Dieses vielleicht schönste Gleichnis Jesu ist unter dem Namen »Gleichnis vom verlorenen Sohn« bekannt; in der Tat ist die Gestalt des verlorenen Sohnes so eindrücklich gezeichnet und sein Geschick im Guten wie im Bösen so zu Herzen gehend, dass sie als das eigentliche Zentrum des Textes erscheinen muss. Aber das Gleichnis hat in Wirklichkeit drei Hauptpersonen. Joachim Jeremias und andere haben vorgeschlagen, es doch besser das »Gleichnis vom gütigen Vater« zu nennen – er sei die eigentliche Mitte des Textes. BILD

Pierre Grelot hat demgegenüber auf die Gestalt des zweiten Bruders als ganz wesentlich hingewiesen und ist daher – zu Recht, wie mir scheint – der Meinung, dass die zutreffendste Benennung »Gleichnis von den zwei Brüdern« wäre. Das ergibt sich zunächst schon aus der Situation, auf die das Gleichnis antwortet. Sie ist in Lukas 15,1f so dargestellt: »Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören. Die Pharisäer und Schriftgelehrten empörten sich und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen.« Hier begegnen wir zwei Gruppen, zwei »Brüdern«: Zöllnern und Sündern; Pharisäern und Schriftgelehrten. Jesus antwortet darauf mit drei Gleichnissen: demjenigen von den 99 Zuhausegebliebenen und dem verlorenen Schaf; von der verlorenen Drachme; und schließlich setzt er neu an und sagt: »Ein Mann hatte zwei Söhne« (15,11). Es geht um alle zwei.

Der Herr greift damit eine weit zurückreichende Tradition auf: Die Zwei-Brüder-Thematik durchzieht das ganze Alte Testament; von Kain und Abel angefangen geht sie über Ismael und Isaak zu Esau und Jakob hinauf und spiegelt sich in veränderter Weise noch einmal im Verhalten der elf Söhne Jakobs zu Josef. In der Geschichte der Erwählungen herrscht eine merkwürdige Dialektik zwischen den zwei Brüdern, die im Alten Testament wie eine offene Frage stehen bleibt. Jesus hat diese Thematik in einer neuen Stunde von Gottes geschichtlichem Handeln aufgegriffen und ihr eine neue Wendung gegeben. Bei Matthäus findet sich ein unserem Gleichnis verwandter Text von den zwei Brüdern: Der eine erklärt, den Willen des Vaters tun zu wollen, erfüllt ihn aber nicht; der zweite sagt Nein zum Willen des Vaters, bereut aber nachträglich und erfüllt dann, was ihm aufgetragen war (Matthäus 21,28–32). Auch hier geht es um das Verhältnis von Sündern und Pharisäern; auch hier ist der Text zuletzt Anruf zu einem neuen Ja zum rufenden Gott.

Aber versuchen wir nun doch, dem Gleichnis Zug um Zug zu folgen. Da ist zunächst die Gestalt des verlorenen Sohnes, aber gleich schon am Beginn sehen wir auch die Großherzigkeit des Vaters. Er gibt dem Wunsch des jüngeren Sohnes nach seinem Vermögensanteil statt und verteilt das Erbe. Er gibt Freiheit. Er kann sich vorstellen, was der jüngere Sohn tun wird, aber er lässt ihm seinen Weg.

Der Sohn geht »in ein fernes Land«. Die Väter haben da vor allem die innere Entfernung aus der Welt des Vaters – der Welt Gottes – gesehen, den inneren Abbruch der Beziehung, die Weite des Weggehens vom Eigenen und vom Eigentlichen. Der Sohn verprasst sein Erbe. Er will einfach genießen. Er will das Leben ausschöpfen bis zum Äußersten, »Leben in Fülle« haben, wie er meint. Er will keinem Gebot, keiner Autorität mehr unterstehen: Er sucht die radikale Freiheit; er will nur sich selber leben, keinem anderen Anspruch unterstellt. Er genießt das Leben; fühlt sich ganz autonom.

Ist es schwierig für uns, darin gerade auch den Geist der neuzeitlichen Rebellion gegen Gott und Gottes Gesetz zu sehen? Den Auszug aus allem bisher Tragenden und den Willen zu einer Freiheit ohne Grenzen? Das griechische Wort, das im Gleichnis für das verprasste Vermögen steht, bedeutet in der Sprache der griechischen Philosophen »Wesen«. Der Verlorene verprasst »sein Wesen«, sich selbst.

Am Ende ist alles verbraucht. Der ganz frei Gewesene wird nun wirklich zum Knecht – zum Schweinehüter, der froh wäre, wenn er Schweinefutter zu essen bekäme. Der Mensch, der Freiheit als radikale Willkür des bloß eigenen Wollens und Weges versteht, lebt in der Lüge, denn von seinem Wesen her gehört er in ein Miteinander, ist seine Freiheit geteilte Freiheit; sein Wesen selbst trägt Weisung und Norm in sich, und damit von innen her eins zu werden, das wäre Freiheit. So führt eine falsche Autonomie in die Knechtschaft: Die Geschichte hat es uns inzwischen unübersehbar gezeigt. Für Juden ist das Schwein ein unreines Tier – der Schweineknecht also der Ausdruck der äußersten Entfremdung und Verelendung des Menschen. Der ganz Freie ist ein erbärmlicher Sklave geworden.

Der radikal Freie wird zum Knecht – zum Schweinehüter

An dieser Stelle erfolgt die »Umkehr«. Der Verlorene begreift, dass er verloren ist. Dass er zu Hause ein Freier war und dass die Knechte seines Vaters freier sind als er, der sich ganz frei geglaubt hatte. »Er ging in sich«, sagt das Evangelium (15,17) und ruft damit wie mit dem Wort vom fernen Land das philosophische Denken der Väter auf den Plan: Weit von zu Hause, von seinem Ursprung weg lebend, war dieser Mensch auch weit von sich selbst weggegangen. Er lebte von der Wahrheit seiner Existenz weg.