Israel Zions streitende Erben
Nach dem Libanonkrieg und den Politikerskandalen: Was bleibt vom Traum der Gründerväter? Eine Reise durch Israel am Vorabend eines möglichen Friedens.
Im Anflug betrachtet, liegt die weiße Stadt Tel Aviv da wie ein Modell; das Modell einer Utopie; der Utopie der zionistischen Gründerväter. Helle Häuser am Mittelmeer, keine gotischen Dunkelheiten wie in Europa oder New York. Licht! Alle düsteren Bilder von Ghetto und Schtetl gelöscht, die jahrtausendelange Nacht der Diaspora. Ein neues Zion aus Bauhaus-Beton, egalitär, aber elegant – der radikal weltliche Gegenentwurf zum uralten, steinernen, von Religion ganz durchtränkten Jerusalem droben auf dem Zionsberg, wo der Glaube und die Rocklängen strenger sind und die Winter auch. Zion del Mar.
Es ist ein frühlingshafter Sonntag, fast zwanzig Grad. Eine Stadt, in der die Hochhäuser und das Bruttosozialprodukt wachsen und die nach Latte macchiato duftet. Ein Strand mit Joggern und Yoga-Mädchen, und am Dizengoffplatz lädt das Kabbala Center zu cheese and wine und reicht dazu Spiritualität light. Ein Video läuft. Siehe, ich verkündige euch große Wellnessfreuden, die gleichen wie überall im Westen: Sei-du-selbst-und-nett-zum-Kosmos. Madonna käme zur Eröffnung des Centers, die Popsängerin und Kabbalistin, so ging ein Gerücht. Sie kam dann doch nicht. Egal, auch ohne sie ist die Nachfrage nach Esperanto-Esoterik, in dieser Saison mit jüdischen Aromastoffen versetzt, lebhaft. Sushi ist jetzt der Hit in Tel Aviv. The sushi way of life.
Heute kann ein junger Mann, eine junge Frau hier ein fast normal leichtsinniges westliches Leben führen, ohne die Last der zionistischen Idee der Väter und Großväter zu schultern. In seinem russischen, jemenitischen, französischen Milieu zu bleiben und dem nationalen Kollektiv fern ist okay. Nicht gedient zu haben ist okay – sogar das, die Armee braucht nicht mehr jeden und jede. Und seine spirituelle Nahrung beim Dalai Lama zu suchen statt beim Rabbi ist auch okay . Die weiße Stadt schenkt dem, der sie durchwandert, kleine Absencen. Sekundenlang weiß er nicht mehr, wo er gerade ist: East Village? Berlin-Mitte? Oder tatsächlich auf dieser Sushi-Insel im Vorderen Orient?
Willkommen in Tel Aviv.
Der Abend dämmert, und plötzlich ist da Blaulicht, die Straße gesperrt, eine schwer armierte Spezialeinheit bei der Arbeit. Was ist los? Anschläge gab es hier länger nicht mehr. Eine Polizistin deutet auf den prallen, herrenlosen blauen Rucksack auf dem Trottoir. Nicht sehr einfallsreich. Einmal fand jemand einen Laib Brot auf der Straße, als er ihn aufhob, wog das Brot viele Kilo – eine Bombe. Aus dem blauen Rucksack quellen, als die Spezialeinheit ihn aufschlitzt, weiße Lumpen. Fehlalarm. Weitergehen! Sofort schließt sich die Haut dieses heilen Sonntags über der kleinen Wunde.
Vor Jahren hatten zwei junge britische Muslime die Idee, sich in Mike’s Place, einem Musikcafé am Strand, in die Luft zu sprengen. Rick, ein junger Schwarzer aus Los Angeles, der nach Tel Aviv geheiratet hat und das Café betreibt, feierte dort gerade seinen Geburtstag. Er stand auf der kleinen Bühne und sang. »Als der eine Kerl kam, gingen meine Musiker gerade raus. Ich blieb und sang noch ein Lied – Intuition. Der Gitarrist starb, er hat drei Kinder. Ich habe zwei.«
Den zweiten Selbstmordattentäter fand man eine Woche später tot im Meer. Es hieß, er habe wohl Panik bekommen und sich ins Wasser gestürzt. Aber ein Mann mit einer Bombe am Leib gehe doch, um sich umzubringen, nicht ins Wasser, sagt Rick. »Ich glaube, den Typ hatten sie nach zwei Stunden, dann haben sie ihn eine Woche lang verhört, und danach trieb er eben im Meer. Ja, ich denke, so war’s.« Ghetto-Paranoia, mitgebracht aus L.A., oder israelischer Realismus?
Rick hält sich mit Spekulationen nicht auf. »Ich bin so gesegnet, Mann, hier zu leben, in dieser tollen Stadt. Mit dem Leben davongekommen zu sein. Nur drei Tote, wir hatten Glück. Es ist so gut hier, nicht wie in den TV-Nachrichten. Gute Leute, ein gutes Leben.« Eine Woche danach hat er seinen zerbombten Laden wieder geöffnet. Die Musik spielt weiter, das Leben auch, und Rick mit seiner schwarzen Stimme singt dazu.
Ist so das heutige Israel? Etwas für robuste Party-Naturen mit kurzer Trauerfrequenz, nichts mehr für zauselbärtige Träumer von einem neuen Leben im Kibbuz-Kollektiv? Ist es das, was von der zionistischen Utopie blieb?
Der Song vom guten Leben in Tel Aviv ist keine Lüge. Es ist ein Magnet, kräftig genug, auch die anzuziehen und zu halten, die keine Zeitung mehr lesen und von Politik nichts mehr hören und sehen wollen. Die mit dem jüngsten Libanonkrieg hadern, mit dem Ausverkauf zionistischer Werte und Staatsfirmen, den immer neuen Fällen von Kriminalität und Korruption, die so skandalös vielen israelischen Politikern anhaften, bis hinauf zum Staatspräsidenten, gegen den wegen Vergewaltigung im Amt ermittelt wird.
Vielleicht ist es gut, einen zu befragen, der lange hier lebt. Und eine, kurz genug hier, um sich noch zu wundern. Joshua Sobol, 67, den Theatermann, der mit seinen Stücken seit Jahrzehnten sein Land spiegelt. Und Naomi Bubis, die Tochter von Ignaz Bubis, dem verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. War in ihren Berichten, die sie für europäische Zeitungen schreibt, zuletzt nicht etwas wie Enttäuschung zu spüren?
»Nein«, sagt sie, »enttäuscht bin ich nicht, eher ernüchtert. Man kommt mit viel Idealismus her, jede Mutter hofft, dass ihr Sohn nicht mehr zum Militär muss. Aber ich glaube, auch meine kleinen Söhne werden hingehen müssen.«
Ernüchternd war der Libanonkrieg, weil er den Mythos einer in allen Kriegen zuvor siegreichen, scheinbar unbesiegbaren Armee lädierte. »Bis heute wird der Feldzug von unseren Politikern nicht als Krieg bezeichnet. Man sagt fight, um nicht sagen zu müssen, wir haben einen Krieg verloren. So haben wir eben nur einen fight verloren.« Ernüchternd ist auch die Erfahrung alltäglicher Korruption.
»Ich habe ein Grundstück gekauft, um ein Haus zu bauen. Der Vorsitzende der Kommission, die das genehmigt, ist ein Orthodoxer. Man schlug mir vor, ihm 7000 Dollar zu zahlen, für deren Talmudschule. Das tat ich nicht – und die Genehmigung dauerte drei Jahre.« Man habe ihr dann vorgeschlagen, einen »Macher« zu beauftragen. Einen Macher?
Sie lacht. »Das sind Leute, die machen dann mal. In den Behördenfluren, mit Bargeld. Auch das habe ich abgelehnt.« Sie mag das alles nicht, aber wie sie darüber spricht, ist es ein wenig, als spräche sie übers Wetter. Man muss sich halt warm anziehen. Und außerdem: Es ist Tel Aviv! »Nirgendwo sonst in Israel könnte ich leben.« Jerusalem? »Zu viele Verrückte, zu viel Religion.« Tel Aviv sei herzlich, direkt, jeder führe ein offenes Haus. »Man ist nie lange allein. Verabredet sich nicht umständlich, kommt einfach vorbei, kommt gleich zur Sache. Wenn ich in Deutschland bin, fehlt mir das. Das Leben hier ist wunderbar.«
- Datum 05.04.2007 - 07:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.04.2007 Nr. 15
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'Aber Hamas hat es geaendert'
Interessant, die Jungs scheinen ihren Wirkungsbereich ja mächtig erweitert zu haben.
Und danke für die Infos, du hast aber vergessen, den Link zu deinem Reisebüro zu posten.
es ist ja nicht so, als ob diese 'freunde' an irgendeiner art von argumentation oder gedanken ein interesse hätten. sie sind eher abteilung 'feindzersetzung' und werden wahrscheinlich dafür bezahlt, jede art von diskussion, in der es zur freien entfaltung von gedanken kommen könnte, in eine nebelwand diffuser schwachsinnigkeiten einzuhüllen.
es ist sinnlos mit ihnen zu argumentieren. es reicht wahrscheinlich schon, ihnen ausschliesslich die frage, ob sie für diesen schwachsinn wenigstens bezahlt werden, ans revers zu heften oder einfach über ihre köpfe weg zu reden.
Als Omar Ibn Alchattab, der 2. Kalif nach dem Tode des Propheten, Jerusalem KAMPFLOS einnahm, setzte er einen Vertrag auf, der den Menschen dort (insbesondere den Christen) vollen Schutz und Freiheit garantierte. Zu dieser Zeit war es den Juden nicht einmal erlaubt in die heilige Stadt zu kommen! Er hob dies auf ud erlaubte zwar nicht, dass Juden sich niederliessen, aus Gruenden der Aggression von den Christen gegenueber den Juden, aber er erlaubte Ihnen die heilige Staedt zu besuchen. Als sich mit den Jahren die Christen an die Juden gewoehnten erlaubte sein Nachfolger den Juden sich in Jerusalem niederzulassen. Ueber Salah Addin Alayyubi brauche ich ja bestimmt nichts zu erzaehlen. Und die Grabeskirsche wurde von AlHakam beschaedigt, der als verrueckt gilt. Schon sein Nachfolger hat die Kirsche als Versoehnung wieder aufgebaut! Aber so genau wollen wir ja nicht hinschauen, nicht wahr? Passt es doch nicht in das Bild, dass man erzeugen moechte. Uebrigens wurde der erste Kreuzzug eben mit jener Zerstoerung der Grabeskirsche, lange nachdem sie wieder aufgebaut wurde, begruendet. Gratulation! Sie reihen sich in die Liste jener Paepste ein, die der tatsaechliche Grund fuer Massaker im heiligen Land waren.
Kaufen Sie sich ein Geschichtsbuch!
eine Nation mit einer [...] Gesetzgebung welches ein Volk mit Gewalt von seinem Eigentum vertrieben hat und viele der übrig gebliebenen seit 40Jahren unter schweren Bedingungen leben lässt. Die Israelis, die sich weigern an den militärischen Unmenschlichkeiten gegen die Palästinenser teilzunehmen kommen 1,5 Jahre ins Gefängnis.
[Beitrag teilweise verbal entschärft/ Redaktion]
Nun bin ich weder Experte für Islam noch für Geschichte, aber das mit der erzwungenen Konvertierung halte ich doch für gewagt.
Wenn man nicht mehr weiterweiß schwingt man eine gewisse Keule. Vielen Dank auch für Ihre argumentative Bankrotterklärung.
ob man auf Ewig sich in der Vergangenheit des Schmerzes verhält, und sich darin wohl fühlt und bedauert werden will.
Meine Taufpatin, und ihre Mutter haben Briefe hinterlassen wie Unglücklich sie mit ihren Männer doch gewesen wären.
Glück das ensteht im Herzen, das muss man wollen. Als die Frau Lots sich umdrehte erstarrte sie zur Salzsäule, das saollte jedem zu denken geben, der denken kann. Dieser eher menschliche Vorgang schient aber abhanden zu kommen, bald wird sich 1.000 Jahre zurückgesehnt, oder man hält an Schriften fest, doch was zählt ist nur das Herz, das und nur dies wollte de liebe Gott auch beschnitten sehen.
Wenn immer wieder zurückgeschaut wird und auf Sieg oder Niedrlage gespielt wird ensteht gar nichts, Leidtragende in Israel sind ja mal Frauen und Kinder, Leidtragende in Palästina sind ja mal Frauen und Kinder.
3300 Jahre männlischer Monotheismus waren 3300 Jahre Krieg und Rechthaberei. So langsam reicht es mir wenn ich lese was Männer hier alles verbreiten während Frauen dem Nachwuchs den popo sauber putzen.
Erlesen war auch mein Vater, der Bruder meiner Taufpatin, er fand auch nie Glück, denn Glück findet man nur in göttlicher Hand. Der kennt keine Religionen, keine Juden oder Muslims, weder Christen noch Buddhisten, nur eines mag er nicht, dass man sich tierisch hier benimmt, dann lässt er einfach alles walten bis der Mensch zur Einsicht kommt, sind die Menschen Männer dauert es eben etwas länger.
Ich wollte immer mal gerne den Tafelberg in Südafrika sehen. Ich bin während der Apartheid aber nie dorthin gefahren. Es war mein Ausdruck von Protest gegen diese Weißen, die meinten Sie allein hätten die Wüste fruchtbar gemacht und das ihnen das alle möglichen Rechte geben würde.
Ich muß den Kommentar nicht weiter ausführen, muß ich?
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