Überzeugung gefestigt, dass allein Willenskraft alles erreichen kann. Mit einem Schlag die Welt verändern, sich befreien, das ist der alte Traum aller Revolutionäre.

Es ist diese Mentalität, die derzeit Irans Regierungspolitik beherrscht, nach außen wie nach innen. Mahmud Ahmadineschad besucht mit seinem Kabinett eine Provinz nach der anderen. Beamte werden vorausgeschickt, um die Bedürfnisse vor Ort zu ermitteln. Wenn Ahmadineschad mit seinen Ministern für eine paar Stunden in der betreffenden Region zusammenkommt, fällt er eine Reihe von Beschlüssen: Schulen braucht ihr? Könnt ihr haben! Krankenhäuser? Gleich morgen beginnen die Arbeiten! Korrupte Beamte? Nennt uns die Namen, wir werden mit ihnen dementsprechend verfahren! Keine Arbeit? Hohe Preise? Wir werden auch das lösen! Wir haben den festen Willen dazu! Wir sind Revolutionäre! Das ist der Gestus der Radikalen. Das ist ihr Populismus. Natürlich geht das auf Dauer nicht gut, denn seriöse Politik kann darauf nicht aufbauen. Doch die Radikalen haben andere Ziele.

Sie wissen, dass ihre inneren wie äußeren Feinde sie loswerden wollen. Sie rechnen mit dem Schlimmsten. Dagegen kämpfen sie mit ihren Mitteln. Sie popularisieren das Bild des entschlossenen, entscheidungsfreudigen Revolutionärs. Sie halten die Gesellschaft in permanenter Mobilisierung, sie militarisieren die Gedanken, sie trainieren alle für ein Leben in der Krise, die schnell zu einem Krieg werden kann. Sie reizen den Gegner bis aufs Blut und testen seine Nervenstärke.

Und wie sollen die 15 britischen Soldaten aus dem tödlichen Irrgarten herauskommen? Das Weltbild der Radikalen hält für solche Fälle einen Ausweg offen. Die Großherzigkeit einer großherzigen Nation. Nur sie kann die Briten retten. Auch dies gehört zum Selbstverständnis des Revolutionärs. Er findet sich eigentlich gut und barmherzig.

Mitarbeit: Thomas Kleine-Brockhoff

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    • Von Ulrich Ladurner
    • Datum 4.4.2007 - 01:43 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 04.04.2007 Nr. 15
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