Die Natur und ihr Gegensatz, die Kultur, befinden sich bei genauerem Hinsehen in einem Zustand gegenseitiger Durchdringung, wenn nicht der Verworrenheit. Nehmen wir, pars pro toto, den Wald als die Wildnis schlechthin. Bei unserem heutigen Wald, forstwirtschaftlich genutzt, handelt es sich eher um eine Industrie als um eine organische Unübersichtlichkeit. Monokulturen ohne Unterholz, ohne Singvögel und ohne die mächtigen Tiere Wolf, Bär oder Luchs machen den Waldspaziergang zu einem vergleichsweise langweiligen Erlebnis, während ein gut angelegter Park dem Auge mehr Abwechslung und Fülle suggeriert. Der Wald verarmt, und auf der anderen Seite nimmt mit der Globalisierung die Verstädterung von Wildtieren zu. Füchse und Dachse finden sich auf Müllhalden und städtischen Friedhöfen ein, Tiere anderer Kontinente wie der Waschbär besetzen ökologische Nischen, neue Pflanzenarten siedeln auf Industriebrachen und anderen »gestörten Flächen«, wärmeliebende Schabenarten aus Ostasien hausen in heimischen Fernsehgeräten und Computern. Inzwischen findet sich in einem Reihenhausgarten ein größerer Artenreichtum als im deutschen Wald. Alle reden vom Umweltschutz. Doch welche Natur ist es, die wir schützen wollen ? Teil 7 der Serie "Die Zukunft der Natur". BILD

Die Frage, ob der Mensch Teil der Natur oder ob die Natur das ganz andere sei, scheint immer noch nicht beantwortet. Naturtheorien spiegeln den Zeitgeist, und am Verhältnis zur Natur zeigt sich das menschliche Selbstverständnis. Deshalb ist das Sprechen über Natur zuerst und beinah ausschließlich ein Sprechen über Anthropologie.

Im Verlauf der Geschichte war Natur selten etwas Neutrales. Als das Unkultivierte, Unkontrollierbare, Wilde stellte sie die Bedrohung der menschlichen Ordnung dar, als dasselbe Wilde, Fremdgewordene, Ungezwungene galt sie als Ziel der Sehnsucht, als verlorenes Paradies. Im Märchen und in der Romantik steht der Wald für eine Natur, in der sich Wunderbares und Beängstigendes zu ereignen pflegt. Der Wald, undurchdringlich und geheimnisvoll, ist der Ort der Prüfungen und der Verwandlung, der Ort, der das Individuum an seine Grenzen führt und diese Grenzen öffnet. Den Märchenwald haben durchschnittliche Erwachsene ins Innere verlagert, sei es als Freudsches Unbewusstes oder als Jean Pauls inneres Afrika, und er tritt als verwandelnde Macht in der Alltagskultur, etwa in der Mode (als Federboa oder Leopardenmantel) oder der Autoindustrie (als schwarze Raubkatze), symbolisch wieder in Erscheinung.

Was aber geschieht mit dem realen Wald? Er wirkt reizlos gegenüber einem Fernsehprogramm, in dem Bambi und Pu der Bär herumspringen, und in einer Welt, in der Reize entscheiden, kann Wald nichts anderes als Nutzholz bieten. Die Natur hingegen lockt, sei es als Werbebild oder als Wellnesswoche, und die seltsame Allgegenwärtigkeit von Naturbildern bei gleichzeitiger Ausbeutung und Missachtung der realen Gegebenheiten kann den Anschein erwecken, es sei letztlich alles Natur und daher egal, was wir tun.

Der westliche Lebensstil wird bei uns als das Natürliche empfunden, weil er das Vorherrschende ist – als gebe es eine höhere Macht, die uns alle zum Autofahren, Billigfliegen und Fernsehen zwingt. Es ist eine merkwürdige Autoritätshörigkeit, die der Einzelne sich selbst als Freiheitsgefühl verkauft. Es ist ein Lebensstil, der sich zum großen Teil aus Fantasietätigkeit, Literarisierungen, Narzissmus speist. Es ist eine Vereinnahmung der Außenwelt, um das Ich zu stabilisieren. Das Ich aber erweist sich bei näherem Hinsehen als Konstrukt. Je deutlicher das wird, desto heftiger der Stabilisierungsaufwand. Zwar behauptet sich die freie Entfaltung des Individuums als höchster Wert; aber da Freiheit erst einmal Leere bedeutet, erleben wir die panische Auffüllung dieser Leere mit Gegenständen, Statussymbolen und Komfort. Die Crux ist, dass Surrogate die Bedürfnisse langfristig nicht erfüllen, sondern vertiefen.

Da das Auto als Sex- und Statussymbol gelte, sei es unverzichtbar, war vor Kurzem in dieser Zeitung zu lesen. Ganz abgesehen von dem Licht, das damit auf Sexualität und Status geworfen wird, zeigt die Tatsache, dass das Auto bei uns die Position der heiligen Kuh einnimmt, in welchem Ausmaß wir ein Symbol höher schätzen als die Realität, in diesem Fall: die reale Natur. Solange am narzisstischen Lebensstil nicht gerüttelt wird, scheint es für diese Natur kaum noch eine Chance zu geben. Sie wird von Argumenten verdeckt und von Interessen zerstört. Umgekehrt werden Egoismus, Herrschsucht und Ignoranz damit gerechtfertigt, dass dies nun einmal die natürliche Beschaffenheit des Menschen sei.