Ich habe einen Traum Oscar Niemeyer »Wenn man sich zum Himmel wendet, sieht man, dass wir alle klein sind. Wer sich für wichtig hält, ist ein Esel«
Wenn ich ein Bauwerk entwerfe, dann träume ich mich an den Ort, an dem es stehen soll. Ich sehe ihn mit geschlossenen Augen vor mir, träume mein Gebäude ins Bild hinein und schaue, wie es die Stimmung dort widerspiegelt.
Ohne diese Fähigkeit könnte ich schon lange nicht mehr arbeiten, denn ich steige in kein Flugzeug, um eine Baustelle in natura zu sehen. Ich hasse fliegen. Ich habe es immer gehasst. Einige der wichtigsten Termine meines Lebens habe ich verpasst, weil ich in letzter Sekunde umgekehrt bin und mich geweigert habe, ins Flugzeug zu steigen. Das war natürlich unangenehm, man musste anrufen und sagen: »Tut uns leid, Niemeyer kommt etwas verspätet. Etwa drei Wochen, wir nehmen das Schiff.«
Ohne die Fähigkeit, zu träumen, könnte ich auch mein Arbeitszimmer nicht benutzen. Es liegt direkt an der Copacabana, aber es ist eine Kammer mit Fenster zum Lichtschacht, und das ist quasi zugemauert.
Aber ich arbeite hier hervorragend, denn die Architektur findet in meinem Kopf statt. Alles, was ich brauche, ist ein Zeichentisch.
Mit einem Bauwerk will ich also die Eigenart des Ortes spiegeln. Das heißt aber nicht, dass ich meinen Stil der Umgebung anpasse. Ich habe in verschiedensten Ländern entworfen: den Sitz der Kommunistischen Partei in Paris, das Verlagshaus von Mondadori in Mailand, vor Kurzem ein Spaßbad für Potsdam. Trotzdem habe ich das Wesen meiner Architektur nie verändert, sie ist die Gleiche geblieben, die immergleiche Suche nach der anderen Gestalt.
Zum Beispiel versuche ich, mit immer weniger Stützen zu bauen. Meine Bauten sollen immer leichter wirken, wie losgelöst. Geschwungen wie die Wellen des Ozeans, sinnlich wie der Körper einer Frau. Meine Architektur ist anders, das ist wesentlich für mich, sie ist Erfindung.
Und erfinden, das hat natürlich etwas mit träumen zu tun. Damals in den Fünfzigern, als wir unsere Hauptstadt Brasølia erfunden haben, als wir eine komplett neue Stadt für 600000 Menschen mitten in die Steppe gesetzt haben, da hatten wir alle diesen Traum. Wir träumten von der blühenden Zukunft unseres Landes.
Unser damaliger Präsident Juscelino Kubitschek kam zu mir nach Hause.
Wir hatten schon ein gemeinsames Projekt hinter uns, und nun sagte er: »Oscar, du hast vier Jahre Zeit. Bau mir eine Hauptstadt!« Stellen Sie sich vor, eine Hauptstadt in vier Jahren, Regierungssitz, Verwaltung, Wohnhäuser das ist eigentlich unmöglich.
Aber wir hatten Feuer gefangen für diese Idee, und das ganze Land hat mit uns geträumt. Die neue Stadt sollte dem armen Landesinneren den Aufschwung bringen. Es sollte keine Slums geben, in den Wohnblocks sollte der Minister neben dem Chauffeur leben. Ich erinnere mich, wenn wir mit dem Auto diese endlosen Kilometer durch die Steppe fuhren: Uns begegneten Lkw voller Bauarbeiter, die aus allen Teilen des Landes kamen! Sie wollten an Brasølia mitarbeiten, sie dachten, dass sie dort Arbeit und ein glückliches Leben finden würden. Brasølia erschien wie ein Versprechen, die Armut hinter sich zu lassen.
Vier Jahre lang haben wir dann fast Tag und Nacht gearbeitet. Ich wurde nicht sehr gut bezahlt, darum habe ich mir einige Freiheiten genommen, zum Beispiel einzustellen, wen ich wollte. Auf der Baustelle waren Leute unterwegs, die noch nie etwas von Architektur gehört hatten. Der Torwart von Rios Fußballclub Botafogo zum Beispiel, ein Freund von mir, der Geld brauchte. Und einige andere, die einfach klug waren.
Mit ihnen konnte ich über meinen eigenen Traum reden. Ich war schon damals Kommunist und bin es bis heute, ich träumte von einer gerechten Welt, mit gleichen Chancen für alle Menschen. Auch dort, auf der staubigen Baustelle, brauchte ich Leute zum Diskutieren, über Politik, Philosophie, es kann nicht vier Jahre lang nur um Architektur gehen.
Und nützlich machen kann man sich auf einer Baustelle immer, nicht wahr?
Wesentlich war für mich, dass die Stimmung gut blieb, enthusiastisch.
Diesen Optimismus, den Traum von einer blühenden Zukunft Brasiliens, der in den Fünfzigern mein Land beherrschte, den brauchten wir, um unsere Hauptstadt zu bauen. Dass er zum Albtraum werden würde, habe ich nicht geahnt. Viele meiner Freunde hat es härter getroffen als mich. Sie wurden gefoltert, eingesperrt, als das Militär 1964 die Macht übernahm. Sie sollten unseren Traum von Gleichheit und Gerechtigkeit verraten. Als Kommunist und als jemand, der den Mund nicht halten kann, musste ich nach Europa ins Exil gehen.
Währenddessen zogen die Diktatoren in Brasølia ein, um meine Landsleute zu terrorisieren.
Meinen Traum haben sie nicht zerstört. Ich habe ihn bewahrt, bis heute. Der Traum handelt von einer neuen Weltordnung, sie muss nicht kommunistisch sein. Aber es geht gerecht zu, und alle Menschen sind gleich. Davon träume ich, und daran glaube ich.
Ich verehre die Philosophie, mit ihr wird man empfindsamer für die Welt. Schon seit Jahrzehnten treffe ich mich mit Freunden zum Philosophiekreis in meinem Büro, jeden Dienstag. Diese Woche geht es um Aufklärung. Nicht Kant, den hatten wir schon. Eigentlich hatten wir alles schon, wir haben dann wieder von vorn angefangen. Um einen deutschen Philosophen geht es, den ich sehr mag, aber dessen Name mir just entfallen ist. Er hat gesagt, und das hat mir gefallen: Der Verstand ist der Gegner der Vorstellungskraft! Heidegger! Den werden wir besprechen.
Es ist ein Zeitvertreib, aber ich glaube, dass jede Universität jeden Studenten Philosophie lehren sollte, Geschichte und Literatur. Damit man nicht am eigenen Fachgebiet klebt. Man muss kein Intellektueller werden, aber man sollte sich eine weite Sicht der Welt aneignen.
Mir hat man zum Beispiel im Laufe meiner Karriere mehrere Architekturpreise aberkannt, aufgrund meiner politischen Überzeugung.
Das hat mich geärgert, aber zugunsten meiner Laufbahn hätte ich niemals aufgehört, meine Meinung zu sagen. Und wenn mir die USA mal wieder ein Visum verweigern, weiß ich wenigstens, dass ich noch auf der richtigen Seite stehe.
Es war nie meine Absicht, Reichtum anzuhäufen, es käme mir komisch vor, wenn ich sehr viel Geld hätte. Für Brasølia bin ich wie ein Angestellter bezahlt worden, nicht der Rede wert. Trotzdem, bis heute sind mir öffentliche Aufträge am liebsten. Bauten, die nicht nur alle Menschen betrachten, sondern auch benutzen können. So wie die Schule, die ich entworfen habe und die in Brasilien tausendfach gebaut wurde.
So wie meine Kirchen und Museen und das Schwimmbad in Potsdam. Der Entwurf für das Bad war etwas teuer geraten, darum haben wir ihn verkleinert. Es wäre schön, wenn es noch gebaut würde und den Leuten Freude machen könnte.
Wir haben nur das eine Leben auf der Erde, nicht wahr? Das muss man nutzen. In meinem Traum hilft einer dem anderen ohne Zwang, einfach weil er Gefallen daran findet. Letztlich ergibt unsere Zeit auf der Erde nur Sinn, wenn wir auf irgendeine Weise nützlich sind, wenn wir dafür kämpfen, dass die Welt besser wird.
Wenn man sich zum Himmel wendet, sieht man, dass wir alle klein sind.
Wer sich für wichtig hält, ist ein Esel. Wir haben die Frauen, die Freunde, sind fröhlich, aber wir wissen, das Leben dauert nur eine Minute. Für diese Winzigkeit sind wir hier. Ich habe immer die Leidenschaft gesucht, die Überraschungen. Wenn die fehlen, wird es langweilig. Ich habe viel gekämpft, aber auch viel gefeiert, häufig recht ausgelassen. Aber wir haben immer andere respektiert. Ich erinnere mich, wie ein Hausbesitzer uns Gäste mal inständig darum bat, während der Party nicht nackt im Garten herumzulaufen. Das haben wir dann auch nicht gemacht.
Und jetzt bin ich müde.
Aufgezeichnet von Frauke Niemeyer
Foto von Albrecht Gerlach
Audio www.zeit.de/audio
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.70
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