Umwelt Atomlügner oder Klimasünder?

Dem Umweltminister Sigmar Gabriel droht Ungemach: Umweltschutz und Nuklearausstieg lassen sich nur schwer vereinbaren.

Es ist schon bizarr: Da grassiert im Volk die Angst vor der Erderwärmung. Da nennt Bundeskanzlerin Angela Merkel den Kampf gegen den Treibhauseffekt die größte Herausforderung für die Menschheit. Da geloben Verbraucher ebenso wie die Manager der Industrie gebetsmühlenartig, weniger Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre blasen zu wollen.

Tatsächlich aber steigt der Ausstoß des Klimagiftes. Im Jahr 2006 ist die Wirtschaft kräftig gewachsen und der Energieverbrauch erstmals seit Langem wieder merklich gestiegen. Dabei nahmen auch die CO2-Emissionen zu: um 0,6 Prozent, wie das Umweltbundesamt Ende vergangener Woche wissen ließ.

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Große Worte, wenig dahinter: So präsentiert sich Deutschland, der selbst ernannte Vorreiter in Sachen Rettung der Welt.

0,6 Prozent ist nicht viel, aber der Anstieg hat symbolische Bedeutung: Deutschland bewegt sich leider in die falsche Richtung. Das Emissionsplus bedeutet deshalb für Merkel und ihren Umweltminister Sigmar Gabriel eine Blamage: Die Kanzlerin drängt auf der internationalen Ebene die EU und die G8-Nationen zu mehr Klimaschutz – daheim aber nimmt der Frevel zu.

Plötzlich, mehr als 30 Jahre nach dem Beginn ernsthafter Umweltpolitik, ist der längst erledigt geglaubte Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie wieder da – und bugsiert die Regierung in eine neuartige Ökofalle. Sie will natürlich beides, Wachstum und Klimaschutz. Aber wie lässt sich das vereinbaren?

Auf einmal stellt sich die Atomfrage neu, vor allem für die nuklearkritischen Sozialdemokraten und ihren Umweltminister Gabriel: Die langfristige Nutzung der Kernkraft könnte womöglich die Lösung des Dilemmas sein. Für die Union ist die Sache dagegen einfach. Sie hat sich per Koalitionsvertrag nur widerwillig an das rot-grüne Erbe namens Atomausstieg gebunden. Nun treibt der in Deutschland erneut wachsende CO2-Ausstoß den im schwarz-roten Bündnis schon lange schwelenden Streit um den Ausstieg aus dem Atomausstieg dem Finale entgegen. Er droht die SPD zu zerreißen – und könnte die Koalition sprengen.

Gegen die Meiler spricht vieles. Unfälle können Verwüstungen anrichten, radioaktives Material kann in die Hände von Schurken und Terroristen fallen, und wohin mit dem Atommüll, weiß bisher niemand. Einen Vorteil aber haben die Kernkraftwerke: Ihnen entfleucht nur wenig Klimagas, das, in der Erdatmosphäre deponiert, für die gefährlich steigenden Temperaturen sorgt.

Zwar irritierte der SPD-Vorsitzende Kurt Beck Öffentlichkeit und Parteifreunde neulich mit der Behauptung, in Wirklichkeit sei die Atomenergie »kohlendioxidintensiver als ein Braunkohlekraftwerk«. Diese Bemerkung vor Fernsehkameras entpuppte sich alsbald als heiße Luft. Laut Öko-Institut hängt an jeder Kilowattstunde Kohlestrom rund 30-mal mehr CO2 als an der gleichen Menge Strom, die ein Atomkraftwerk erzeugt. Dabei ist die für die Brennstoffgewinnung und den Anlagenbau notwendige Energie berücksichtigt.

Kernkraftwerke sind klimafreundlich – das ist unter Experten unstrittig. Und ausgerechnet diese »Klimaschützer«, wie die Atomlobby ihre 17 deutschen Meiler liebevoll nennt, sollen nun nach und nach stillgelegt werden. Kann das richtig sein?

Leser-Kommentare
  1. ... daß inzwischen fast keine Subventionen mehr gezahlt werden müßten. Die Hersteller geben die Einsparungen durch Rationalisierung nicht an die Kunden weiter. Solarzellen könnten deutlich billiger sein, wenn es diesen kriminellen Filz aus Herstellern und Politikern nicht gäbe.

  2. Arbeitet die Anti-AKW Lobby für Gazprom oder sind die blos Pisa? Vermutlich Teils Teils. J.S.
    .

  3. Wirklich bezeichnend ist, das Terroristen aus Öl-Staaten mittlerweile ein Argument liefern die einzige echte Alternative zum Erdöl über Bord zu werfen!
    Ich nehme mal an, das eine Menge Petrodollars in der Anti-AKW Lobby stecken. J.S.

  4. Nach dem die russische Tschernobyl Technik große Gebiete verseucht hat wird russische Atomtechnik zum Exportschlager!
    Und noch bizarrer wird die deutsche Atomtechnik, die als die sicherste der Welt gilt eliminiert. Zufälligerwiese von lauter Leuten die etwas mit Moskau zu tun haben. Tja, Mist verkauft sich eben besonders dann, wenn man die bessere Konkurrenz ausschaltet. J.S.

  5. physiker2006 redet von 'Dörfer, die energetisch autonom sind' dabei weiß eigentlich jeder das dies nur bei niedriger Bevölkerungsdichte funktioniert. Schweden hat zehn mal mehr Anbaufläche pro Person für nachwachsende Rohstoffe! Ich hab es einfach satt diesen getürkten Mist zu lesen! KWK Kopplung funktioniert tatsächlich, allerdings nur im Winter. Wohin soll denn die Wärme aus der KWK im Sommer? Also BHKW Abschalten aber woher kommt dann der Strom für die Industrie? Also Arbeitslos. Wen man das will. J.S.

    • iDog
    • 11.04.2007 um 21:50 Uhr

    bin ich froh , das hier mal einer reinschaut, der ueber ausreichend sachkenntnis verfuegt, und standhaft und immer freundlich kommentiert, was die 'macht bloss nix anders wie gewohnt ' fraktion hier zu diesem oder aehnlichen themen verzapft.
    ihre geduld ist bewundernswert.

  6. da muss ich ihnen ja quasi als Rekordhalter gratulieren.

    Ein Fusionsreaktor ist bzgl. der Leistung Fliessgleichgewicht von gewaltigen Dimensionen. Wenn es überhaupt funktioniert, kommen netto wenigstens 10 Gigawatt raus, ansonsten ist die Technik tot.

    Wussten sie, dass allein die externe Plasma-Zusatzheizung etliche 100 MW verbraucht? Ohne die es nicht geht, weil der el. Strom durch das Plasma allein nicht die nötigen Temperaturen erzeugen kann?

    Der ganze Brennstoffkreislauf macht in der Energiebilanz 1-2% aus. Wenn ausgerechnet das den Ausschlag gibt, sollten wir die Fusion ganz schnell vergessen.

    Die Probleme liegen wirklich ganz woanders. Vielleicht fragen sie mal einen Plasma-Physiker, anstatt wie der Blinde vom Licht zu reden.

  7. 1) Kernenergie UND Erneuerbare Energien nutzen, dann wird die CO2-Reduktion ganz gut zu schaffen sein. Die Kernenergie durch Fusion ablösen, wenn diese soweit ist.

    2) Schon mal was von Fernwärme gehört? Das wurde schon vor 35 Jahren ausprobiert und war damals leider wirtschaftlich uninteressant. Aber das muss ja nicht so bleiben...

    3) Mit einem HTR als 1200 Grad heisse Prozess-Wärmequelle kann man ohne zusätzliche CO2-Emissionen Kohle in Methanol oder Benzin/Diesel verwandeln. Das funktionier übrigens nicht nur mit Kohle, sondern sogar mit dem CO2 der Luft...

    Diese und ähnliche Ideen liegen seit 30 Jahren ungenutzt herum. Insbesondere auch dank der Anti-Atom Bewegung.

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