Theater Die Rettung muss verzögert, verzögert, verzögert werden
Theater in New York: Bernard Weinraubs Stück »The Accomplices« beleuchtet die US-Flüchtlingspolitik in der Nazizeit – und wirft ein Schlaglicht auf die Gegenwart.
Die amerikanische Gesellschaft braucht immer eine Narration, um die Welt und sich selbst zu begreifen. Eher wird die Realität an die Erzählung angepasst, als dass sich Amerikaner mit weniger als dem Hollywood ending zufrieden gäben. Im Moment wird gerade das Drama »Krieg um den Irak« aufgeführt. Akt I: »Shock and Awe« mit dem Sturz der Saddam-Statue als plot point. Akt II: »Wir gewinnen die Herzen und bringen die Demokratie!« Akt III: Happy End. Dass sich die Iraker nicht an das Drehbuch halten, verstört viele Amerikaner zutiefst.
Eine andere wichtige Erzählung ist die vom Zweiten Weltkrieg; in ihr wird die Befreiung Europas und der Versuch der Rettung der Juden beschrieben. Der plot point am Ende des zweiten Akts ist die überraschende Entdeckung der KZs 1945. Aus dem nationalen Drehbuch wurde alles herausgestrichen, was verstört; etwa Stalin als Alliierter, aber auch der Umstand, dass die europäischen Juden von Amerika zurückgewiesen wurden und die USA und ihr Präsident Franklin D. Roosevelt recht gut Bescheid wussten, was in Europa geschah.
Bernard Weinraub versucht nun, diese Erzählung wenigstens zum Teil zu demontieren. Weinraub war viele Jahre lang Hollywood-Korrespondent der New York Times, danach ging er mit den US-Truppen in den Irak. Nun hat er ein Stück geschrieben, The Accomplices (»Komplizen«), das jetzt am New Yorker Acorn Theater uraufgeführt wird.
Das Stück stützt sich auf Forschungsergebnisse des David S. Wyman Institute for Holocaust Studies und bringt historische Figuren auf die Bühne: Roosevelt, Breckinridge Long, der im State Department für Flüchtlinge zuständig war, Finanzminister Henry Morgenthau, Rabbi Stephen Wise, der Vorsitzende des World Jewish Congress, und Hillel Kook alias Peter Bergson, Neffe des Großrabbis von Jerusalem und Mitglied der Untergrundarmee Irgun. Weinraub schafft es, der Geschichte treu zu bleiben – er lässt seine Figuren historische Dokumente zitieren, wie etwa das berühmte Memo aus dem State Department, wonach die Erteilung von Visa an Juden »verzögert und verzögert und verzögert« werden müsse. Aber trotzdem ist das Drama keine Sekunde papieren. Das liegt vor allem an der Leidenschaft von Bergson (Daniel Sauli), der unermüdlich, verzweifelt und zäh alles tut, um Wise, Morgenthau und zum Schluss Roosevelt selbst aufzurütteln: Briefe, Fundraiser, Anzeigen, Gespräche mit Senatoren, sogar Schmuggel von geheimen Papieren. Endlich, in einer ergreifenden Szene am Ende des erstens Akts, stehen jüdische Theaterleute im ausverkauften Madison Square Garden und erzählen von grausamen Morden an Tausenden. Sie flehen, die Toten nicht zu vergessen und die noch Lebenden zu retten.
Aber Bergson hat keinen Erfolg — nicht einmal bei den eigenen Leuten. Wise fürchtet, es sich mit Roosevelt zu verderben, er hetzt Bergson das FBI auf den Hals. Roosevelt wiederum will auf keinen Fall, dass seine Amerikaner glauben, sie schickten ihre Söhne in einen Krieg für die Juden. Selbst Roosevelts Nichte agitiert in einer Kirche gegen die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge und rennt dabei offene Türen ein. Weinraub schont auch sein eigenes Blatt nicht: Die New York Times, lässt er Bergson klagen, schreibe nicht über die Massentötung von Juden, sondern verwende den Begriff »Zivilisten«.
Das Stück hat eine zufällige, aber schneidende Aktualität. Im Februar wurde bekannt, dass die USA den Asylantrag der Familie von Anne Frank abgelehnt haben, gleichzeitig machte die Flüchtlingskrise im Irak Schlagzeilen. Zwei bis drei Millionen Iraker leben unter entsetzlichen Bedingungen in Lagern, nur wenige Hundert sind von den USA aufgenommen worden. Aber anstatt irakischen Kindern zu helfen, schmort nun ein Antrag im Kongress, Anne Frank posthum die Staatsbürgerschaft zu verleihen. Das kostet wenigstens nichts.
Es ist schade, dass am Ende Weinraub selbst nicht der Versuchung widerstehen konnte, an der großen amerikanischen Heldenerzählung mitzustricken (oder vielleicht folgt er auch nur dem Wyman-Institut, das diese Zahlen in die Welt setzt): Im Jahr 1944 gründete Henry Morgenthau endlich das War Refugee Board. 200000 Juden seien so noch am Kriegsende gerettet worden, heißt es im Stück — Weinraub suggeriert, die USA habe 1944 diese Menschen aufgenommen. Tatsächlich liegt die gesamte Zahl der jüdischen Einwanderer von 1933 bis 1945 bei nur 170000. Die 200000, das sind Juden, die in Ungarn, Rumänien und Bulgarien untertauchen konnten; die USA nehmen für sich in Anspruch, dies durch Druck auf die dortigen faschistischen Regierungen bewirkt zu haben. Ein Happy End muss sein in Amerika, um jeden Preis.
Eva C. Schweitzer ist Autorin des Buches »Amerika und der Holocaust«, Droemer-Knaur-Verlag, München »The Accomplices«, Acorn Theatre, New York, 410 West 42nd Street, täglich 20 Uhr, außer Sonntag, bis zum 5. Mai
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
- Serie -
- Quelle DIE ZEIT, 04.04.2007 Nr. 15
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Die bulgarischen Juden haben ihre Rettung nicht Henry 'sterilize-'em-all' Morgenthau zu verdanken, sondern dem paepstlichen Nuntius in Sofia, Angelo Roncalli, dem spaeteren Papst Johannes XXIII.
Sie zeichnen ein sehr einseitiges Bild der USA und der Nazi-Zeit nach, dass auf eine plumpe anti-amerikanische Einstellung schließen lässt. Fakt ist, dass es in den dreißiger und vierziger Jahren in den USA mindestens acht explizite Anti-Nazi-Dramen am Broadway gegeben hat. Darunter sind Lillian Hellman, Watch on the Rhine (1941) Maxwell Anderson, Candle in the Wind (1941), Sinclair Lewis, It can’t happen here, Cliffort Odets, Till the day I die (1935),
Clare Booth, Margin for errors (1939), Elmar Rice, Judgement Days (1934) und S.N. Behrmann, Rain from heaven (1934). In Till the day I die wird die Verfolgung von deutschen Kommunisten klar dargestellt. In Clare Booths Komödie Margin for Errors wird ganz klar deutlich, dass Juden in Deutschland verfolgt werden. Das Stück wurde 264 Mal am Broadway aufgeführt. Dass die Politik nicht darauf reagierte und großzügige Einreisebestimmungen für verfolgte Juden verabschiedete lag allerdings bestimmt nicht an DEN Amerikanern, da es durch aus welche gab, die das anders sahen. Ich dachte, die Zeit würde die Probleme der Welt etwas differenzierter betrachten.
Dass es in den USA um 1940 einzelne engagierte Broadway-Künstler gab, die Stücke über den Holocaust aufgeführt haben, geht aus dem Artikel ja klar hervor; darum geht es in dem von mir besprochenen Stück ja überhaupt erst.
Dass die Politik darauf nicht reagierte, ist allerdings kein lässlicher Schönheitsfehler, sondern der eigentliche Skandal. Engagierte Stückeschreiber gibt es überall, es kommt schon darauf an, was die Mehrheit der Bevölkerung tut.
Und natürlich lag diese Einwanderungspolitik an 'den Amerikanern', Amerika ist eine Demokratie, und die Leute, die Gesetze machen, werden gewählt. Zur Nazizeit haben sich 85 Prozent der Amerikaner dagegen ausgesprochen, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen (da gibt es Umfragen von 'Fortune'), darauf hat Roosevelt Rücksicht genommen, um wiedergewählt zu werden.
Gerade wenn es so viele Stücke am Broadway (und teils auch im Kino) gab, muss man sich fragen: Warum waren trotzdem 85 Prozent dagegen?
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