ÄgyptenSex in Zeiten der Diktatur

In Alaa al-Aswanis Roman »Der Jakubian-Bau« wird ein Wohnkomplex zum Spiegelbild der ägyptischen Gesellschaft. Aber wie ist die Wirklichkeit hinter dem Buch? Ein Hausbesuch in Kairo. von 

»Auf dem Dach entstand eine neue, vom übrigen Gebäude völlig unabhängige Gesellschaft. Die Frauen verbringen den Tag damit, Essen zu kochen, miteinander zu streiten und dabei die hässlichsten Flüche und ehrenrührigsten Verdächtigungen auszustoßen. Die Männer kümmern sich wenig um die Zänkereien der Frauen. Sie halten diese lediglich für einen weiteren Beweis des mangelhaft ausgebildeten weiblichen Gehirns.«

(Aus Alaa al-Aswanis Roman »Der Jakubian-Bau«)

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Monsieur Ibrahim lässt nicht mit sich verhandeln. Er zieht seine Kopfbedeckung noch tiefer hinunter, bis zum Ansatz der Ohren, sodass diese fast waagerecht vom Kopf abstehen. Es ist, als wolle er damit sagen: »Ich möchte nun nichts mehr hören. Sie mögen von weither angereist sein, um dieses Haus zu betreten und seine Bewohner zu befragen. Aber ich bin der Concierge, und meine Pflicht ist es, keinem Journalisten Einlass zu gewähren.« Denn viele Reporter aus Amerika und Frankreich und Holland und Italien standen bereits vor ihm, Monsieur Ibrahim, schmales Gesicht, graue Bartstoppeln, Tränensäcke, ein Gebiss, das keinen Zahnarzt kennt, und sie haben versucht, mit einem Bakschisch sein Vertrauen zu erobern und sich damit in dieses Haus, das mitten in Kairos Altstadt steht, einzuschleichen. Er sei standfest geblieben, sagt er, immer, er wolle seinen Job nicht aufs Spiel setzen, zu heikel sei die Geschichte, die sich in dem Roman Der Jakubian-Bau um dieses Haus und in ihm rankt.

Aber ist nicht auch das eine Botschaft des Romans: dass im korrupten Land Ägypten ein Nein immer auch »also gut« heißen kann? Dass alles möglich ist, selbst Liebe und Sex in eigenwilligsten Spielarten, sofern die kleinen Geschenke nur groß genug ausfallen? Vielleicht muss man wirklich auf die Gunst des richtigen Augenblicks hoffen, um an Monsieur Ibrahim vorbeizueilen, zum Beispiel dann, wenn er sich mit den ein und aus gehenden Bauarbeitern unterhält. Denn er bleibt eisern. Und sagt: Der Autor des Romans, Alaa al-Aswani, habe Ägypten und seine Menschen »beschämt«. Gelesen habe er das Buch nicht, aber er habe von dem Inhalt gehört. Von Taha, dem Sohn des Hausmeisters, der an der Universität in die islamistische Terrorszene abgleitet. Von Hâtim Raschîd, dem schwulen Chefredakteur der französischen Zeitschrift Le Caire, und seiner scheiternden Liebe zu einem jungen, verheirateten Soldaten. Von dem korrupten Politiker Kamâl al-Fûli und von Saki Bey al-Dassûki, einem Lebemann, der tagaus, tagein Frauen, Alkohol und »lustige Zigaretten«, also Haschisch, genießt.

Das Buch Der Jakubian-Bau hat sich in Ägypten verkauft wie kein anderes je zuvor, über 150000-mal. Inzwischen wurde es aufwendig verfilmt, volle Kinos, Einspielergebnis in den ersten zwei Wochen umgerechnet 1,4 Millionen Euro – nicht zur Freude ägyptischer Parlamentarier, die den Film wegen der Darstellung von Polizeiwillkür, Korruption und Sex außerhalb der Ehe zensieren wollten. Was den Roman, der jetzt auf Deutsch erschienen ist (im Lenos Verlag, siehe ZEIT Nr. 11/07), was ihn auch in Frankreich, England und Italien erfolgreich gemacht hat, ist sicher nicht seine ästhetische Qualität, es ist keine große Literatur, sondern ein in westlicher Soap-Manier gezeichneter Mikrokosmos der ägyptischen Gesellschaft. Al-Aswanis Protagonisten sind zumeist gescheiterte Existenzen in einem autoritären Regime. Sie alle wohnen mit ihrer Exzentrik und Eigenheit, mit ihrer Bestechlichkeit und ihrer Verzweiflung und Verirrung in diesem sechsstöckigen Haus, das der Armenier Hagop Jacoubiân im Stil des Art déco bauen ließ. Abgasgraue Fassade mit zwei turmartigen Vorsprüngen, links ein riesiges Werbeplakat für Brautmoden, Balkons mit und ohne Wäsche.

»Ihre einzige Aufgabe bestand darin, sich von diesem alten Mann bespringen zu lassen, der sie jeden Tag erklomm und ihr mit seiner erschöpft baumelnden Impotenz und der Berührung seines wabbeligen, widerlichen Körpers den Atem nahm.«

Leserkommentare
  1. Hat der Rezensent das Buch gelesen? Dann hätte ihm auffallen sollen, dass die Beschreibung des Gebäudes im Buch nicht mit der Realität des Yacoubian Building in Kairo entspricht. Ausserdem wäre es wunderbar, wenn er die ägyptische Gesellschaft wenigstens halbwegs verstehen würde, denn dann wüsste er die Qualität des Romanes zu verstehen, einer arabischen Version von Perecs 'La vie - mode d'emploi'. Und arabisch ist eben nicht nur die Sprache, sondern auch der Stil des Autors, der Lebensstil sowie die Sorgen und Nöte seiner Charaktere.
    Aber Millionen von ungebildeten Drittweltlern können nicht Recht haben, wenn Sie einem Roman Erfolg bescheren. Sie brauchen einen deutschen Kritiker um zu erfahren, dass sie keinen Geschmack haben.
    Erinnert sich noch jemand an den letzten deutschen Erfolgsroman, der die aktuellen sozialen Zustände im Lande anprangert? Ich nicht, dass muss vor meiner Zeit gewesen sein ...

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