Ägypten Sex in Zeiten der DiktaturSeite 3/3

Der schwule Chefredakteur trägt im Roman einen »rosa-roten Kashmirbademantel«, wenn er sich zum Frühstück mit seinem jungen Soldaten hinsetzt. Den hält er nicht nur von seinen Pflichten als Ehemann ab, sondern versucht ihn mit Geld hörig zu machen. Das hat in etwa das Niveau von Hedwig Courths-Mahler für Homosexuelle, und möglicherweise verschärft es Vorurteile eher, statt sie aufzulösen. Vielleicht hat die Muslimbrüderschaft deshalb darüber hinwegsehen können. Obendrein ist das Thema Homosexualität eines der wenigen, bei dem die weltliche Regierung einen Pakt mit den mächtiger werdenden Islamisten schließen kann: Es bietet ihr die Chance, sich angesichts einschleichender westlicher Stimmungen als nationalistisch zu profilieren. Ein merkwürdiger Spagat: Um Unterstützung aus dem Westen zu bekommen, geht die Regierung andererseits in groß angelegten Polizeiaktionen gegen die Islamisten vor – und diese rekrutieren sich aus den Muslimbrüdern.

»Egal, welche Partei in Ägypten Wahlen durchführt – solange sie an der Macht ist, wird sie gewinnen, denn der Ägypter muss die Regierung bestätigen. So hat Gott ihn geschaffen.«

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»Ich bin Mediziner«, sagt al-Aswani, »ich weiß zwischen Krankheit und Symptomen zu unterscheiden. Unsere Regierung versucht uns davon zu überzeugen, dass der Terrorismus die Krankheit ist. Aber das ist er nicht. Die Krankheit heißt Diktatur, sie führt zwangsläufig zu Komplikationen wie Korruption, Armut und Terror.« Eine Folge der Diktatur sei, dass sich die ägyptische Gesellschaft zu einer »Als-ob-Gesellschaft« entwickelt habe. Der Präsident agiere, als ob er gewählt wäre, und das Parlament gebe vor, aus freien Wahlen entstanden zu sein.

Dieses Als-ob lässt sich auch im Alltag Kairos beobachten. Wer durch die Straßen der Altstadt läuft, dort, wo auch das Jakubian-Haus steht, wo früher Juden und Armenier und Franzosen und Italiener lebensfroh und tolerant den Alltag teilten, sieht man junge verschleierte Frauen, die in der Öffentlichkeit geradezu sittsam und konservativ auftreten. Sie haben scheinbar nichts mit Bouthaina aus al-Aswanis Roman gemein, die sexuellen Avancen nachgeht. Im Café Groppi sitzen die Mädchen ihren jungen Liebhabern gegenüber wie Fremde. Das Café ist eines des ältesten in Kairo, Pilaster, Lüster, große Fenster zum Trottoir. Erst wenn die Paare es verlassen und zum Nil hinuntergehen, beginnt ein neckisches Spiel der Liebe. Sie gehen dorthin, wo noch immer die Queen Boat liegt. Ihr Name ist in grasgrünen Lettern geschrieben, das Schiff schwankt in den leichten Wellen der vorbeiziehenden Dampfer – so wie die Menschen, die den Vorstellungen der autoritären Regierung nicht entsprechen, keinen festen Boden unter den Füßen haben.

Alaa al-Aswanis Roman »Der Jakubian-Bau«, dem alle herausgehobenen Zitate entnommen wurden, ist im Lenos Verlag, Basel, erschienen. Das Buch hat 372 Seiten und kostet 19,90 €

 
Leser-Kommentare
  1. Hat der Rezensent das Buch gelesen? Dann hätte ihm auffallen sollen, dass die Beschreibung des Gebäudes im Buch nicht mit der Realität des Yacoubian Building in Kairo entspricht. Ausserdem wäre es wunderbar, wenn er die ägyptische Gesellschaft wenigstens halbwegs verstehen würde, denn dann wüsste er die Qualität des Romanes zu verstehen, einer arabischen Version von Perecs 'La vie - mode d'emploi'. Und arabisch ist eben nicht nur die Sprache, sondern auch der Stil des Autors, der Lebensstil sowie die Sorgen und Nöte seiner Charaktere.
    Aber Millionen von ungebildeten Drittweltlern können nicht Recht haben, wenn Sie einem Roman Erfolg bescheren. Sie brauchen einen deutschen Kritiker um zu erfahren, dass sie keinen Geschmack haben.
    Erinnert sich noch jemand an den letzten deutschen Erfolgsroman, der die aktuellen sozialen Zustände im Lande anprangert? Ich nicht, dass muss vor meiner Zeit gewesen sein ...

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