Roman Highschool-Glitzer
Virtuos, geistreich, elegant: Marisha Pessl zeigt alles, was sie kann. Aber was will sie uns sagen?
Natürlich kann es nicht gut sein, wenn man als Rezensent von den ersten Seiten weg so begeistert ist, dass man das auch dann nicht aufgeben möchte, wenn der Enthusiasmus beim Weiterlesen keinen wirklichen Grund mehr findet. Noch schlechter ist es allerdings, wenn man sich gleich von Anfang an so ärgern muss, dass man im weiteren Verlauf auch die Qualitäten eines Textes nicht mehr wahrhaben will. Am ärgerlichsten aber ist es, wenn man zig und zig Seiten liest und der Notizblock neben einem einfach leer bleibt, weil einem zu dem, was man da liest, nichts Nennenswertes auf- oder einfällt, obwohl man doch einen ganz guten Tag hat.
Nun denn: Es geht um Blue, Blue van Meer. Sie ist ein Highschool-Girl, sechzehn Jahre alt und an der Schwelle zum Erwachsenwerden oder, wie sie gelegentlich denken wird, auch schon mal einen Schritt darüber hinaus. Ihre Mutter, eine engagierte Lepidopterologin, ist schon vor Jahren gestorben, und also lebt Blue seither allein mit ihrem Vater. Dad ist nämlich Professor für Konfliktforschung, hält es aber kaum länger als ein Semester an einer Uni aus und hat daher mittlerweile mindestens schon zwei Dutzend hinter sich. Princeton oder Yale sind nicht darunter gewesen, dafür aber hat er Harvard für sein gescheites Töchterchen im Visier. Vorläufig aber sitzen sie in Stockton, North Carolina, dessen Universität bislang kaum als Institut für Spitzenforschung bekannt geworden ist.
Auch Dad wird es nicht dazu machen, sein ständiges Herumziehen kann der Karriere nicht förderlich sein. Seine Tochter aber scheint das gründlich genutzt und sich durch sämtliche Uni-Bibliotheken quergelesen zu haben. Damit das auch nicht übersehen werden kann, beweist sie es dadurch, dass sie mindestens auf jeder Seite einmal ihre Beobachtungen mit einer bibliografischen Angabe untermauert. Ein beliebiges Beispiel? Jemand erinnert an Porträts von Heinrich VIII., und dann steht da anschließend: »(siehe Die Geschichte der Tyrannei, Clare, 1922, S. 322)«. Am Anfang wirkt das überraschend und witzig, und noch nach zwanzig Seiten denkt man, man sollte so einer Angabe vielleicht mal hinterhergoogeln; später aber ist es nur noch Marotte: Erst liest man die Zahlen nicht mehr, dann den Verlagsnamen, dann die ganze Klammer. Was bleibt, ist ein unguter Beigeschmack von Altklugheit und leerlaufendem Ehrgeiz. Und was wird überhaupt erzählt?
Es sind Schulgeschichten, die kleinen Ereignisse zu Hause, dann wieder etwas über die Mitschüler, dies und das. Dieses Dies-und-das aber wird mit einer solchen sprachlichen Fingerfertigkeit aufbereitet, auf geistreich und elegant getrimmt, dass man angesichts des Könnens dieser Autorin – deren erstes Buch das ist – immer wieder stutzig wird. Vor allem ist sie eine Virtuosin des Vergleichs, ja sie scheint geradezu süchtig nach Vergleichen zu sein und landet dabei immer mal wieder Volltreffer wie diesen: »Eva Brewster saß auch da und warf mir ein aufmunterndes Lächeln zu, zog es aber gleich wieder zurück, als würde sie mir ihr Taschentuch anbieten, aber nicht wollen, dass es dreckig wurde.« Oder, wenn etwas irritiert: »Es war, als hätte jemand ein Bild an der Wand heimlich ein paar Zentimeter nach rechts gehängt, das schon jahrelang an derselben Stelle hing.« Sehr gut, oder? Jemand kann aber auch fahren »wie ein wildgewordenes Sumpfhuhn« oder aussehen »wie ein Schaf in Strumpfhosen« – und das ist dann beides eher blöd. Egal, meistens hat es was, zeigt die Lust der Autorin am eigenen Tun, sie scheint aber die längste Zeit vergessen zu haben, dass der Leser nicht nur etwas bewundern, sondern auch etwas erfahren will. Und darauf muss er hier etwa 150 Seiten lang warten. Dann erst läuft es mit einer scharfen Kurve auf die Figur einer Lehrerin zu, die die kleine Schülergruppe, zu der Blue gehört, erst sehr anziehend und dann schillernd geheimnisvoll findet. Auf einmal – und das macht Pessl sehr zügig – wird diese Hannah Schneider das Zentrum des Interesses dieser Jugendlichen, eine klassische Lehrer-Schüler-Beziehung, die auf der einen Seite Locken und Distanzieren und auf der anderen Verehrung, Verliebtheit und Verwirrung hervorruft.
Das könnte ein Thema sein, ist es ja in vielen Schulromanen auch schon gewesen, aber Pessl gefällt sich vorerst darin, ihre Schüler nach der Methode »Emil und die Detektive« ihre Stupsnasen tiefer als erlaubt in Hannah Schneiders Sachen stecken und in fremden Schlafzimmern und Pappkartons wühlen zu lassen. Auch als dann plötzlich jemand tot in einem Swimmingpool liegt, wird der erzählerischen Pflicht leider nicht ausreichend Genüge getan: Noch einmal muss sich der Leser durch 150 Seiten schleppen, in denen die Autorin ihre Textfläche poliert und das Erzählen höchstens simuliert.
Dann jedoch lässt sie ihre Geschichte wieder mit viel Geschick auf die Katastrophe zulaufen, in der die Schüler von allen guten Geistern verlassen und den bösen ausgeliefert sind. Welche das aber sind, ist die Rätselaufgabe der letzten 200 Seiten, auf denen auch viel mit dem Nebelwerfer gearbeitet wird. Blue kombiniert, was ihr kluger Kopf hergibt, und mit einem Mal – »inzwischen hatte ich magische Kräfte« – hat man den Eindruck, in dieser Mischung aus Familiendrama, Schule, Verschwörung und Tod wenn schon nicht den letzten Band, dann doch so etwas wie die unvermeidliche Folge von Harry Potter für den zeitgenössischen Schulroman vor sich zu haben.
- Datum 03.04.2007 - 10:11 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.04.2007 Nr. 15
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Wieder einmal eine unsaeglich schlechte Kritik an einem Buch, das der Autor einfach nicht verstanden hat. Es ist in der Tat sehr intelligent, kryptisch, bisweilen pseudologisch, verliert sich in unendlichen Details. Wo finden wir das wieder? Beim psychotischen Erleben. Dies ist der Schluessel zum Verstaendnis dieses Buchs. Die letzten 150 Seiten geben den entscheidenden Hinweis, eine richtige Interpretation muesste den dliranten Anteil im Inhalt beruecksichtigen, Bezug nehmen auf die Dinge, die nicht erwaehnt werden, aber entscheidend sind fuer den Verlauf der Geschichte (z.B. was ist an dem gemeinsamen Wochenende von Blue mit ihrem Vater passiert?). Das geschieht in dieser Rezension nicht. Schade. Thema verfehlt. Aber total. Da wurde einmal wieder nicht auf der Metaebene gedacht. Die Sprache von Marisha Pessl ist brillant, bestechend, intelligent. Aber eben nicht stringent logisch, sondern oft paralogisch, chiffriert, gelegentlich verrueckt. Aber wenn man nicht den Horizont oder den Willen hat, das zu verstehen, wird man es effektiv fuer ueberfluessiges Blabla halten. Man koennte sich fragen, was der Rezensent wohl zu 'Ulysses' von James Joyce bei seinem Erscheinen geschrieben haette. Nicht, dass das rezensierte Buch auf die gleiche Stufe gehoerte, aber der gedankliche Hintergrund ist aehnlich. Aber vielleicht ist es bei der deutschen Journaille im Moment einfach nicht besonders populaer, coming-of-age - Geschichten zu lesen, die etwas komplexer sind als der gaengige Highschool-Roman auf dem Niveau von 'Eine wie Keine'. Schlecht, wirklich.
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