Ökologie Nicht mehr tragbar
In San Francisco wird die Plastiktüte verboten. Auch hierzulande könnte sie bald verschwinden.
Vor ein paar Jahren begann ich, in einem Berliner Bioladen einzukaufen, am Anfang nur wegen der Äpfel, die besser schmeckten als die aus dem Supermarkt. Dann nahm ich auch andere Dinge mit, so viele, dass ich am Ende häufig eine Tasche brauchte. Die Ladenbesitzerin guckte irgendwie komisch, als ich eine Plastiktüte kaufte. Waren ihr die zehn Cent pro Stück nicht genug? Hielt sie mich für einen Umweltsünder? Im Biomarkt gibt es auch Tüten aus hässlichem braunem Papier, sie liegen gut sichtbar auf einem großen Stapel neben der Kasse. Eine solche hält nie länger als bis nach Hause, spätestens an der Wohnungstür reißt der Griff. Sie kostet 25 Cent, mehr als das Doppelte wie die reißfeste Alternative. Die Investition lohnt sich trotzdem, man bekommt dafür Mehrwert: das Gefühl, ein ökologisch korrekter Konsument zu sein. Seit ich sie benutze, bilde ich mir ein, dass der Blick der Ladenbesitzerin freundlicher geworden ist.
Daheim stopfe ich die leere Tüte mit Altpapier voll und schmeiße sie weg. Das ist leider ziemlich unökologisch. Tüten aus Papier sind nicht umweltfreundlicher als jene aus Kunststoff, in der Schadstoffbelastung bei der Herstellung wie bei der Beseitigung. Das fand das Umweltbundesamt schon in den achtziger Jahren heraus – und Plastiktüten kann man ja noch öfter verwenden. Trotzdem steht das Papierpendant immer noch im Ruch des Guten. In San Francisco soll die Plastiktüte nun verboten und durch Papier- und Stofftaschen ersetzt werden, zum ersten Mal in einem Industrieland (das afrikanische Ruanda tat dies schon vor drei Jahren); das haben die Stadtverordneten vorige Woche beschlossen. Droht der Plastiktüte bald auch in Europa das Ende, Folge eines Moralexports wie beim Nichtraucherschutz?
Die Tüte hat nicht nur in meinem Bioladen ein Imageproblem.
Wenige Alltagsgegenstände sind mit einem so hohen Symbolwert beladen – und dabei so flüchtig, zum schnellen Benutzen und Wegwerfen gemacht. Mit dem Aufdruck Aldi oder Lidl ist die Plastiktüte ein Zeichen sozialen Abstiegs. Teures wie etwa Designermode wird dagegen in solide wirkende Papptaschen gepackt, um die Aura des Kostbaren nicht zu beschädigen. Anders als die Tüte aus Papier findet sich ihre zähe Schwester oft in den Schlagzeilen, weil sie mit ihrer Glätte und Körperfeindlichkeit den Grusel erhöht (»Baby in Plastiktüte entsorgt«). Sie provoziert auch die Umdefinierung ihrer Wertlosigkeit, etwa in der Kunst. Zur Documenta 1972 bedruckte Joseph Beuys Tausende von Plastiktüten. Und es gibt da diese schöne Szene in dem Film American Beauty , wo eine Plastiktüte im Wind treibt und jemand sagt, er habe nie etwas Schöneres gesehen. Generell wird ignoriert, dass die Plastiktüte auch ästhetisch einiges zu bieten hat, wenn nicht gerade »Karstadt« draufsteht.
- Datum 06.04.2007 - 07:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.04.2007 Nr. 15
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z. B.
http://www.biotec.de/dt/i...
hätte genügt, um auf einen weitere Alternative zu kommen: Tüten aus nachwachsenden Rohstoffen. Kein Platik kein Papier, kein überteuerter Stoffbeutel.
Tüten aus Stärke werden die zukunft sein - die sind sogar kompostierbar.
ich benutze die plastiktueten immer anschließend als
'abfalleimer' und mülltuete (diese mülltuetenabzocke mache ich doch nicht mit...) , die ich dann in den großcontainer des mehrfamilienhauses werfe. von dort duerfte sie ja auch einer fachgerechten entsorgung, bzw. verbrennung zugefuehrt werden. das ist meine persönliche kreislaufwirtschaft.
d.h. wenn es die nicht mehr gäbe, hätte ich wieder eine ökonerverei mehr, nämlich durchgesuppte, gerissene papiertueten mit den igitt-folgen....
Sehen wir das ganze doch mal...
Aus einer achtlos weggeworfenen Papiertüte ist binnen Jahresfrist Biomasse geworden.
Bei einer Plastiktüte kann man lange darauf warten.
... ist der lachende Dritte. Sie wird nicht weggeworfen. Sie hilft einfach Müll vermeiden. Sie hilft auch bei der Vermeidung von Reizüberflutung durch Werbung auf Plastiktüten. Werbung sehe ich auf als visuelle Umweltverschmutzung. Aber das Thema ist erst in 20 Jahren auf der Tagesordnung.
Wenn in Ruanda die Plastiktüten verboten sind hat das sicher andere Gründe. So eine Tüte ist nun mal ein potentielles Folterwerkzeug.
Genau, die ungenügende Verrottung ist es, die auch mich vor allem stört. Wieviele dieser Tüten werden bei Stürmen durch die Stadt-und wirkliche Landschaft geweht - es wurden und werden immer mehr.
Wenn diese hier und da nun Vorteile haben und doch gebraucht werden (wie ging das nur früher, wo man nicht so selten ja nicht mal ohne Auto eingekauft hat(?) , so könnte man auf diese ja eine Steuer erheben, und dessen Ertrag für die Sammlung verstreuter Taschen nutzen.
Als ich zum ersten Mal Amerika besuchte, gab es zu meinem Erstaunen in jedem Supermarkt die schweren Papier-Einkaufstaschen, die man mehrfach verwenden konnte. Dann kamen die ersten Plastiktüten aus Europa, und alles schrie: 'Rettet unsere Wälder!' Jetzt ist es wieder umgekehrt, und man hat endlich begriffen, dass Papier Biomasse ist, und aus Erdöl produzierte Plastiktüten eben gerade nicht. Bäume kann man nachpflanzen. Erdöl nicht.
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