Roman Wunderbares Wetter in L.A.
Die Amerikanerin A. M. Homes hat einen heiteren und tückischen Roman geschrieben.
Den Mut, den ganzen Irrsinn dieser Stadt Los Angeles, der in gewisser Weise auch der ganze Irrsinn unserer Kultur ist – den Irrsinn in ein einziges Buch bekommen zu wollen, diesen Mut muss man erst mal haben. Ist die Fallhöhe zu hoch angesetzt, kann die Sache schnell bildungsbürgerlich geraten, kulturpessimistisch und also ziemlich fad; ist sie zu niedrig gewählt, bleibt man leicht hinter der Komplexität des Gegenstands zurück. Los Angeles, vielmehr natürlich L.A., ist schließlich die Welthauptstadt der Bewusstseinsindustrie. Der zur Megacity aufgequollene Amerikanische Traum, zugleich seelenfressender Moloch und schillernder Sehnsuchtsort schlechthin. Dass gerade hier regelmäßig heftig die Erde bebt und riesige Waldbrände wüten – das, so scheint es, kann nicht einfach nur ein geografischer Zufall sein.
Ein Buch, ein satirischer Roman zumal, über diese Stadt muss deshalb alles sein: dialoglastig, kurzatmig, gnadenlos vereinfachend, pointenfeuernd, moralinsauer. Es muss aber eben auch ein Szenen- und Personentableau aufreißen, dass einem im Strom der Ereignisse doch irgendwie die Luft wegbleibt. Ab einer gewissen Größe der Waffen kann man den Gegner nämlich – wenn überhaupt – nur noch mit ebendiesen schlagen: seinen eigenen.
Umgeben von Fitnesstrainerin, Masseur und Ernährungsberaterin
Die in New York lebende amerikanische Schriftstellerin A. M. Homes hat mit ihrem vierten Roman ein Buch geschrieben, in dem genau das versucht wird. Der apodiktische Titel ist eine Kampfansage: Dieses Buch wird Ihr Leben retten. Erzählt wird die Geschichte von Richard Novak, einem 55 Jahre alten, sehr erfolgreichen Aktienhändler aus Los Angeles. Seine Tage verlaufen immer gleich. Früh aufstehen, aufs Laufband, dann kommt die Fitnesstrainerin ins Haus, mehrmals in der Woche eine Ernährungsberaterin, gelegentlich ein Masseur: »Ich lebe so gesund es geht. Ich lese vier verschiedene Zeitungen. Ich gehe nie vor die Tür.« Auch nicht zum Arbeiten, vom Laufband aus ist der elektronische Börsenticker gut zu sehen, Gebote werden über ein portables Keyboard abgegeben. Ein Hochglanzleben. Wäre da nicht plötzlich dieser brutale, den ganzen Körper erfassende Schmerz. Ein Phantomschmerz zwar, wie sich in der Notaufnahme herausstellt, aber der Anfang der Wandlung des Helden – und der Beginn der Handlung: »So gründlich, wie er sich von der Welt der Abhängigkeiten und Verpflichtungen freigemacht hatte, war er nicht sicher, ob er überhaupt noch existierte.«
Losgetreten ist damit eine Folge schräger und schrägster Episoden im Leben des nunmehr Halt und Sinn suchenden Richard, die vor allem deshalb einnimmt: Sie ist in der Szenenauswahl, dem Tempo und ihrer Konsequenz so vollkommen gegenwärtig, so furchtlos auf der Höhe der Zeit, wie es sich gehört, wenn es gilt, es mit dem Irrsinn aufzunehmen. »Über den Funk konnte er mithören, wie die Sanitäter sich beim Krankenhaus meldeten und einen Code Orange ankündigten. ›Was bedeutet Orange?‹ – ›Sie bringen einen Promi‹, sagte die Schwester. ›Sie informieren uns, damit wir ein Auge auf die Fotografen haben können – manchmal sind die Fototypen noch vor den Patienten hier. Das Schlimmste sind tote Promis, das bringt richtig Geld.‹ – ›Außenteam an Basis, Orange ist weiblich, Mitte bis Ende siebzig, Autounfall, möglicherweise Schädelverletzung, Werte stabil. Wir haben sie fixiert – sind auf dem Weg.‹« Von Richards Weg zurück ins Leben kann man das zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht sagen, aber die Dinge entwickeln sich, während man mit ihm so durch die Stadt fällt. Mal dahin, mal dorthin. Zum grundanständigen Donutverkäufer, den er gutwillig, aber ungelenk vertritt, während der begeistert mit dem Börsenmakler-Mercedes herumfährt, oder hinters vormals makellose Millionärshaus, wo aus einem zügig größer werdenden Erdloch erst mal das Pferd eines Nachbarmädchens gerettet werden muss. Mit Hilfe eines Filmstars, seines Hubschraubers und eines echten Hollywood-Stuntkoordinators.
In Deutschland ist die virtuose Arrangeurin moralischer Abgründe bisher kaum bekannt. Ihre vier auf Deutsch erschienenen Bücher sind längst nicht mehr im regulären Buchhandel zu bekommen. Ganz anders in Amerika. A. M. Homes schreibt für Art Forum und den New Yorker, genauso aber auch für Lifestylemagazine wie Harper’s Bazaar oder Vanity Fair. 2004 und 2005 verfasste sie Drehbücher für die populäre und hochgelobte erste Lesben-TV-Serie The L-Word. Und sowohl ihre beiden Romane In a Country of Mothers (dt. Fremde Nähe) und Music for Torching (dt. Grillparty) als auch das neue Buch werden zurzeit als Filmstoffe entwickelt. Als sie sich im vergangenen Jahr ein Haus in den Hamptons kaufte, meldete das die New York Times – inklusive des Kaufpreises.
- Datum 04.04.2007 - 13:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.04.2007 Nr. 15
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