Pädagogik Jedem seine Schanze
Schüler als Entdecker: Zusammen mit ihrem Lehrer Werner Störk stürmen sie alte badische Verteidigungsanlagen und finden Gold im Rhein. Geologen und Archäologen sind beeindruckt.
Da steht er in der Morgensonne, der Herr Störk. Die Schuhe im feuchten Laub, die Lederweste über dem Hemd. Er hat die Landschaft und sein Gefolge fest im Blick. So hat vor über 300 Jahren, vielleicht, auch der Markgraf Wilhelm Friedrich von Baden hier gestanden, als er seine Verteidigungsanlage plante. Längst ist der Besieger der Osmanen und Feind der Franzosen in die Geschichte eingegangen. Doch das Erbe des »Türkenlouis« ruht noch heute im Wald: hohe Wälle bis zum Horizont, ein Hindernis nach dem anderen, getarnt von der Natur.
»Vorsicht! Gestern hat’s geregnet«, ruft Werner Störk, als seine Begleiter die Hügel erklimmen. »Zwei Teams bilden, zum Vermessen. Ein wenig zackig«, schallt er hinterher. »Ich bin halt nicht so schnell, Herr Störk«, mault einer. »Wie Montag in der ersten Stunde«, ruft der zurück. Lachen im Wald, aus fünf Kehlen, viermal hoch, einmal tief.
Der Lehrer und seine Schüler erobern an diesem Samstag wieder einmal ein Stück Kriegsgeschichte. Insgesamt sind die Anlagen des Türkenlouis 200 Kilometer lang, ein ganzes Netz von Schanzen, Wällen und Kommunikationslinien, das sich über den Schwarzwald erstreckt. Am Ende des 17. Jahrhunderts errichtet, um den Franzosen den Weg abzuschneiden, geriet es schließlich fast in Vergessenheit. Vor fünf Jahren noch waren im südlichen Teil nur acht Anlagen bekannt, inzwischen sind 120 hinzugekommen – entdeckt von Störk und seinen Schülern. »Nirgendwo anders sind Schanzen so gut untersucht worden«, sagt der Archäologe Bertram Jenisch von der Denkmalpflege des Regierungspräsidiums Freiburg. »Ich kenne nichts Vergleichbares.« Und damit meint er nicht nur die Schanzen, sondern auch deren Entdecker: den Lehrer und die Haupt- und Werkrealschüler der Schopfheimer Friedrich-Ebert-Schule.
Diese Schüler sagen Sätze wie: »Es interessiert mich, was hier früher los war« oder »Schanzen entdecken macht Spaß«. Sie haben rot gefärbte Strähnen im Haar, tragen Jeans und Basecaps. Mittwochs bauen sie Dioramen, samstags gehen sie in den Wald oder zum Goldwaschen und sonntags besuchen sie Ausstellungen. Der Deutsche Preis für Denkmalschutz steht in ihrem Regal, sie arbeiten mit Universitäten zusammen, und das Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie hat für die Analyse der Himmelsscheibe von Nebra von ihnen Goldproben angefordert – aus den vergangenen 25 Jahren. So lange nämlich forschen, schürfen und entdecken die Schopfheimer Schüler schon. So lange gibt es auch ihre Arbeitsgemeinschaft Minifossi. Und deren Leiter war von Anfang an Werner Störk.
Der Störk, sagen sie in Schopfheim, ist Minifossi, und Minifossi ist Störk. Er fährt seine Schüler im Auto herum, sitzt abends über Büchern nach, wenn sie Fragen haben, und finanziert die Arbeitsgemeinschaft zum Großteil aus eigener Tasche. »In Absprache mit meiner Frau.« Manchmal fragen die Kollegen: »Warum tust du dir die zusätzliche Arbeit an?« Vielleicht, weil du keine leichte Jugend hattest oder an einer Profilneurose leidest? Weil du bewusst immer schon Hauptschullehrer werden wolltest? Werner Störk muss dann lachen. Nein, er tut es, weil er das Gefühl zurückbekomme, dass seine Arbeit anerkannt werde – und weil er an die Jungen und Mädchen glaubt.
Er sieht in ihnen nicht diejenigen, die es nicht auf das Gymnasium geschafft haben, sondern künftige Bäcker, Firmenchefs und Kaufleute: »Menschen, denen wir unseren Lebensalltag anvertrauen wollen. In der Hauptschule fallen lebenswichtige Entscheidungen. Danach sind sie 40 Jahre im Beruf. Hier kann man die Schüler zu Leistungen animieren, die man gängigerweise nicht von ihnen erwartet.«
Das hat er schon als junger Lehrer gemerkt. Irgendwann in den Achtzigern hat er ein paar wilde Jungs an den Projekttagen zum Goldwaschen mitgenommen. »Wir haben tatsächlich welches gefunden, und die Schüler tauten auf.« Mittlerweile haben sie den Rhein mit seinen Zuflüssen bis nach Frankfurt systematisch untersucht und besitzen die größte Rheingoldsammlung der Welt. Und sie gingen ins Naturkundemuseum. Da war Gestein, mit wunderbarer Struktur. Woher? Aus der Region! »Wir möchten auch so etwas finden«, sagten die Schüler. Beim Goldwaschen blitzte es plötzlich grün in der Schüssel. Warum? Hier wurde einst das für die Region typische grüne Waldglas produziert.
- Datum 05.04.2007 - 07:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.04.2007 Nr. 15
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