Luxus-Ware
Rund zwei Milliarden Euro geben Eltern in Deutschland pro Jahr für Nachhilfe aus. Eine Investition, die sich offenbar lohnt, zumindest nach einer aktuellen Studie der Universität Bielefeld. Die Forscher befragten 418 Nachhilfeschüler des kommerziellen Anbieters Studienkreis und ihre Eltern. 69 Prozent der Schüler konnten demnach ihre Leistungen durch Nachhilfe verbessern, und das überraschenderweise nicht nur in ihrem Nachhilfefach. » Nachhilfe fördert anscheinend die Fähigkeit, selbstständig zu lernen, und verbessert allgemein das Arbeitsverhalten«, sagt der Bielefelder Pädagoge Eiko Jürgens, der die Studie leitete. Lernpotenziale, die die Schule nicht hinreichend ausschöpfe, würden durch die Nachhilfe abgerufen. Jürgens spricht deshalb von einem »Chancenausgleich«.
Von dem profitieren aber offenbar nur jene Schüler, die ohnehin schon höhere Bildungschancen haben: Haupt- und Gesamtschüler nehmen der Bielefelder Studie zufolge wesentlich weniger Nachhilfe in Anspruch.
In der Stichprobe waren sie mit zusammen 20 Prozent deutlich in der Minderheit. » Diese Schüler werden dreifach benachteiligt«, sagt Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende der GEW. Häufig seien die Eltern nicht in der Lage, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen, könnten sich aber auch keinen Nachhilfeunterricht leisten. Am Ende werde der ohnehin schon niedrige Schulabschluss nur mit mittelmäßigen Noten erreicht.
Die wenigen Haupt- und Realschüler, die Nachhilfe in Anspruch nehmen, bleiben zudem auch noch kürzer dabei. Für ein Viertel der befragten Gymnasiasten hingegen ist Nachhilfe nach zwei Jahren bereits zu einer festen Institution geworden, zu einer Art »emotionalem Stützkorsett«, wie Eiko Jürgens sagt. Sie diene dann mehr der Stärkung des Selbstbewusstseins als der Leistung.
Mangelndes Selbstvertrauen spürt auch Hans-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Philologen-Verbandes, bei einem Teil seiner Schüler.
»Die Fähigkeit, Misserfolge zu verarbeiten, ist geringer geworden«, sagt der bayerische Schulleiter. In diesen Fällen mache eine zusätzliche Förderung Sinn. Aber: »Nicht jedes Kind braucht Nachhilfe.
Es würde oft schon helfen, wenn die Eltern die Hausaufgaben kontrollieren oder sich Hefte vorlegen lassen.«
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.78
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