Magdeburg Was nützt den Magdeburgern ihr schönes Wasserwerk, wenn immer weniger Menschen da sind, die Wasser benötigen? BILD

Zu sehen ist nur der große gelbe Pumpwagen, der den Verkehr blockiert. Das Problem selbst versteckt sich im Untergrund. Obwohl unsichtbar, ist es eines der schwerwiegendsten Probleme der deutschen Infrastruktur. Man sieht es einer Stadt ja nicht an, dass ihr Kanalisationssystem überdimensioniert ist. Aber man kann es riechen. Und wenn man Pech hat, wird man davon krank.

Magdeburg ist eine zu groß geratene Großstadt, heute schrumpft sie rasant. 290000 Menschen lebten hier im Jahr 1989, heute sind noch 230000 übrig. Allenthalben stehen Wohnungen leer, aber das ist nur das halbe Problem. Weniger Menschen drücken seltener die Klospülung, sie duschen weniger und sprengen nicht so oft den Rasen. Immer wieder kommt der unterirdische Flüssigkeitshaushalt Magdeburgs zum Stillstand. »Da liegt die Scheiße und fault vor sich hin«, sagt Johannes Kempmann, Geschäftsführer der Magdeburger Stadtwerke. Und am Ende hilft nur noch der gelbe Pumpwagen.

Wenn die Männer von den Stadtwerken mit ihrem Pumpwagen auf einer Spritztour sind, lassen sie einen langen Schlauch mit einer Hochdruckdüse hinab, die Kanalwände spült und Ablagerungen löst. Durch den Schlauch werden Fäkalien und anderer Dreck nach oben in den Kessel des Fahrzeugs gesaugt. Die Wagen sind nach einem ausgeklügelten System ständig in der Stadt im Einsatz. »Das ist ein sehr hoher Aufwand«, sagt Kempmann.

Nicht nur das Abwasser ist ein Problem, auch das Trinkwasser läuft nicht mehr, wie es soll. Kempmann lässt deshalb regelmäßig Hydranten aufdrehen und drückt so Trinkwasser durch die Leitungen. Niemand braucht dieses Wasser, es sorgt aber für Durchfluss im Rohr. Sonst würde das Trinkwasser bis zu 20 Tage in der Leitung stehen. Vor allem im Sommer, wenn sich der Boden bis auf 20 Grad erwärmt, sind das hervorragende Bedingungen für das Wachstum von Krankheitserregern. »Guten Appetit, kann ich da nur sagen«, sagt Stadtwerkechef Kempmann. »Den Bakterien gefällt das.«

Leitungen lassen sich verkleinern. Aber man spart damit nichts

Auch andernorts kann man den Schwund riechen. Überall in Sachsen-Anhalt sind die zu großen Netze ein Problem, das nicht nur die Qualität des Wassers schmälert, sondern auch die Gebühren steigen lässt. 60 bis 80 Jahre lang muss ein Kanalrohr halten, so lange währt die Abschreibungszeit. Da ist es bisweilen billiger, die übergroßen Rohre regelmäßig mit Trinkwasser zu spülen, als sie zu verkleinern oder neue zu legen.

Nicht dass die Stadtplaner nicht nach Alternativen suchen würden. Duisburg, eine westdeutsche Stadt mit ostdeutschen Problemen, lässt durch Gutachter prüfen, welche Kläranlagen und Leitungen noch nötig sind und wie zurückgebaut werden kann. Das Ergebnis ist ernüchternd. »Leitungen lassen sich theoretisch verkleinern«, sagt Michael Buchmann vom beauftragten Ingenieurbüro Vössing. »Aber man spart damit nichts.« Rechtliche Probleme kommen hinzu. In Brandenburg zerbrechen sich Verwaltungsleute die Köpfe darüber, wo sie Kanalisation überhaupt zurückbauen dürfen. Mancherorts wurden EU-Subventionen verbaut, beim Umbau würden Strafzahlungen fällig. Schon fordern Bürgermeister die Bürger auf, ihre Toiletten nach Gebrauch zweimal zu spülen – einmal extra, für die Leitung.

Und wer ist schuld an der Misere? Dass Magdeburg einmal schrumpfen würde, zumal in diesem Tempo, war nicht absehbar, als sein Kanalsystem entstand. Aber in weiten Teilen Ostdeutschlands sind es nicht Altlasten, sondern neue Anlagen, die sich nun als viel zu groß erweisen. Bürgermeister folgten der Expertise von Beratern, die nicht nur steigende Einwohnerzahlen unterstellten, sondern vor allem die großzügigen Gewerbegebiete jener blühenden Landschaften versorgen wollten, die nie Wirklichkeit wurden. »In sehr vielen Fällen ist mit Sicherheit zu groß geplant worden«, sagt Hermann Roth, Professor für Siedlungswasserwirtschaft an der Ruhr-Universität in Bochum. Und die Schuldigen säßen auch nicht nur in Ostdeutschland. »Da haben im Westen einige gut dran verdient.«

Es gibt auch ältere Bausünden, die sich nun rächen. In Magdeburg wurden Leitungen zuweilen in Kellergängen verlegt. Werden die Häuser abgerissen, schneidet man die Gebäude dahinter vom Netz ab. Müssen dann Rohre neu und zudem noch auf Umwegen verlegt werden, wird das noch teurer als der Rückbau überdimensionierter Rohre. Für jeden Quadratmeter Wohnfläche, der durch Abriss verschwindet, rechnen die Stadtwerke etwa 30 Euro für den Rückbau der Wasserleitungen. Rund 20000 Wohnungen sollen allein in Magdeburg abgerissen werden, macht 40 bis 50 Millionen Euro Kosten.

Dazu kommen dauerhaft höhere Gebühren, weil weniger Menschen für ein fast gleich großes Netz aufkommen müssen. Schon können einige Kommunen ihre Wasser- und Abwassernetze nicht mehr kostendeckend betreiben.

In der Gegend um die Stadt Salzwedel liegen die Abwassergebühren inzwischen bei 3,62 Euro je Kubikmeter, fast doppelt so hoch wie im nahen Niedersachsen. Trotz hoher Wasserrechnungen ist das Trinkwasser in Salzwedel oft nicht gut. Immer wieder schlägt das Gesundheitsamt Alarm, es folgen Durchsagen im Radio, Ältere, Kinder und Kranke sollten aus Vorsicht nur abgekochtes Wasser trinken.

Wasser, dachten die Stadtplaner, kommt doch aus dem Hahn

Noch versuchen die Wasserwerker in Sachsen-Anhalt zu sparen und zu rationalisieren, berichtet Jens Schütte, Geschäftsführer vom Wasserverband VKWA in Salzwedel. Doch ein Bevölkerungsschwund von einem Prozent im Jahr verlangt mehr: Sickergruben statt Kläranlagen sind die Zukunft, und das neue Wasserwerk wird so gebaut, dass es für eine Bevölkerung in zehn Jahren passt. »So lange kaufen wir Wasser anderswo zu«, sagt Schütte.

In Magdeburgs Stadtwerken hätte man gern staatliche Unterstützung für den Umbau des Wasser- und Abwassernetzes. »Stadtplaner haben solche Themen lang verdrängt«, sagt Stadtwerkechef Kempmann. »Sie denken, das Wasser kommt immer aus dem Hahn.«