Okay, hier kann mal wieder einer so richtig toll schreiben. Das Milieu ist gut beobachtet, die Atmosphäre stimmt, die Figuren sind treffend charakterisiert, und die Pointen sitzen so nadelfein und präzise auf den Meridianen der Erzählung, als ginge es darum, den Leser von einem andauernden Kopfschmerz zu befreien. Wer Humor hat oder aus anderen Gründen gerne lacht, kann mit Tender Bar, dem ersten Buch des amerikanischen Journalisten J.R. Moehringer, getrost sein Leben teilen, ohne dabei etwas aufs Spiel zu setzen: ohne dabei mehr zu verlieren als ein Wochenende, das man sonst ja vermutlich sowieso nur wieder vertrödelt hätte. Mit Moehringer kommt der Leser sauber davon – ohne die literarischen Peinlichkeiten, die den handelsüblichen Bestseller so oft zum Gipfel der Scham werden lassen. Als »Buch des Jahres« markiert Tender Bar mit mehr als 500000 verkauften Exemplaren sogar in den Augen der New York Times einen Höhepunkt des guten Geschmacks.

Der 1964 in New York geborene Moehringer erzählt in seinem Buch von dem kleinen JR, der in den Siebzigern im Dunstkreis einer Bar in Manhasset aufwächst, jener für ihre Spirituosen berühmten Kleinstadt auf Long Island, die in Fitzgeralds Großem Gatsby als das elegante East Egg verewigt ist; von skurrilen Typen, die im »Dickens« ihr Zuhause haben; von dem gutmütigen Barkeeper Steve, der seine Stammgäste wie lieb gewonnene Topfpflanzen bewässert, an deren letzte Blüte sich längst keiner mehr erinnert. Brandy und Herzwasser fließen Satz für Satz in den Zeilen dieses lebensnahen Buchs, die ungestillte Sehnsucht eines Erzählers, der die Stimme seines Vaters, eines beliebten Rock-’n’-Roll-Discjockeys, lange nur aus dem Radio kannte und die Kindheit rückblickend zum Mythos verklärt. »Jeder hat einen heiligen Ort, eine Zufluchtsstätte, wo sein Herz reiner und der Verstand klarer ist, wo er sich Gott, der Liebe, der Wahrheit oder dem, was er anbetet, näher fühlt«, so der erwachsene JR. »Mein heiliger Ort war Steves Bar – mit allen Vor- und Nachteilen. Und weil ich sie in meiner Jugend entdeckte, war sie mir umso heiliger und ihr Bild von jener besonderen Ehrfurcht getrübt, die Kinder Orten zugestehen, an denen sie sich geborgen fühlen.«

Man muss vermutlich ein standfester Trinker sein, um sich vom hochprozentigen Schnaps solcher Sätze nicht umhauen zu lassen. Unter der Wucht von Moehringers Sätzen kann sich keiner wegducken, okay? »Früher sagte ich oft, in Steves Bar hätte ich die Väter gefunden, die ich brauchte, aber das stimmte nicht ganz. Irgendwann wurde die Bar selbst mein Vater, und die vielen Männer in ihr verschmolzen zu einem gewaltigen männlichen Auge, das mir über die Schulter blickte.« Solche Sätze muss man gelebt haben, um sie zu glauben – Tag für Tag, Wort für Wort. Solche Sätze gehören deshalb immer nur dem, der sie schreibt, und auch Tender Bar ist und bleibt schließlich Seite für Seite die Geschichte ihres Autors, die der Leser zwar bewundern, aber niemals teilen kann. Moehringers Leben ist kein Roman: Dass der deutsche Verlag das Coming-of-Age des kleinen JR als solchen verkauft, verleiht beinahe jeder Erfahrung, von der Moehringer in seinen Memoiren erzählt, den Beigeschmack einer unglaublichen Erfindung.

Wäre es Moehringer gelungen, den Roman seines Lebens zu schreiben und persönliches Erleben unter der elektrisierenden Einwirkung einer Vorstellungskraft zu verwandeln, statt den Tatsachen mehr zu vertrauen als der Literatur, hätte Tender Bar ein sehr viel anspruchsvolleres Buch abgegeben. Als der Roman, der es nicht ist, erspart es dem Leser alle Mühen. Als Memoiren jedoch hat Tender Bar den unantastbaren Nimbus des Wahren, der bekanntlich jedes literarische Defizit vergessen macht und im »Zeitalter der Massenredseligkeit«, wie es in Martin Amis’ Memoiren heißt, immer wieder dazu taugt, den Erfolg einer Sache auf die Spitze zu treiben. »Nichts vermag sich mit der Erfahrung zu messen«, schreibt Amis in Die Hauptsachen , »Erfahrung ist das einzige, was wir alle gleichermaßen gemein haben«. Zappen wir also noch mal schnell bei Moehringer rein, um zu sehen, wie er sich auf den Beinen hält.

Da steht kurz vor JRs achtem Geburtstag plötzlich der Vater vor der Tür, nimmt ihn mit für eine Nacht und setzt JRs Liebe aufs Spiel, indem er den Sohn beinah beim Pokern verliert. Da rettet der dreizehnjährige JR seine Mutter vor dem Bankrott, indem er in einer Buchhandlung jobbt, deren Eigentümer ihren Laden »wie eine Privatbibliothek« führen und den Jungen, der bisher nur den Namen Dickens kennt, langsam auf ein Studium in Yale vorbereiten. »Du musst alles tun, was dir Angst macht, JR. Alles«, lehrt ihn der Buchhändler.

Mit dem mächtigen, über alle Widrigkeiten des Lebens dahinplätschernden Strahl eindrucksvoller Sätze zielt Moehringer in jedem Augenblick auf den ganz großen Erfolg. Vor sieben Jahren gewann er für eine seiner Reportagen den Pulitzer-Preis. »Angst ist der Schlüssel zu deinem Erfolg und der Hauptgrund für dein Scheitern«, sagt der Buchhändler. »Angst ist das zugrunde liegende Dilemma in jeder Geschichte, die du dir über dich selbst erzählst.« Und Angst ist am Ende vielleicht auch der eigentliche Schlüssel zum Erfolg von Tender Bar – die Angst, die als ganz persönliches Dilemma auch der Geschichte jedes einzelnen Lesers zugrunde liegt. Moehringer benebelt uns mit Mut und Zuversicht und weist uns den sichersten Weg durch jeden Sturm. Mädchen warten stundenlang im Mondschein, wenn man mit dem Wagen schnell noch mal los muss, um Kondome aufzutreiben; die Mutter kommt zehn Seiten nach einem schrecklichen Unfall glücklicherweise doch ohne Hirnschaden davon. Läuft doch okay, das Leben, alles auf dem Weg. Man muss nur an Moehringers Träume glauben, dann werden auch die eigenen wahr. Lassen Sie sich bloß nichts anderes erzählen.