Naturkatastrophe Traut dem Augenschein!

Ein Baum ist mehr als Nutzholz oder Nationalsymbol – er verdient Respekt. Plädoyer für einen radikal ästhetischen Umgang mit der Natur.

Die Natur und ihr Gegensatz, die Kultur, befinden sich bei genauerem Hinsehen in einem Zustand gegenseitiger Durchdringung, wenn nicht der Verworrenheit. Nehmen wir, pars pro toto, den Wald als die Wildnis schlechthin. Bei unserem heutigen Wald, forstwirtschaftlich genutzt, handelt es sich eher um eine Industrie als um eine organische Unübersichtlichkeit. Monokulturen ohne Unterholz, ohne Singvögel und ohne die mächtigen Tiere Wolf, Bär oder Luchs machen den Waldspaziergang zu einem vergleichsweise langweiligen Erlebnis, während ein gut angelegter Park dem Auge mehr Abwechslung und Fülle suggeriert. Der Wald verarmt, und auf der anderen Seite nimmt mit der Globalisierung die Verstädterung von Wildtieren zu. Füchse und Dachse finden sich auf Müllhalden und städtischen Friedhöfen ein, Tiere anderer Kontinente wie der Waschbär besetzen ökologische Nischen, neue Pflanzenarten siedeln auf Industriebrachen und anderen »gestörten Flächen«, wärmeliebende Schabenarten aus Ostasien hausen in heimischen Fernsehgeräten und Computern. Inzwischen findet sich in einem Reihenhausgarten ein größerer Artenreichtum als im deutschen Wald.

Die Frage, ob der Mensch Teil der Natur oder ob die Natur das ganz andere sei, scheint immer noch nicht beantwortet. Naturtheorien spiegeln den Zeitgeist, und am Verhältnis zur Natur zeigt sich das menschliche Selbstverständnis. Deshalb ist das Sprechen über Natur zuerst und beinah ausschließlich ein Sprechen über Anthropologie.

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Im Verlauf der Geschichte war Natur selten etwas Neutrales. Als das Unkultivierte, Unkontrollierbare, Wilde stellte sie die Bedrohung der menschlichen Ordnung dar, als dasselbe Wilde, Fremdgewordene, Ungezwungene galt sie als Ziel der Sehnsucht, als verlorenes Paradies. Im Märchen und in der Romantik steht der Wald für eine Natur, in der sich Wunderbares und Beängstigendes zu ereignen pflegt. Der Wald, undurchdringlich und geheimnisvoll, ist der Ort der Prüfungen und der Verwandlung, der Ort, der das Individuum an seine Grenzen führt und diese Grenzen öffnet. Den Märchenwald haben durchschnittliche Erwachsene ins Innere verlagert, sei es als Freudsches Unbewusstes oder als Jean Pauls inneres Afrika, und er tritt als verwandelnde Macht in der Alltagskultur, etwa in der Mode (als Federboa oder Leopardenmantel) oder der Autoindustrie (als schwarze Raubkatze), symbolisch wieder in Erscheinung.

Was aber geschieht mit dem realen Wald? Er wirkt reizlos gegenüber einem Fernsehprogramm, in dem Bambi und Pu der Bär herumspringen, und in einer Welt, in der Reize entscheiden, kann Wald nichts anderes als Nutzholz bieten. Die Natur hingegen lockt, sei es als Werbebild oder als Wellnesswoche, und die seltsame Allgegenwärtigkeit von Naturbildern bei gleichzeitiger Ausbeutung und Missachtung der realen Gegebenheiten kann den Anschein erwecken, es sei letztlich alles Natur und daher egal, was wir tun.

Der westliche Lebensstil wird bei uns als das Natürliche empfunden, weil er das Vorherrschende ist – als gebe es eine höhere Macht, die uns alle zum Autofahren, Billigfliegen und Fernsehen zwingt. Es ist eine merkwürdige Autoritätshörigkeit, die der Einzelne sich selbst als Freiheitsgefühl verkauft. Es ist ein Lebensstil, der sich zum großen Teil aus Fantasietätigkeit, Literarisierungen, Narzissmus speist. Es ist eine Vereinnahmung der Außenwelt, um das Ich zu stabilisieren. Das Ich aber erweist sich bei näherem Hinsehen als Konstrukt. Je deutlicher das wird, desto heftiger der Stabilisierungsaufwand. Zwar behauptet sich die freie Entfaltung des Individuums als höchster Wert; aber da Freiheit erst einmal Leere bedeutet, erleben wir die panische Auffüllung dieser Leere mit Gegenständen, Statussymbolen und Komfort. Die Crux ist, dass Surrogate die Bedürfnisse langfristig nicht erfüllen, sondern vertiefen.

Da das Auto als Sex- und Statussymbol gelte, sei es unverzichtbar, war vor Kurzem in dieser Zeitung zu lesen. Ganz abgesehen von dem Licht, das damit auf Sexualität und Status geworfen wird, zeigt die Tatsache, dass das Auto bei uns die Position der heiligen Kuh einnimmt, in welchem Ausmaß wir ein Symbol höher schätzen als die Realität, in diesem Fall: die reale Natur. Solange am narzisstischen Lebensstil nicht gerüttelt wird, scheint es für diese Natur kaum noch eine Chance zu geben. Sie wird von Argumenten verdeckt und von Interessen zerstört. Umgekehrt werden Egoismus, Herrschsucht und Ignoranz damit gerechtfertigt, dass dies nun einmal die natürliche Beschaffenheit des Menschen sei.

Leser-Kommentare
  1. eine Freude.

    • Hagmar
    • 09.04.2007 um 13:45 Uhr

    Guter Artikel, dachte ich, den Namen muß ich mir merken. Aber irgendwo hakt’s. Ich lese ihn nochmal. Natürlich habe ich gedankliche Perlen im Text gefunden, aber da sind auch ein paar Behauptungen, Schlüsse, Vergleiche, die etwas im luftleeren Raum stehen. Sind die (für mich) nötigen weitergehenden, erläuternden Gedanken dem Redigieren des Textes zum Opfer gefallen? „Der Wald verarmt, und auf der anderen Seite nimmt mit der Globalisierung die Verstädterung von Wildtieren zu.“ Wieso speziell mit der Globalisierung? Bitte erklären.
    „Man sieht die Fragwürdigkeit eines Lebensstils (der, mit Liebe betrachtet, seine Berechtigung hat wie die Hässlichkeit von Tiefseefischen)“ Mit Liebe betrachtet erhält etwas seine Berechtigung?? Für die Fragwürdigkeit eines Lebensstils kann ich, mit Liebe betrachtet, Verständnis aufbringen, aber erhält der Lebensstil dadurch Berechtigung? Und auch die „Hässlichkeit von Tiefseefischen“ bekommt doch nicht „mit Liebe betrachtet“ Berechtigung! Sie sind wie sie sind und brauchen nicht einmal unsere Betrachtung, geschweige denn unsere Anmassung, ihre Existenz trotz ihrer „Hässlichkeit“ für berechtigt zu halten.
    „Ästhetik ist das Gegenteil der Unterhaltungsindustrie“. So eine Aussage steht für mich im luftleeren Raum. Warum hier gerade Unterhaltungsindustrie?

    Der hier zitierte Gebrauch von Reizworten wie Globalisierung und Unterhaltungsindustrie hat m.E. etwas von Rundumschlägen, die für mich die Qualität des Artikels eher schmälern. Ich hätte ein starkes Bedürfnis, mit Frau Poschmann zu reden, zu streiten, mehr von ihren Gedanken zu erfahren. Das ist mehr, als ich von so manchem Artikel in der Zeit sagen kann. Deshalb nochmal: Guter Artikel, den Namen werde ich mir merken.

  2. Könnte Frau Poschmanns Unbehagen nicht damit zu tun haben, dass sie gerade im Übergang zweier Modetrends grossgeworden ist? Auf der einen Seite die Ökos in ihrem renovierten Bauernhöfen mit Massivholzmöbeln, ihren Schlabberkleidern und Birkenstocksandalen, mit Kräutertee in selbstgetöpfertem Steingut. Die Kräuter natürlich aus dem eigenen Garten. Auf der anderen Seite die Neuen Urbanen, mit Designerkleidung und Designerküchen. Mit dem ganzen High-Tech in Zimmern, in denen es nur Glas, Edelstahl und blaue Leuchtdioden gibt und wo es ausieht wie in einer Raumstation.

    Offenbar kommen die Anhänger der jeweils 'reinen Lehre' ganz gut mit sich zurecht. In manchen Häusern muss man ja heute nur eine Treppe herauf- oder heruntergehen um in die jeweilige Parallelwelt zu gelangen.

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